Rund 600 Tote in zwölf Minuten: Zeitzeugen erinnern sich an den 23. Februar 1945 in Neumarkt

Von Heidi Bauer · 22. Februar 2025 um 19:00

„Wenn wir samstags in der Stadt Neumarkt sind und es geht plötzlich der Sirenenprobealarm los, da kann ich...“ Manfred Zimmers Stimme erstirbt und er bricht in Tränen aus. Es ist zwar 80 Jahre her, aber was er an jenem 23. Februar 1945 in Neumarkt erlitt, hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Er und weitere Zeitzeugen aus dem BRK-Seniorenheim sprechen darüber, was sie erlebt haben.

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„Wir fliehen nach Neumarkt – das ist in Bayern mitten im Wald. Da kann uns nichts passieren“, hätten die Leute gesagt, mit denen sich seine Mutter und Tante im Februar 1945 mit dem damals Fünfjährigen und seiner älteren Schwester auf den Weg machte. Zuvor hatte sie wegen der immer näher rückenden russischen roten Armee mit den Kindern aus Breslau zu einer Tante im schlesischen Frankenstein Zuflucht gesucht.

Als es auch hier nicht mehr sicher schien, machten sich die Frauen mit weiteren auf die Reise in die Oberpfalz. Mit dem Zug kamen sie gegen Mittag in Neumarkt an: „Im Bahnhofshotel hätten wir etwas zu essen bekommen sollen“, erinnert sich Zimmer, „aber dann war Fliegeralarm.“ Doch die Leute seien nicht mehr als sonst beunruhigt gewesen: „Das haben wir schon öfter gehabt. Die fliegen immer vorbei“, soll jemand gesagt und einen Angriff auf Nürnberg vermutet haben.

Böse Vorahnung wegen des Splittergrabens

Nicht aber an diesem Freitag: „Ich weiß nicht mehr, warum, aber wir mussten aus diesem Bahnhofshotel raus“, erinnert sich Manfred Zimmer. Vor dem Bahnhof habe es einen provisorischen Splittergraben gegeben. Doch weil eine der Damen, mit denen die Familie auf der Flucht war, sagte, sie werde da nicht reingehen, rannte die Gruppe auf die gegenüberliegende Seite der Bahnhofsstraße.

„Da stand auf einem Haus ganz groß ‘LSR‘ – Luftschutzraum. Da sind wir dann in den Keller rein“, berichtet der heute 85-Jährige: „Und dann ging das Schießen los. Es war, wie wenn dauernd neben Dir der Blitz einschlägt – ein Durcheinander.“ Als der Alarm zunächst vorbei war, habe sich die Gruppe in Richtung Weinbergerstraße durchgeschlagen. Doch dann habe es plötzlich erneut Fliegeralarm gegeben und sie seien panisch in einen Keller gerannt: „Ich weiß nur noch, dass wir auf Kohlen saßen“, erinnert sich Zimmer.

Bahngleise ragten in die Luft

Nach der Bombardierung sei die Gruppe zu der Adresse in die Mariahilfstraße geflüchtet, zu der sie ursprünglich hatte gehen wollen – ein Dachdeckerbetrieb. Während seine Schwester bei der Familie bleiben durfte, fanden Zimmer und seine Mutter Unterkunft im Turnerheim. Nach einem Amtsbesuch in Neumarkt wurde die Familie nach Rengersricht geschickt, wo sie vorübergehend eine Bleibe fand.

„Die Gleise ragten in die Luft, umgestürzte Güterwägen und aus einem am Bahnhof stehenden Flüchtlingszug riefen Überlebende um Hilfe“, beschreibt die inzwischen verstorbene Hildegard Weber in ihren Lebenserinnerungen. Diese hat ihre Nichte Elisabeth Werner für die Familie und ihren Onkel Peter Weber zusammengetragen.

„Es war ganz schrecklich“, beschreibt Ida Lauer aus Neumarkt ihre Eindrücke, als sie an jenem 23. Februar 1945 wieder aus dem Keller ihres Elternhauses ans Tageslicht auf die Straße ging. Die Flugzeuge der Alliierten hätten einen Bombenteppich bis zum Gasthof Deutscher Kaiser gelegt, berichtet die 94-jährige Neumarkterin.

