Grundschule Wolfstein: Die ersten Schüler lernten in einer windigen Baracke aus Holz

Von Katrin Böhm · 13. Juli 2025 um 19:00

Die Wolfsteinsiedlung in Neumarkt ist eine Siedlung, in der viele Familien leben, es geht ruhig und beschaulich zu. Es ist grün, denn oberhalb grenzen direkt der Wald, der Sportplatz und ein großer, schattiger Spielplatz an. Und mittendrin: die Schule – seit 75 Jahren wird hier unterrichtet. Die damaligen Lebensumstände sind heute kaum mehr vorstellbar – denn die Siedlung war damals eine Ansammlung an Baracken, in denen Armut und Not an der Tagesordnung waren.

Die Barackensiedlung entstand im Zweiten Weltkrieg – hier wurden ab 1942 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter untergebracht, zum Kriegsende lebten hier um die 800 Menschen. Als die Stadt im April 1945 von den US-Amerikanern eingenommen wurde, durften die Zwangsarbeiter und Gefangenen drei Tage lang die Stadt plündern, weil die SS der US-Armee die Stadt nicht überlassen hatte.

Kriegsgefangene gingen, Heimatvertriebene zogen ein

Nach und nach sollten die Menschen in ihre Heimat zurückgeführt werden. Die Leitung des Lagers übernahm zunächst die UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration), ein Hilfsaktions- und Wiederaufbau-Ausschuss der UN. Neben medizinischer Hilfe erhielten die Menschen im Lager über die Hilfsorganisation Essenspakete. Später übernahm die internationale Flüchtlingsorganisation IRO die Rückführung der ehemaligen Häftlinge und organisierte die Auswanderung vor allem nach Australien und in die USA.

So sah die erste Schule am Wolfstein aus: eine einfache Holzbaracke. - Foto: Ludwig Schmiedl / Stadtarchiv
- Foto: Ludwig Schmiedl / Stadtarchiv
Die Grundschule Wolfstein nach dem Neubau 1956 - Foto: Archiv Grundschule Wolfstein
Blick auf die „Schule Schafhof“ Mitte der 60er – die Kirche Heilig Kreuz wurde 1960 eingeweiht. - Foto: Archiv Grundschule Wolfstein
Viele leere Flächen – und damit ganz anders als heute: die Anfänge der Wolfsteinsiedlung - Foto: Heinrich Negative/Stadtarchiv
So sieht das Ensemble aus Schule und Heilig-Kreuz-Kirche heute aus. - Foto: Katrin Böhm

Um die Menschen möglichst gut auf die Auswanderung vorzubereiten, wurde im Lager eine landwirtschaftliche Schule mit einer Abteilung für Gartenbau und einer für Geflügelzucht gegründet. Außerdem gab es unter anderem einen Kindergarten, eine Schule sowie die von den ehemaligen Gefangenen selbst errichtete griechisch-katholische Kirche und Vereine, so dass eine Art gesellschaftliches Leben entstand. 1949 befanden sich noch 689 Ukrainer im Lager, von denen 200 auf ihre Auswanderung warteten, wohingegen die übrigen, vor allem älteren Menschen anderweitig untergebracht werden sollten. Man rechnete damit, das Lager zwei bis drei Monate später auflösen zu können.

Als keine ehemaligen Gefangenen mehr im Lager untergebracht waren, zogen auf Wirken des damaligen Landrats Otto Schedl deutsche Heimatvertriebene in die Baracken. 1950 wurden die ersten Holzbaracken abgerissen, stattdessen baute die Caritas Siedlungs- und Wohnbaugenossenschaft Wohnungen für die Heimatvertriebenen – 1952 waren bereits 15 Häuser mit etwa 60 Wohnungen errichtet, weitere drei Häuser waren in Planung.

