Stumme Zeugen erinnern an Katastrophe: Neumarkt wurde am 23. Februar 1945 zum ersten Mal bombardiert

Von Lothar Röhrl · 22. Februar 2025 um 11:00

Vor 80 Jahren endete am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg. Schon einige Wochen vorher, hatten Tod, Zerstörung und Elend die Neumarkter getroffen. Bei zwei Bombardierungen und einem Großbrand kamen Hunderte Menschen ums Leben.

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Zum Kriegsende waren innerhalb der alten Stadtbefestigung 521 von 573 Gebäuden zerstört worden. Das entspricht einem Zerstörungsgrad von 93 Prozent. Gemessen daran war Neumarkt eine der am stärksten getroffenen Städte Deutschlands. Außerhalb der Altstadt gab es weitere 150 kaputte Gebäude.

Was erinnert noch heutzutage an die Bombardierungen vom 23. Februar und 11. April 1945? Was an einen mutigen Neumarkter, der deswegen sein Leben verloren hat? Unser Medienhaus hat sich in der Stadt auf Spurensuche gemacht. Dabei waren Stadtarchivar Dr. Frank Präger und drei seiner Bücher eine wertvolle Unterstützung.

Auf Zeitreise mit einer Stele

Das größte „stumme“ Zeugnis steht am Oberen Tor. Es ist die kreisrunde, gut vier Meter hohe Stele, die an die Bombardierungen erinnert. Mit wenigen Worten und einem sehr detailliert gestalteten Relief berichtet sie, wie stark Neumarkts Wahrzeichen getroffen worden waren.

So schlagen aus dem Rathaus und aus den Häusern in den angrenzenden Straßenzügen hohe Flammen. Die beiden Hauptkirchen traf es unterschiedlich stark. Bei St. Johannes zerbrachen alle Fenster durch den Druck der Explosionen. Die Hofkirche geriet in Brand; das Feuer konnte mit Hilfe gefangen genommener amerikanischer Soldaten gelöscht werden.

Der sogenannte „Bergfried“ (Burgturm) der Burgruine Wolfstein wurde durch Artilleriefeuer stark beschädigt. Der Turm der Maria-Hilf-Kirche wurde schwer beschädigt. All das zeigt die Stele. Heutzutage ist eine Umrundung Heimatgeschichte pur.

Weiterer Angriff am 11. April 1945

Beim ersten Mal, eben am 23. Februar 1945 kurz nach 11 Uhr, waren bei der zwölf Minuten dauernden Bombardierung hauptsächlich der Bahnhof und das benachbarte Industriegebiet (wie die Express-Werke) getroffen worden. Dabei fanden rund 600 Menschen den Tod.

In einem der von ihm verfassten Bücher schreibt Dr. Frank Präger, dass beim zweiten Angriff am 11. April zwar wieder der Bahnhof das Ziel gewesen war. Doch die 71 Maschinen der 8. US Air-Force verfehlten es und trafen dafür den Stadtkern. Die Stele am Oberen Tor erinnert auch an das dritte verheerende Ereignis. Denn vom 18. bis 22. April schossen die Amerikaner mit ihrer Artillerie und weiteren Bombenangriffen Neumarkt in Brand. Am 22. April schließlich wurde Neumarkt an die Alliierten übergeben.

Von der Waffen-SS erschossen

Wahrscheinlich wäre Neumarkt die dritte Welle der Zerstörung erspart geblieben, hätte Sebastian Kirsch seinen Versuch, die Kapitulation der Stadt sichtbar zu machen, nicht mit dem Leben bezahlen müssen. Der damalige Kommandant der Neumarkter Feuerwehr wollte das mit einer auch von jedem Kampfflugzeug aus gut erkennbaren Weißen Fahne erreichen. Doch dieser Versuch wurde von der Waffen-SS vereitelt: Kirsch wurde erschossen. An ihn erinnert die „Sebastian-Kirsch-Straße“, eine Nebenstraße des Deininger Wegs.

