Grundschule Wolfstein feiert 75. Geburtstag: Schüler erleben, wie Kinder früher lernten und lebten

„Wir hatten Lederschuhe. So moderne Materialien wie Kunststoff gab es nicht“, erzählt Karl Islinger den Kindern der Grundschule Wolfstein, die um ihn herum sitzen und gebannt zuhören. Aufmerksam lauschen sie, als er erklärt: „Die mussten lange halten.“ Wurden sie doch immer zum nächst jüngeren Kind weitergegeben.
Als Zeitzeuge berichtet der 73-Jährige den Kindern von seiner Schulzeit im Jahr 1958. Im Rahmen zweier Projektwochen zum 75. Geburtstag der Grundschule Wolfstein erkunden die Schüler, wie Schule früher war und wie ihre Altersgenossen damals lebten.
Für Mittwoch stehen verschiedene Workshops auf dem Plan, für die sich die rund 250 Schüler je nach Interesse anmelden konnten, erklärt Sekretärin Antje Klossmann. Angeboten wurden neben dem Zeitzeugengespräch beispielsweise Steckenpferde basteln, Kartoffeldruck, ein Quiz über Schule früher, Musik wie früher, Filzen oder historische Pausenspiele.
Schule entstand in Baracke für Kindern von Vertriebenen
Dem vorangegangen war ein Besuch im Schulmuseum Sulzbach-Rosenberg, sagte Klossmann. Dafür hätten sich die Schüler möglichst authentisch angezogen: Jungs mit Seitenscheitel, Mädchen mit Kleidern und statt Rucksäcken Körbe.
Den Schulgeburtstag hat Direktorin Annette Pichl mit den Schülern bereits im Rahmen einer Geschichtsstunde gefeiert: mit 75 LED-Teelichtern, Kuchen und Ständchen – „um das ein bisschen mit Leben zu füllen.“ Anhand eines Stücks altem Holz hat sie die Geschichte der aus einer Baracke entstandenen Schule erzählt.
„Hier sind die Heimatvertriebenen gewesen – in Baracken.“ Um damaligen Kindern aus dem heutigen Polen und Tschechien weite Wege zu ersparen, sei zunächst die „Schule Schafhof“ entstanden. Ein Schulgebäude wurde erst später, 1956, gebaut, erklärte Pichl den Kindern. Bis 1974 sei immer wieder aufgestockt und angebaut worden, mehrmals wechselte der Name.






In einem Klassenzimmer fragt am Mittwoch Konrektorin Petra Obermeier vorab, wie Kinder sich früher in der Schule verhalten mussten. „Man musste die Hände auf den Tisch legen und die Daumen unter den Tisch“, meldet sich ein Junge. Um die Kindern zu erziehen, habe es Lieder wie „Steh auf, steh auf, zum Wässerlein lauf“ gegeben, erläutert Obermeier. Mit einer Violine begleitet sie die Kinder beim Singen alter Lieder, auch eines Spottlieds, dass früher der Bestrafung diente.
„Retro-Pause“ mit Murmeln, Seilspringen und Feder-Pusten
Eine „Retro-Pause“ legen unterdessen Schüler der dritten und vierten Klassen im Innenhof bei Lehrerin Barbara Schwarz ein. Es wird Seil gehüpft, mit Murmeln gespielt und Gummitwist gesprungen. Auch rote und blaue Reifen rollen über den Hof. „Nachher spielen wir noch Räuber und Gendarm“, erklärt Schwarz. Eine Jungsgruppe konstruiert mit Stöcken eifrig die Murmel-Rennbahnen im hinteren Teil des Pausenhofs. Dank Hanglage rollen die Kugeln schnell durch die Erde.
Lucy, die mit Katja und Daria Gummitwist springt, erzählt, dass sie Murmelspielen nicht kannte. Aber das Springen über die Gummibänder, „das macht Spaß“, sagt die Zehnjährige. „Ich kannte das Federn-Pusten nicht“, ergänzt Katja. Dabei versuche man mit Pusten eine Feder möglichst lange in der Luft zu halten.
Mit Federn geht es auch im Klassenzimmer bei Eva Auer weiter: Nicht mit einem modernen Füller, sondern mit „Gänsekiel und Tintenfass“ schreiben dort die Erst- und Zweitklässler. Auch der ein oder andere Tintenklecks landet auf dem Papier. Der siebenjährige Sebastian versucht sich als Künstler„Ich male Venom“, sagt er und zieht mit der schwarzen Tinte Linien – passend zu dem Superhelden aus schwarzem Schleim.
Bei Marie Bosse hingegen trifft Moderne auf Vergangenheit: Erst- und Zweitklässler testen im „Schulcheck – Schule früher“ ihr Wissen aus dem Schulmuseum – mit einem Quiz auf dem Tablet. Auf welcher Seite des Klassenzimmers die Jungs früher saßen und ob Mädchen einst den Ofen anmachen mussten, das alles wissen die Kinder längst. Und jubeln, wenn sie richtig lagen und das Ergebnis am Beamer zu sehen ist.