Natürlich mussten auch die Kinder der Heimatvertriebenen unterrichtet werden – die Schule war 1950 noch eine windige Baracke aus Holz mit zwei Klassenräumen, 50 Bänken, zwei Pulten, zwei Stühlen und zwei Tafeln. Unter den Heimatvertriebenen waren auch zwei Lehrer, die den Unterricht übernahmen. „Dem Druck der Verhältnisse gehorchend, mußte unter den primitiven Bedingungen der Schulunterricht aufgenommen werden“, hieß es im Januar 1955 im Neumarkter Tagblatt. Es gab „keine Landkarte, kein Anschauungsbild, kein Unterrichtsbuch – nichts war vorhanden“. In „längstens drei Jahren“ müsste das Provisorium durch eine neue, moderne Schule ersetzt werden, waren sich Politik und Kirche damals einig. Doch: „Nun sind bereits fünf Jahre verflossen und die Barackenschule steht immer noch“, heißt es 1955. Aus dem Provisorium scheine „etwas Endgültiges zu werden“.

Der Hauptlehrer und seine Frau strichen selbst die Baracke

Um die „Sandwüste“ rund um die Schule abzumildern und das äußere Bild zumindest etwas zu verbessern, wurde hinter der Schule ein Garten angelegt und vor der Schule wurden Rosen gepflanzt. Auch der Schullehrer – Hauptlehrer Tylla – und seine Frau arbeiteten an den schulfreien Nachmittagen mit, um die Baracke, Türen und Fensterrahmen zu streichen.

Indes wuchs die Zahl der Schüler und es mussten Wände eingezogen werden, so dass letztlich drei Klassen in der Baracke Platz fanden. Außerdem wurde in einer weiteren Baracke ein Raum abgeteilt und als Schulsaal eingerichtet.

Annette Pichl leitet die Grundschule Wolfstein - zumindest noch bis Ende Juli. Dann geht sie in Pension. - Foto: Katrin Böhm

Zuschüsse für einen Neubau seien zwar immer wieder versprochen worden, es fließe aber kein Geld, beklagte man damals. Dabei sei der Schulhausbau von größter Notwendigkeit und die Schule Wolfstein zähle „zu den schlechtesten Bayerns“. Das Wellblechdach sorge im Sommer für tropische Temperaturen, im Winter lasse der Frost über Nacht die Tinte gefrieren. Die Toiletten seien mangelhaft und „vom hygienischen Standpunkt aus abzulehnen“. Die Gemeinde Labersricht – sie war damals eigenständig, Wolfstein war einer ihrer Ortsteile – versuche daher jetzt aus eigener Kraft eine neue Schule zu bauen, hieß es damals.

Dann ging es plötzlich doch schnell: Im Jahr 1956 stand schließlich ein kompletter Neubau aus Stein, er hieß „Schule Schafhof“ und es gab drei Klassenzimmer, ein Lehrerzimmer und die damals übliche Wohnung für den Lehrer. Die Siedlung wuchs weiter und damit wurde acht Jahre später eine Erweiterung der Schule nötig: 1964 gab es vier Klassenzimmer, zwei Gruppenräume und die Turnhalle, die heute als Mehrzweckraum genutzt wird.

Schule Wolfstein: Gebäude war schnell zu klein

Schon fünf Jahre später war die Schule wieder zu klein und sie wurde auf sieben Klassenzimmer erweitert. Auch ein Werkraum, ein Physik-Chemie-Saal, ein Handwirtschaftsraum und eine Schulküche kamen hinzu. Parallel dazu wurde die Schule umbenannt in „Schule Labersricht“.

1974 folgte erneut ein Erweiterungsbau mit einer Hausmeisterwohnung und zwei neuen Klassenzimmern – und die Schule hieß ab sofort „Schule Wolfstein“. Schließlich waren Labersricht und all seine Ortsteile bei der Gemeindegebietsreform 1972 nach Neumarkt eingemeindet worden.

Dann passierte an der Schule lange nicht viel, der Anstieg der Schülerzahlen war nicht mehr so gravierend, andere Schulen im Stadtgebiet rückten in den Fokus der Bautätigkeiten.

2002 wurde eine neue Turnhalle gebaut, im Jahr 2007 wurde renoviert, aber im Großen und Ganzen sieht die Schule noch so aus wie Ende der 70er. Schulleiterin Annette Pichl ist damit zufrieden: „Wir haben eine tolle Schule mit einem eigenen Sportplatz und einem Hartplatz.“ Nur eine Sache liegt ihr noch am Herzen: Sie würde sich für die nachfolgenden Generationen eine Mensa wünschen.