Neumarkt hatte für den Nationalsozialismus noch aus einem anderen Grund eine hohe Bedeutung. Hier war 1868 Dietrich Eckhart geboren worden. Der Publizist und eingeschworene Antisemit ist mit seinen Schriften Ideengeber für Adolf Hitler gewesen. Ihm zu Ehren war ein Denkmal im Stadtpark errichtet worden. Zu dessen Einweihung war Hitler laut Dr. Präger mit dem Auto nach Neumarkt gekommen. Der Sockel für das Monument ist erst kürzlich im Zuge der Neugestaltung des Stadtparks beseitigt worden.

Einschussloch am Hochaltar der Hofkirche

Vom Fanatismus von Hitlers Schergen zeugt gut sichtbar ein Einschussloch im Hochalter der Hofkirche. Hinter diesem hatte sich beim Kampf um Neumarkt im April 1945 ein Mitglied der Waffen-SS verschanzt. Er wollte trotz Aufforderungen der Amerikaner nicht aufgeben. Daraufhin eröffneten die GIs das Feuer.

Wesentlich kriegswichtiger als der Bahnhof und der Beiname Neumarkts als „Dietrich-Eckart-Stadt“ war eigentlich die spätere WASAG. Sie hieß von 1941 bis 1954 Depyfag (Deutsche Pyrotechnische Fabriken GmbH Bernau bei Berlin). Diese Sprengstoff-Fabrik stand im Südosten der Stadt. In ihr mussten hunderte Kriegsgefangene Zwangsarbeit leisten. Die WASAG (Westfälisch-Anhaltinische Sprengstoff-Actien-Gesellschaft) ist aber nie direkt ins Visier genommen worden.

Einige Bunker stehen dort noch heute. Sie sind trotz des Überwucherns durch mittlerweile hohe Bäume gut sichtbar geblieben. Im Gegensatz zu den sprengstofftypischen Stoffen und den Schwermetallbelastungen im Boden. Noch immer befassen sich Behörden wie das Neumarkter Landratsamt mit diesen Altlasten.

Zwei Gedenkveranstaltungen zu den Jahrestagen

Genau 80 Jahre nach der zweiten Bombardierung Neumarkts erinnert die Stadt am 11. April 2025 in der Kriegsgräberstätte an dieses Ereignis und an alle Neumarkter sowie an jene Zwangsarbeiter, die bei beiden Luftangriffen ums Leben gekommen waren.

Am 80. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 2025 gedenken die christlichen Konfessionen in einer der beiden großen katholischen Kirchen der Stadt der Opfer des Zweiten Weltkriegs und speziell der getöteten Neumarkter. Dabei wird auch OB Markus Ochsenkühn sprechen.

So sieht die Neumarkter Innenstadt heute aus: Das Bild wurde aus der gleichen Perspektive vom Turm von St. Johannes aus aufgenommen. Foto: Lothar Röhrl
Noch heute im WASAG-Park zu sehen: Das Denkmal für die bei der Herstellung von Sprengstoff getöteten Arbeiter. Einige Bunker wie der im Hintergrund stehen noch. Foto: Lothar Röhrl
Auch wenn sich im WASAG-Park die Natur ausgebreitet hat, ist die Struktur der Bauwerke - hier ein Splitterschutzgraben - noch genau zu sehen. Foto: Lothar Röhrl
Der Eingang zu einem Schutzraum von damals: Dieser ist noch immer in einer der Grünanlagen nahe der Altstadt hinter den Absperrwänden zu erkennen. Foto: Lothar Röhrl
Diese Stele am Oberen Tor erinnert an die Bombardierungen Neumarkts. Foto: Lothar Röhrl
Von der vordersten Reihe der Bänke in der Hofkirche aus muss man schon genau hinsehen, um das Einschussloch einer amerikanischen Gewehrkugel zu erkennen. Foto: Lothar Röhrl