US-Forschung unter Beschuss von Trump: Regensburgs Uni-Präsident will kooperieren, nicht profitieren

Von Benedikt Baumgartner · 25. Juli 2025 um 09:00

Noch nie gab es mehr Drohungen und Dekrete gegen die freie Wissenschaft in den USA als zu Beginn der zweiten Amtszeit von Präsident Donald Trump. Fördermittel werden entzogen, ausländische Forschende und Studenten fürchten um ihre Visa, Forschungsfelder werden limitiert. Prof. Udo Hebel, Präsident der Universität Regensburg und Amerikanist, befasst sich seit mehr als 50 Jahren mit den Vereinigten Staaten. Im MZ-Gespräch ordnet er den Angriff auf die Forschung ein.

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Herr Hebel, wenn Sie aktuell in die USA schauen, blutet Ihnen dabei das Herz?

Prof. Udo Hebel: Wenn man verfolgt, was da seit einigen Monaten passiert seit der Amtseinführung am 20. Januar, dann ist es schon sehr besorgniserregend. Die Versuche der Trump-Administration, die Wissenschaftsfreiheit zu beschneiden, die Forschungsoptionen thematisch orientiert zu limitieren oder auch Mobilitäten zu reduzieren, stehen in deutlichem Widerspruch zu dem, wofür die USA als freie Gesellschaft steht, und dazu, was die amerikanische Wissenschaftslandschaft immer ausgezeichnet hat: Freiheit, Mobilität, Forschungsinnovation und vor allem das Freisetzen von Potenzial.

Das sind Punkte, die massiv unter Beschuss stehen.

Hebel: Was wir in den USA im Moment sehen ist ein Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit. Das ist Teil einer größeren politischen Agenda, die mit Elitenfeindlichkeit, mit Wissenschaftsfeindlichkeit, mit einer Themenreduktion in der Forschung und mit Angriffen auf gesellschaftliche Vielfalt einhergeht. Einige der größeren Linien, die dahinter stecken, sind leider in der US-amerikanischen Geschichte nicht neu.

Inwiefern?

Hebel: Eliten-Ostküsten-Skepsis gab es immer wieder in anderen Regionen der USA, zurück bis ins 19. Jahrhundert. Es gab auch immer wieder wissenschaftsfeindliche Bewegungen. Die Geschichte von Rassismus und Ethnozentrismus in den USA ist bekanntermaßen leider auch lang. Trump mag in gewisser Weise singulär anmuten, wie er seine Themen vorantreibt und medial bespielt. Aber er ist nicht völlig neu in dem, was er macht und vertritt.

Da entsteht ein gehöriges Maß an Unsicherheit und Frustration, dass sie in einem System arbeiten und leben, das vielleicht doch nicht mehr so frei ist.

Prof. Udo Hebel, Präsident der Universität Regensburg

Wie wirkt sich der Angriff auf die Forschungsfreiheit auf Ihre Kollegen in den USA aus?

Hebel: Aus den angestrebten inhaltlichen Vorgaben, aus der Kürzung von Mitteln, aus der Reduktion von Reiseoptionen entstehen zum Beispiel bei amerikanischen Kollegen und Kolleginnen jetzt durchaus Zweifel und Ängste, international zu reisen, weil sie befürchten, dass sie vielleicht nicht wieder in die USA einreisen können. Viele in den Universitäten haben entweder Green Cards oder andere Aufenthaltstitel. Da entsteht ein gehöriges Maß an Unsicherheit und Frustration, dass sie in einem System arbeiten und leben, das vielleicht doch nicht mehr so frei ist.

Besonders eingeschossen scheint sich Trump auf die Harvard University zu haben. Warum?

Hebel: Harvard ist die älteste und renommierteste amerikanische Universität und weltweit berühmt, verfügt über immense Ressourcen und damit über viel Unabhängigkeit. Harvard bietet ein liberales, diverses und freies, auch internationales Forschungs- und Lehrumfeld. Das Motto von Harvard ist nur ein Wort: „veritas“ – Wahrheit. Für Trump steht Harvard für mehr oder weniger alles, was er bekämpfen will.

