Französin erforscht Einsatz ihrer Mutter im Reichsarbeitsdienstlager in Parsberg

Wer ist die junge Frau auf dem angegilbten Schwarz-Weiß-Foto, das ihre Mutter seit 1944 aufbewahrt hat? Diese Frage bewegt Véronique Dubreuil-Ducept seit dem Tod ihrer Mutter. Die Spurensuche hat die Französin jetzt nach Parsberg in den Landkreis Neumarkt geführt – tief in die Zeit des Zweiten Weltkriegs.
„Ich habe mich auf diese Suche begeben, weil mich die Geschichte meiner Mutter sehr bewegt, fast so als hätte ich sie selbst erlebt“, sagt Véronique bei ihrem Besuch in Parsberg, der nicht nur für sie zu einer berührenden Begegnung wurde. Sie traf den Vorsitzenden des Fördervereins Burg/Museum Parsberg, Hans Skalet, und Bürgermeister Josef Bauer. „Ich wollte diese Reise der Erinnerung für meine Mutter machen – um mich von der Last zu befreien und innere Ruhe zu finden.“
Ihre Mutter Odile Claudepierre war eine der „Arbeitsmaiden“, die im Reichsarbeitsdienstlager (RAD) Parsberg Dienst leisten mussten. Aus den Entlassungspapieren, die die Tochter gefunden hat, geht hervor, dass Claudepierre vom 5. April bis zum 29. Oktober 1943 hier eingesetzt war,

Album mit Bildern aus der Kriegszeit
Als Odile im Januar 2019 verstarb, fielen der Tochter die Dokumente in die Hände. Um Antworten zu finden, wandte Véronique sich im Dezember 2024 an den Parsberger Bürgermeister und Hans Skalet. Den Kontakt zu diesem habe ihr ihr Freund Alexander Schmitz aus Bochum vermittelt, sagt sie dankbar.
Dankbar, dass sich die Französin die rund 1100 Kilometer von Ambert aus auf den Weg nach Parsberg gemacht hat, zeigt sich Bürgermeister Bauer. Es sei wichtig, diese schlimme Zeit aufzuarbeiten. Was im Dritten Reich geschehen sei, müsse Mahnung sein. Die deutsch-französische Freundschaft sei von größter Bedeutung.

Odile hatte ein ganzes Fotoalbum über das RAD, das Véronique zu ihrem Besuch nach Parsberg mitgebracht hat. Geboren wurde ihre Mutter am 31. Dezember 1924. Ihre gesamte Kindheit und Jugend verbrachte sie in Schirmeck, Elsass, einem Dorf, in dessen Nähe sich während des Krieges das Lager Natzweiler-Struthof befand, das einzige Konzentrationslager auf französischem Gebiet.
Mädchen aus dem Elsass zwangsrekrutiert
Als Elsässerin kam Odile zweifelsohne nicht freiwillig nach Parsberg, weiß Véronique: „Sie wurde wie 15 000 andere junge Mädchen ihres Alters aus dem Elsass und dem Moselgebiet zwangsrekrutiert und in diese Lager gebracht.“
Warum es Odile nach Parsberg verschlug, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Einer der Gründe war sicherlich, die jungen Frauen möglichst von ihren Familien fernzuhalten. Odile war gerade einmal 19 Jahre alt „und hatte zuvor noch nie ihre Familie verlassen“, berichtet die Tochter.
„Meine Mutter hat mir nur wenig über diese Zeit erzählt“, berichtet Véronique. „Ich weiß, dass im RAD strenge Disziplin herrschte, dass man jeden Morgen vor der Nazi-Flagge salutieren, dem Führer Treue schwören und die RAD-Anstecknadel mit dem Hakenkreuz tragen musste.“
Enge Freundschaft mit den Mitgefangenen
Odile arbeitete in dieser Zeit tagsüber auf Bauernhöfen. Nicht immer seien die jungen Frauen freundlich empfangen worden. „Was sie aufrecht hielt, war die Solidarität, die unerschütterliche Kameradschaft mit den anderen Mitgefangenen“, erzählt die Tochter. Ihr ganzes Leben lang sei ihre Mutter mit einer von ihnen eng befreundet gewesen.
„Aber das ist nicht die Frau auf dem Foto, das ich in ihrer Brieftasche gefunden habe“, sagt Véronique: „Vergesse nie deine Freundin, die mit dir die guten und die schlechten Zeiten verbracht hat!“, steht auf der Rückseite zu lesen. Sie wisse weder den Namen der Frau noch deren Nationalität: „Ich glaube, sie war eine sehr enge Freundin, fast wie eine Schwester.“ Doch Véronique hat inzwischen aufgegeben, sie zu identifizieren: „Man sagte mir, das sei so gut wie unmöglich“, bedauert die Französin.
Aus dem Nachlass ihrer Mutter hat Véronique auch den Pass, der Odile als „Deutsche Volkszugehörige“ und Büroangestellte ausweist, Arbeitszeugnis und ein abgegriffenes Buch mit dem Titel „Arbeitsmaiden in Altbayern“ dabei: Darin sind Widmungen von Odiles „Kameradinnen“ zu lesen: „Mein Wunsch ist klein, du mögest immer recht glücklich sein.“

