Parkinson durch Pestizide: Gibt es ein höheres Risiko für Landwirte?

Parkinson, das durch Pestizide ausgelöst wurde, zählt zu den Berufskrankheiten bei Landwirten. Doch wie groß ist das Risiko zu erkranken und welche Rolle spielen Pestizide dabei? Experten aus der Medizin und der Landwirtschaft geben Antworten.
In Deutschland leben etwa 400 000 Menschen mit Parkinson, darunter auch Landwirte. Im März empfahl der ärztliche Sachverständigenbeirat durch Pestizide ausgelöstes Parkinson zu den Berufskrankheiten bei Bauern aufzunehmen. Von der Krankheit betroffen sind vor allem ältere Menschen, die früher – meist ungeschützt – regelmäßig in den Kontakt mit den Substanzen gekommen sind.
Wie hoch ist das Risiko als Landwirt zu erkranken?
Wer in der Landwirtschaft arbeitet, hat grundsätzlich ein 1,5- bis zweifach erhöhtes Risiko, an Parkinson zu erkranken, sagt Prof. Zacharias Kohl, Geschäftsführender Oberarzt an der medbo Klinik für Neurologie in Regensburg. Dabei stütze man sich auf Daten, die in den vergangenen Jahrzehnten erhoben wurden, aber auch auf Untersuchungen aus Deutschland, Frankreich und Kalifornien.
Generell könne man nicht sagen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit jedes Einzelnen ist, zu erkranken. Es sei auch altersabhängig. „Das heißt bei den 50-Jährigen ist das Risiko noch relativ klein und bei den 80 bis 90-Jährigen ist es höher. Da spricht man davon, dass so zwei von 100 Personen tatsächlich auch eine Parkinsonerkrankung bekommen“, sagt Kohl. Interessanterweise nehme die Krankheit weltweit aber stärker zu, als es die reinen Alterszahlen vermuten lassen würden. „Wir gehen inzwischen davon aus, dass die Parkinsonerkrankung die neurodegenerative Erkrankung ist, die am schnellsten zunimmt weltweit“, sagt Kohl.
Begünstigen Pestizide die Krankheit?
Es gibt Hinweise darauf, dass der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft möglicherweise eine Rolle spielt, sagt Kohl. Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) würden darauf hindeuten. „Das muss man immer ein bisschen trennen, wir sprechen da ja immer von einem globalen Risiko“, sagt Kohl.
Was machen Pestizide in unserem Körper?
Einfach zu erforschen sind die Auswirkungen von Pestiziden nicht, sagt Kohl: „Wir wissen aber, dass für die Parkinsonerkrankung der Abbau bestimmter Nervenzellen im Gehirn besonders eine Rolle spielt.“ In Laborexperimenten habe man festgestellt, dass die Dopamin produzierenden Nervenzellen empfindlich auf Pestizide reagieren. Es werde angenommen, dass diese Substanzen einen negativen Einfluss auf den Energiestoffwechsel dieser Zellen haben und dass diese schneller geschädigt werden können als andere Zellen im Körper oder Gehirn. Derzeit ist das aber laut Kohl nur eine Hypothese. Im Labor werden Pestizide bereits eingesetzt, um eine „Art künstliches Parkinson zu erzeugen“. Erste Ergebnisse gibt es also bereits.
Welche Mittel sind gefährlicher, welche weniger?
Es muss laut Kohl zwischen verschiedenen Arten von Pestiziden unterschieden werden, wie Fungiziden (gegen Pilze), Insektiziden (gegen Insekten) und Herbiziden (gegen pflanzliche Schädlinge). Innerhalb dieser Gruppen gebe es viele verschiedene Substanzen, die zum Teil sehr unterschiedlich wirken. Laut Kohl ist es daher zu einfach und oberflächlich, pauschal zu sagen, dass Pestizide gefährlich sind. Untersuchungen an Versuchstieren geben Hinweise darauf, dass bestimmte Mittel wie Rotenon und Paraquat das Risiko besonders stark erhöhen. Beide Wirkstoffe sind in Deutschland aber nicht mehr zugelassen: Rotenon seit 1987 und Paraquat seit 2007.
Bleibt Parkinson als Berufskrankheit?
Das Thema muss bundesweit betrachtet werden, sagt Josef Wittmann, Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbands in Regensburg und Schwandorf. In den neuen Bundesländern hätten viele Menschen früher in großen Produktionsgenossenschaften gearbeitet. „Die sind nur mit den Fahrzeugen rumgefahren und haben gesprüht“, sagt Wittmann. In diesen Regionen spiele die Erkrankung durch Pestizide eine andere Rolle als in Bayern. Heutzutage seien die Sicherheitsstandards höher und Landwirte würden regelmäßig durch verpflichtende Schulungen zum Thema Pflanzenschutz sensibilisiert. Wittmann geht davon aus, dass es zukünftig „kein zunehmendes Problem“ sein wird, durch Pestizide zu erkranken.