Die Vorstellung, man könnte von der jetzigen Situation an den amerikanischen Universitäten profitieren, halte ich für problematisch, sehr schwierig und in Teilen für illusionär.

Prof. Udo Hebel, Präsident der Universität Regensburg

Einige Dekrete wurden richterlich gekippt. Hat Trump dennoch Erfolg mit den Attacken?

Hebel: In der Tat sind viele Entscheidungen anhängig. Insofern ist der Erfolg juristisch bisher eher limitiert. Aber die Angriffe auf Harvard und andere Universitäten haben ja auch die Stoßrichtung, dass Trump seinen Anhängern einen Angriff gegen etwas suggeriert, zu dem Teile seiner Wählerschaft keinen Zugang haben oder zu haben glauben. Insofern ist das für ihn eine recht grundsätzliche politische Angelegenheit, bei der es um Wissenschaftsfreiheit geht, aber auch um seine Strategie in einem größeren Zusammenhang. Trump und seine Berater wissen sicher, dass er mit dem Großteil der Angriffe nicht durchkommen wird, aber selbst ein medial inszeniertes Inzweifelziehen kann Schaden hinterlassen – ob das angedrohte Visa-Kündigungen für internationale Studierende, Forschungskürzungen oder Angriffe gegen Diversitätsprogramme sind.

Wenden wir den Blick von den USA nach Deutschland. Aus der Politik kamen schnell Forderungen, Spitzenforschern hier einen sicheren Hafen zu bieten, sie abzuwerben.

Hebel: Die Vorstellung, man könnte von der jetzigen Situation an den amerikanischen Universitäten profitieren, halte ich für problematisch, sehr schwierig und in Teilen für illusionär. Es wird meiner Ansicht nach nicht gelingen, großflächig Spitzenforscher – the best and the brightest – von den USA nach Europa oder nach Deutschland zu holen. Dafür bestehen weder die Forschungsinfrastrukturen noch die Fördermöglichkeiten, von Gehaltsstrukturen völlig zu schweigen. Zukunftsträchtiger ist es, auf junge Wissenschaftler zu schauen und ihnen die sehr guten Optionen in unserem Wissenschaftssystem näher zu bringen.

Wenn die freie Forschung in den USA eingeschränkt wird, verlieren alle?

Hebel: Wissenschaft ist per se immer international und grenzüberschreitend. Die freie Zirkulation von Wissen und die uneingeschränkte Mobilität von Personen sind zentral. Egal von welcher Richtung aus diese knowledge circulation und diese science mobility limitiert, attackiert, reduziert werden – es ist immer schlecht.

Jetzt ist wichtig, dass die Angriffe auf die unabdingbare Wissenschaftsfreiheit auch international klar gekontert und die Kooperationen intensiviert werden.

Prof. Udo Hebel, Präsident der Universität Regensburg

Wie reagiert die Uni Regensburg darauf?

Hebel: Wir müssen die Kooperation mit den amerikanischen Institutionen und mit Kollegen vor Ort in den USA stärken. Das tun wir auch hier an der Universität Regensburg. Wir haben vergangene Woche ein neues Abkommen unterschrieben mit einer Universität, wo wir bisher noch nicht waren. Wir intensivieren unsere Kooperation. Wir haben immer schon Professoren aus den USA berufen und Postdocs eingebunden. Das werden wir auch weiterhin tun.

Was erwarten Sie: Lassen die Attacken auf die US-Unis nach oder werden sie noch schärfer?

Hebel: Es gilt abzuwarten, was bei den entsprechenden Gerichtsentscheidungen tatsächlich rauskommt. Größere Öffentlichkeitswirksamkeit erreicht Trump wohl erst Anfang September, wenn überall in den USA die Semester wieder angefangen haben. Jetzt ist wichtig, dass die Angriffe auf die unabdingbare Wissenschaftsfreiheit auch international klar gekontert und die Kooperationen intensiviert werden.