„Wenn man im Fotoalbum blättert, könnte man denken, dass sie eine schöne Zeit hatten, aber man sollte sich nicht täuschen lassen“, meint Véronique. Abgesehen von kleinen Pausen sei der Dienst für die jungen Frauen sehr hart gewesen.
Laut Arbeitszeugnis wurde Odile Claudepierre am 29. Oktober vom Reichsarbeitsdienst in den Kriegshilfsdienst bei den deutschen Pyrotechnischen Fabriken Neumarkt (später Wasag) überführt. „Über die Zeit der Zwangsarbeit in Neumarkt habe ich nur wenige Informationen“, berichtet Véronique. Sie weiß nur, dass Odile in der Munitionsfabrik an einem Fließband arbeitete.
Mutter kam nie wieder nach Parsberg zurück
Aus dem Dienst in Neumarkt wurde sie laut Zeugnis am 18. Mai 1944 in Neumarkt entlassen. „Ich weiß nicht wirklich, was zwischen der Rückkehr meiner Mutter ins Elsass im Mai 1944 und dem Ende des Krieges passiert ist. Ich weiß nur, dass sie am Ende des Krieges beinahe zwangsweise in die Wehrmacht eingezogen worden wäre“, berichtet Véronique. Sie kam knapp davon.
Ihres Wissens sei ihre Mutter nie nach Parsberg zurückgekehrt. „Ich glaube, ihre Erinnerungen waren zu schmerzhaft. Später sagte sie zu meiner Schwester und mir, dass die deutsch-französische Aussöhnung eine gute Sache sei“, erklärt Veronique. „Aber sie trug eine tiefe Wunde in sich.“
Denn Jahre, nachdem Véronique und ihre Schwester in der Mittelstufe Deutsch als zweite Fremdsprache wählten, um den elsässischen Wurzeln der Mutter näher zu kommen, gestand diese ihnen, dass ihr das wehgetan habe. Odile wurde im Juli 1958 als Kriegsopfer anerkannt, erhielt jedoch erst 2008, also 50 Jahre später und mehr als 60 Jahre nach Kriegsende, eine einmalige Entschädigung in Höhe von 800 Euro.
„Diese Kriegszeit war schrecklich. Ich glaube, dass die Franzosen und Deutschen noch immer auf unterschiedliche Weise unter den Folgen leiden“, sagt Véronique. Wie Studien belegten, würden Kriegstraumata häufig an nachfolgende Generationen weitergegeben. Man müsse immer wieder an die Schrecken des Krieges erinnern und für die Zukunft wachsam bleiben. „Denn leider wiederholt sich so etwas anderswo. Die aktuellen Ereignisse in Gaza und in der Ukraine sind der Beweis dafür.“
Führer des Reichsarbeitsdienstes stammte aus Parsberg
• Dokumentation: Das Museum auf der Burg Parsberg dokumentiert die Zeit des Dritten Reiches einzigartig regional, so auch den Reichsarbeitsdienst (RAD), der am 1. Juli 1935 eingeführt wurde. Diesen mussten zunächst alle männlichen, ab Kriegsbeginn auch alle weiblichen Jugendlichen zwischen 17 und 25 Jahren verrichten.
• Reichsarbeitsdienst: Einer der Hauptinitiatoren des Reichsarbeitsdienstes war ein gebürtiger Parsberger: Konstantin Hierl. Von der Einführung der Dienstpflicht bis zum Ende des Nazi-Regimes oblag Hierl als Reichsarbeitsführer die Leitung des RAD.
• Reichsarbeitsdienstlager: Das Reichsarbeitsdienstlager in Parsberg war 1938 auf dem Sportplatz gegenüber der heutigen Bundesbauten errichtet worden. „Zwar nur Baracke, aber doch sehr schön“, titelt ein Zeitungsartikel vom 13. Mai 1938. Waren die „Arbeitsmaiden“ erst in der Landwirtschaft beschäftigt, mussten sie ab Juli 1941 Kriegshilfsdienst in Krankenhäusern, Behörden und Familien leisten.