Miese Motten-Masche? Regensburgerin (88) um wertvolles Erbstück gebracht

Haben sich Kriminelle in Regensburg eine neue Masche überlegt, um an Geld zu kommen? Eine Geschichte von Motten, Teppichen – und einer älteren Dame, die ihre letzten Andenken an eine längst vergessene Zeit verloren hat.
Sie war es schon gewohnt. Es war nicht das erste Mal, dass bei Roswitha R. (Name geändert, der Redaktion bekannt) das Telefon geklingelt hat und ein Unbekannter irgendetwas von ihr wollte. Angebliche Polizisten riefen schon an. Vermeintliche Staatsanwälte waren in der Leitung. Sie erzählten von verletzten Kindern oder Raubserien in der Nachbarschaft. „Das war alles Unsinn“, sagt Roswitha.
Irgendwann habe sie sich aus den Schockanrufen einen Spaß gemacht. Sie habe sich blöd gestellt, die Anrufer mit Nachfragen gelöchert und dann einfach aufgelegt. Sie wähnte sich sicher. Dann klingelte am Dienstag erneut das Telefon bei der 88-Jährigen.
Ein Mann war dran, erinnert sich Roswitha. Sie habe doch mal einen Teppich bei ihm gekauft, habe der Anrufer erzählt. „Der müsse mal wieder gereinigt werden, hat er gemeint.“ Roswitha hatte tatsächlich vor vielen Jahren zwei Teppiche erstanden. Die Sache kam ihr plausibel vor. Der Mann habe ihr mit Nachdruck angeboten, vorbeizukommen. Roswitha ließ ihn gewähren.
Auf einmal: Riesige Mottenkokons unter dem Teppich
Nach zwei Stunden stand der Unbekannte auf der Matte. Zielgerichtet sei er auf einen Teppich zu und habe ihn hochgehoben. Darunter: riesige Mottenkokons. „Mir fiel das Herz in die Hose“, sagt Roswitha. „So etwas habe ich noch nie gesehen. Das war eine ganze Hand voll Kokons.“
Der Unbekannte habe eindringlich gewarnt, man müsse nun das ganze Haus absuchen. Roswitha sagt, sie sei geschockt gewesen. Sie ging mit dem Mann in den ersten Stock. Der Unbekannte habe den Schrank geöffnet und sofort in ihrer Wäsche gewühlt, sagt Roswitha. Auch da habe er angeblich ein Mottennest gefunden. Sie sei gar nicht mehr mit dem Schauen hinterhergekommen, sagt die 88-Jährige. „Irgendwann kam meine Schmuckschatulle zum Vorschein. Sie stand einen Spalt offen. Da wurde ich stutzig.“ Der Unbekannte habe einfach weitergemacht.
Als er noch in ein anderes Zimmer wollte, habe sie heftig insistiert. Der Mann unterbreitete ihr daraufhin ein Angebot. Für 200 Euro könne er die Teppiche reinigen – allerdings nur, wenn sie das Geld in bar habe. Das habe sie abgelehnt, sagt Roswitha. Daraufhin sei der Mann gegangen.
Zahlreiche Schmuckstücke gestohlen
Roswitha blieb überrumpelt zurück. Als sie die Wäsche mühsam wieder einräumte, öffnete sie die Schmuckschatulle. Bis auf eine Perlenkette war alles weg. Auch ein Maria-Theresien-Taler war darunter, ein Andenken an ihre alte Heimat, das Sudetenland. „Wir mussten damals innerhalb von zwei Stunden alles packen und wurden von den Tschechen abtransportiert“, erinnert sich die 88-Jährige an die Zeit kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Auch zahlreiche andere Schmuckstücke sind weg. „Es waren die letzten Verbindungen zu meinen Urahnen.“ Die Stücke mögen keinen besonders großen Sachwert haben, sagt Roswitha. Der emotionale Wert sei dafür unschätzbar. „Ich wollte die Sachen meinen Nachkommen vermachen.“ Nun hat sie wohl der angebliche Teppich-Verkäufer. „Er hatte es vor allem auf Gold abgesehen.“
Für die Regensburgerin steht fest: „Der Mann hat die Motten mitgebracht.“ Sie habe noch nie Probleme mit den Tieren gehabt. „Wenn man die als Hausfrau sieht, setzt der Verstand aus. Das ist der perfide Trick.“ Sie will ihre Geschichte teilen, um andere zu warnen, sagt die 88-Jährige. Ihr blieb in Erinnerung, dass er bei der Verabschiedung Handschuhe getragen habe – bei der Begrüßung aber noch nicht. „Bestimmt wegen der Fingerabdrücke.“
Motten-Diebstahl: Polizei hat Ermittlungen aufgenommen
Tatsächlich hat sich Anfang Juli ein ähnlicher Fall in Ulm zugetragen. Ein Mann gab sich dort ebenfalls als Teppichhändler aus, rief eine 95-Jährige an und kündigte an, dass ein Vertreter ihren Teppich auf Mottenbefall prüfen müsse. Unter dem Teppich fand der angebliche Vertreter schließlich imaginäre Mottennester. Daraufhin „untersuchte“ er die Schränke der Frau. Später fehlte Schmuck.
Zurück nach Regensburg: Die Polizeiinspektion Regensburg Süd bestätigt, dass in dem Fall der 88-Jährigen ermittelt wird. Es liege eine Anzeige wegen eines Trickdiebstahls vor, sagt Sprecher Tobias Spangler. Man ermittle gegen Unbekannt. Der Unbekannte werde beschrieben als Süd- oder Osteuropäer, mit Dreitagebart und schwarzem Haar bis zu den Schultern. „Dieser sprach akzentfrei Deutsch.“
Roswitha R. kann nur den Kopf schütteln. „Wer kommt denn auf so eine Masche?“ Sie hege wenig Hoffnung, ihre Sachen wiederzubekommen, sagt die Seniorin. „Wer so etwas tut, hat kein Gewissen.“