Am Acker nebenan sprießen Transformatoren: So blicken Abbachhof-Anwohner aufs Umspannwerk

Ein Reh hüpft über das schmale Straßerl zwischen Weihern und Feldern. Es weist den Weg zum Abbachhof. Der ist für Familie Mißlbeck viele Orte in einem: Seit 35 Jahren leben Thomas und Elke dort, es ist die Heimat ihrer Familie. Mittlerweile hat die älteste Tochter mit Ehemann und Kind das Anwesen um ein Wohnhaus erweitert. Der Abbachhof ist zugleich die Existenz der Mißlbecks, sie betreiben dort ihre Fischerei und Räucherei mit Hofverkauf. Und er ist für sie ein kleines, völlig zurückgezogenes Natur-Idyll. All das scheint brüchig.
Denn Schlagzeilen macht der Abbachhof gerade als „Ort nebenan“, als direkt betroffener Nachbar des geplanten Umspannwerks im Norden von Regensburg. Das Feld gegenüber des Mißlbeck’schen Grundstücks wurde in der Standortsuche von Tennet als besonders geeignet eingestuft. Die erforderliche Fläche von über 20 Hektar hat der Stromnetzbetreiber bereits gekauft, Informationen über exakte Lage, Umsetzung des Baus und Zufahrtswege sind aber noch arg vage. „Man hat da schon schlaflose Nächte“, sagt Elke Mißlbeck zum unsicheren Status quo.
Über welche Wege rollen die Bagger an?
Aus ihrem Küchenfenster können die Mißlbecks das Feld sehen, das der Landbesitzer bislang ökologisch bewirtschaftet und nun an Tennet verkauft hat. Wie ihre Aussicht in ein paar Jahren aussehen wird, ob sie auf Transformatoren, einen Wall oder eine Begrünung schauen, steht noch in den Sternen. Ebenso unklar ist die Frage, wo die Lastwagen und Bagger in der Bauphase des Umspannwerks anfahren werden. Zu dem Acker führen nur schmale Feldwege.
Schwerlasttransporter statt Kinderfahrrräder
Das Sträßchen, das zu den Mißlbecks führt, ist der einzige asphaltierte Weg. Die zwei Kilometer lange Anbindung von der B16 hält Thomas Mißlbeck für die wahrscheinlichste Variante als Baustellen-Zufahrt. Doch für Hunderte Tonnen schwere Transformatoren sei der Weg völlig ungeeignet, sagt er. Und trotzdem könnten über die Wege, auf denen die Töchter der Mißlbecks einst das Radeln lernten, bald Schwerlasttransporter rollen.

Alles sei offen, erklärt Michael Kretzler, Tennet-Referent für Bürgerbeteiligung, auf MZ-Nachfrage. Die technische Umsetzung von Sicht- und Lärmschutz, die naturfachliche Untersuchung, die Streckenführung für Baufahrzeuge zum Umspannwerk-Standort – all das sei Gegenstand der Detailplanung. Gerade bei der Zuwegung müssen mehrere Szenarien durchgespielt werden, erläutert Kretzler. Das werde noch mehrere Monate in Anspruch nehmen. Er verspricht weiterhin Transparenz: „Sobald wir mehr wissen, werden wir auf die Anwohner und Kommunen zugehen.“ Bis Ende 2027 soll das Umspannwerk genehmigt sein, ab Frühjahr 2028 sollen die Bagger anrollen, die Inbetriebnahme könnte dann 2032 erfolgen.
Die Bandbreite, was das alles betrifft, können wir noch gar nicht abschätzen.
Elke Mißlbeck, künftige Nachbarin des Umspannwerks
Die Nachtruhe von Elke Mißlbeck wird noch eine Zeit lang unruhig bleiben, schließlich hängt auch die wirtschaftliche Existenz des Ehepaars an der Erreichbarkeit ihres Hofs. Hier betreiben sie ihre Fischerei und Räucherei, von hier aus startet das Verkaufsmobil zu Märkten in Regensburg und Wenzenbach, Kunden holen sich hier Fisch beim Ab-Hof-Verkauf. Wird er erreichbar bleiben, wenn die Zufahrtsstraße für den Umspannwerk-Bau ertüchtigt würde? Das ist eine von vielen offenen Fragen. Wie laut werden die Transformatoren sein? Wird das Umspannwerk beleuchtet? Hat das eine Wertminderung ihres Grundstücks zur Folge? „Die Bandbreite, was das alles betrifft, können wir noch gar nicht abschätzen“, sagt Elke Mißlbeck.

Ganz haben sie die Hoffnung noch nicht fahren lassen, dass der Kelch des Umspannwerks am Nachbar-Acker an ihnen vorbeigeht. „Letztlich muss das auch genehmigt werden von der Regierung der Oberpfalz“, sagt Thomas Mißlbeck. „Da hoffe ich, dass politisch noch Einfluss genommen werden kann.“
Wird Wenzenbach klagen?
Das Herzstück eines so großen, fast menschenlosen Gebiets industriell zu erschließen, kann er sich nicht vorstellen. „Oft klagen in solchen Fällen die Gemeinden“, sagt Elke Mißlbeck. Eine Klage erwartet sie in diesem speziellen Fall von der Gemeinde Wenzenbach allerdings nicht. Bei erfolgreichem juristischen Widerstand könnte nämlich die Fläche direkt am Fußenberger Wohngebiet wieder in den Fokus rücken. Die ist laut Tennet ebenfalls geeignet als Umspannwerk-Standort, hätte aber direkte Auswirkungen auf deutlich mehr Anwohner in der Nachbarschaft.
Am Abbachhof wohnen nur das Ehepaar Mißlbeck und ihre drei Töchter, eine mit Mann und Kind. Einzelne kleine Wochenendhäuschen stehen nebenan, das historische Abbachhof-Gebäude nutzt der Festspielverein Wenzenbach. Und bald beginnt wohl der Bau für ein Umspannwerk am Acker nebenan.