Meditation in Regensburg: Wie Yoga bei neurologischen Erkrankungen helfen kann

Sanftes Sonnenlicht fällt durch ein Fenster und taucht den weißen Altbau-Raum in Regensburg in warmes Gold. Auf dem Holzboden liegen fünf weiche Matten, daneben sorgfältig drapierte Decken, kleine Kissen, Meditationskissen und Bolster. Ein Rückzugsort. Nach und nach betreten vier Frauen den Raum, begleitet von Yogalehrerin und Neuropsychologin Dr. Annette Rak. Es beginnt eine Yogastunde. Aber keine gewöhnliche.
Die Frauen, die hier zusammenkommen, eint mehr als der Wunsch nach innerer Balance. Sie leben mit einer neurologischen Erkrankung – Multipler Sklerose, Parkinson und Folgen eines Schlaganfalls. Mithilfe von traumasensiblen Hatha-Yoga sollen sie mehr Gelassenheit im Umgang mit ihren Einschränkungen und ein positives Körpergefühl gewinnen. Denn: Betroffene sind oft enttäuscht von ihrem Körper, sagt Annette Rak.
Bevor die Stunde beginnt, geht Annette zum Fensterbrett und holt eine Menora. Sie kniet sich vor Sonja, einer der Teilnehmerinnen. Dann das leise Ratschen des Feuerzeugs, ein kurzes Aufleuchten, und die erste Flamme beginnt zu tanzen. Für jede Frau im Raum zündet Annette eine weitere Kerze an – eine nach der anderen. Währenddessen stellen sich die Teilnehmerinnen vor und was sie sich für die Stunde erhoffen. Sonja, eine junge Frau mit dunklen Locken, sitz auf ihrer Matte. Ihre rechte Hand ruht schwer auf dem Oberschenkel. Seit ihrem Schlaganfall ist ein ein Teil ihrer rechten Körperhälfte beeinträchtigt. Sie erzählt, dass Yoga früher zu ihrem Alltag gehörte. Nun soll es wieder ein Teil von ihr werden.
Entspannung hilft bei Parkinson
Elke berichtet, dass sie heute Morgen bereits um 6 Uhr eine Tablette genommen hat, damit sie den Weg zur Yoga-Stunde mit dem Bus auf sich nehmen kann. Elke hat Parkinson. Die Medikamente schlagen nicht immer an. Trotzdem lässt sie sich nicht unterkriegen. Eine Leidenschaft, die ihr die Krankheit nicht nehmen kann: Tanzen. „Wenn mich eine Freundin antanzt, dann springen die Spiegelneuronen an“, sagt Elke – ihr Zittern werde dann weniger. Mit Yoga möchte sie sich entspannen, denn das beeinflusse die Krankheit positiv.
Auch Lucia hat Parkinson. Zuhause kümmert sie sich um ihren Mann, der seit einem Schlaganfall zum Pflegefall geworden ist. Körperlich fordernd – ja. Aber es sei vor allem das Mentale, das ihr zusetze. Es gibt nur wenige Momente, die ihr gehören, sagt Lucia. Heute ist einer davon.
Alle Teilnehmerinnen legen sich auf ihre Matten. Annette geht von Frau zu Frau, richtet Kissen unter Knie, Nacken und Rücken und breitet Decken aus. Dann verteilt sie Lavendelkissen für die Augen. Die Stoffbeutel sinken weich auf Stirn und Lider. Der Raum wird still. Nur noch der Atem ist zu hören. Und der Duft von Lavendel füllt den Raum. Annette leitet an, in den Körper zu fühlen: „Spüre den Kontakt deines Körpers mit dem Boden“ oder „Fühle in deinen Bauch“. Eine Atemübung beginnt: einmal tief einatmen – dann langes, kontrolliertes ausatmen. Mehrfach wird die Technik wiederholt. Während der Entspannung war das Zittern von Elke fast verschwunden.




Nach der Meditation geht es an die Asanas – Körperübungen. Auf der Matte liegend, sollen Kopf und Hüfte gekreist werden. „Damit wird der Vagusnerv stimuliert“, sagt Annette. Es folgen sanfte Rotationen: Die Füße werden herangezogen und hochgehoben, dann langsam nach links und rechts geschwenkt. Bei der nächsten Übung stellen die vier die Füße auf, heben das Becken leicht an, schieben es zur Seite und lassen es locker wieder auf die Matte fallen. „Jetzt machen wir die Hüpfburg“, sagt Annette, dabei wird, ähnlich wie bei der Übung zuvor, das Becken angehoben, aber diesmal nur ein Stück abgesenkt und wieder angehoben. Mit den Asanas werden Körperdehnung und sanftes Muskeltraining verbunden. „Der ganze Körper wird aktiver“, sagt Annette. Durch die verbesserte Durchblutung und Sauerstoffversorgung könne er heilen.

Es folgt eine Atemtechnik zum Schluss. Die Frauen setzen sich dafür auf ihre Meditationskissen. Die Hände legen sie auf den Bauch. Nun wird kurz und kräftig ausgeatmet – 20 Mal hintereinander. Der Bauch zieht sich dabei bei jeder Ausatmung ruckartig zurück, das Einatmen geschieht von allein. „Ich bin richtig entspannt“, sagt Lucia. Und auch die anderen haben ein Lächeln im Gesicht.
Zu Menschen mit neurologischer Erkrankungen Kontakt knüpfen
Yogawoche: Die Yogastunde fand im Rahmen der Yogawoche vom 4. bis 10. August statt. Um die Praxis sichtbarer zu machen, haben sich mehr als 20 Yogalehrende zur Yogawelt Regensburg zusammengeschlossen.
Yogastunde: Ab Donnerstag, 2. Oktober, bietet Annette Rak jeden Woche von 9.30 bis 11 Uhr eine Yogastunde für fünf Betroffene neurologischer Erkrankungen an.
Selbsthilfegruppe: Seit 2019 bietet Annette Rak Yoga-Therpie an. Aus einer Gruppe sei 2020 die Selbsthilfegruppe „Neurojunkies“ entstanden. Die Gruppe trifft sich jeden ersten Mittwoch im Monat um 10 Uhr im Hotel Includio in Burgweinting.
Hilfe: Hilfe bietet auch der Verein zweites Leben. Er berät und begleitet Menschen mit neurologischer Erkrankung. Telefon: (09 41) 9 41 38 81