Detonation zerschmetterte das Kellerfenster

Schon am Morgen seien sie wegen Fliegeralarms von der Schule nach Hause geschickt worden. Sie sei dabei gewesen, vor ihrem Elternhaus Rollschuh zu laufen, als ihr Vater plötzlich gerufen habe: „Schnell, in den Keller, sie setzen Christbäume.“

Ohne auch nur irgendetwas zu packen, seien alle in den Keller gestürzt – das Kellerfenster flog von der Wucht der Detonationen gleich hinterher: „Es waren furchtbare Geräusche, die aber noch weit weg waren.“ Als der Bombenhagel nachließ, sei ihr Vater auf den Dachboden gerannt, um zu sehen, was los ist.

Eine Spur des Todes hinterlassen

Postwendend sei er jedoch eilends wieder in den Keller gehastet: Die nächste Welle des Angriffs sei über den Bahnhof geprasselt,die dritte sei vom Bahnhof über die Hallertor bis hin zum Deutschen Kaiser eingeschlagen, erinnert sich Ida Lauer: „Zwölf Minuten, aber das hat gelangt“. Ihr ganzes Leben wird sie nicht vergessen, welch grauenhafter Anblick sich bot, als der Angriff vorbei waren. Nicht nur, dass außer dem Bahnhof, eine Vielzahl an Gebäuden zerstört war. Überall hatten die Bomber eine Spur des Todes hinterlassen.

845 Mehrzweckbomben über Neumarkt abgeworfen

Operation „Clarion“: Im Rahmen der Operation „Clarion“, einer konzertierten Aktion, um das deutsche Eisenbahnnetz empfindlich zu zerstören, wurde neben zahlreichen Städten in Thüringen wie Meiningen und Hildburghausen sowie in Nordbayern wie Lichtenfels, Kitzingen und Schweinfurt Neumarkt als eine der ersten in Nordostbayern angegriffen.

Ziele: Wie Stadtarchivar Dr. Frank Präger im Buch „1923-2023 – 100 Jahre Fliegerei in Neumarkt“ schreibt, warfen 74 Bomber B-17G der 486. und 487. Bombardement Group in drei Wellen von Süden anfliegend 845 Mehrzweckbomben mit einem Gewicht von je 250 Kilogramm auf das Gelände zwischen Bahnhof, Galgenhügel und Ingolstädter Straße. Der Angriff dauerte von 11.20 bis 11.32 Uhr, ganze zwölf Minuten lang. Mit der Sprengstofffabrik war Neumarkt ein Kriegsziel Nummer eins. Kurios: Obwohl diese Fabrik bis zum Kriegsende voll ihre Produktion aufrecht erhalten konnte, fiel bei den Angriffen keine einzige Bombe auf die Firma.

Opfer: Der Angriff brachte laut Dr. Präger fast 600 Menschen den Tod, darunter Hunderte ungarische Flüchtlinge aus einem Zug, die in einem Deckungsgraben Schutz gesucht hatten, und 90 russische Zwangsarbeiter, die von einem einstürzenden Bunker begraben wurden, weitere Bahnreisende und 22 Neumarkter. Der Bahnhof wurde zerstört, ebenso wie die Gleisanlagen, Häuser an der Bahnhof-, Hall-, Holzgarten- und Ingolstädter Straße, darunter Teile des BayWa-Lagerhauses, die Express-Fahrradwerke, die Holzfirma Hauck & Lang und die beiden Kessel des städtischen Gaswerks.

Manfred Zimmer kam am 23. Februar 1945 mit einem Flüchtlingszugin Neumarkt an. Er und seine Frau Gabriele stammen aus Breslau. Kennengelernt haben sie sich jedoch erst in Neumarkt. Foto: Heidi Bauer
Ida Lauer (von links), Peter Weber, Pflegerin Susanne Sippl, Elisabeth Werner, Mathias Meier und Adolf Bößl sprachen im BRK-Altenheim über den Angriff auf Neumarkt vom 23. Februar 1945 und blätterten in den Lebenserinnerungen von Hildegard Weber, die die schrecklichen Ereignisse dokumentiert hat. Foto: Heidi Bauer
„Umgestürzte Güterwägen, die Bahngleise ragten in die Luft“: Hildegard Weber hat ihre Erinnerungen an den Angriff in Neumarkt aufgeschrieben. Foto: Stadtarchiv Neumarkt