In Deutschland sind viele Substanzen, die das Parkinson-Risiko erhöhen könnten, mittlerweile verboten, sagt Neurologe Kohl. In anderen Teilen der Welt würden sie jedoch weiterhin verwendet. „Man muss auch sehen, dass natürlich ohne einen ausreichenden Pestizideinsatz weltweit wir die Bevölkerung gar nicht ernähren könnten. Also das Argument wir schaffen jetzt einfach alle Pestizide ab und dann verschwindet auch die Parkinsonerkrankung, stellt kein realistischen Ansatz dar“, sagt Kohl. Laut dem Mediziner ist die Frage interessant, ob durch höhere Sicherheitsmaßnahmen in den nächsten Jahrzehnten ein Rückgang der Krankheit festgestellt werden kann. „Wir haben aber auf der anderen Seite eine alternde Bevölkerung“, sagt Kohl. Das heißt, das Risiko Alter wird voraussichtlich weiter zunehmen und die Fallzahlen durch Pestizide so wieder ausgleichen. Zudem scheinen Umweltbelastungen wie Staub, mangelnde körperliche Aktivität und Übergewicht ebenfalls Risikofaktoren zu sein.
Welche Symptome treten bei Parkinson auf?
Die ersten Symptome einer Parkinson-Erkrankung sind laut Kohl oft unspezifisch und schwer zu erkennen, weshalb die Krankheit häufig viele Jahre unerkannt bleibt. Neurologen stellen die Diagnose, indem sie unter anderem auf verlangsamte Bewegungen und auf eine insgesamt veränderte Gehweise oder Feinmotorik achten. Nur ein Teil der Patienten zeigt das typische Zittern, den sogenannten Tremor, was allein jedoch kein verlässliches Kriterium für die Diagnose ist, sagt Kohl. Zu den frühen Symptomen gehören Stimmungsschwankungen, chronische Müdigkeit, Rückenschmerzen und Schlafstörungen, die jedoch nicht eindeutig für Parkinson seien. Die Forschung arbeite daran, eine frühere Diagnose zu ermöglichen, da eine frühe Behandlung möglicherweise den Krankheitsverlauf verlangsamen könnte. In der Praxis wird Parkinson laut dem Mediziner bisher häufig zu spät diagnostiziert, sowohl von den Patienten, die sich an die schleichend auftretenden Symptome gewöhnen, als auch von Ärzten, die die Veränderungen nicht rechtzeitig erkennen oder zu spät an einen Neurologen überweisen.
Wie wird Parkinson behandelt?
Die Parkinson-Erkrankung wird durch einem Mangel an Dopamin im Gehirn ausgelöst.Dieser Mangel kann durch Medikamente ersetzt werden, die die Beweglichkeit verbessern. Im späteren Verlauf der Erkrankung reiche die Tablettentherapie oft nicht mehr aus, um den Dopaminmangel vollständig auszugleichen. In dieser Phasen seien die Patienten manchmal gut beweglich, manchmal schlecht. Dann werde die Therapie intensiviert, zum Beispiel durch die tiefe Hirnstimulation. „Unter der modernen Therapie ist die Lebenserwartung von Parkinsonpatienten ungefähr gleich zur normalen Bevölkerung“, sagt Kohl. In späteren Stadien seien die Symptome jedoch so ausgeprägt, dass sie den Alltag der Patienten erheblich einschränken und zu einer schweren Behinderung führen können.
Wie viele Landwirte sind in der Oberpfalz betroffen?
In der neurologischen Hochschulambulanz, die zum Universitätsklinikum Regensburg gehört, werden auch Landwirte mit Parkinson betreut, so Kohl. Jedoch gebe es keine spezifische Auswertung zum Anteil dieser Patienten. Auch die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau kann keine genauen Zahlen nennen.
Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es?
Versicherte haben laut der Sozialversicherung Anspruch auf Unterstützung durch die gesetzliche Unfallversicherung, sofern die Krankheit aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit entstanden ist. Die Unfallversicherung übernehme unter anderem Heilbehandlungen und, je nach Schwere der Erkrankung, auch Teilhabeleistungen, die im Bedarfsfall lebenslang gewährt werden. Zudem kann eine Verletztenrente den Lebensunterhalt absichern.
Wie wird eine Berufskrankheit anerkannt?
Für die Anerkennung der Berufskrankheit durch die Landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft (LBG) muss laut Sozialversicherung medizinisch ein primäres Parkinson-Syndrom diagnostiziert werden. Das heißt, die Erkrankung darf nicht die Folge einer anderen Grunderkrankung sein. Zudem muss die betroffene Person langjährig und häufig mit Fungiziden, Insektiziden oder Herbiziden gearbeitet haben. Diese Pestizide müssen an mindestens 100 Tagen im Leben angewendet worden sein.
Wie wird der Einsatz der Substanzen ermittelt?
Der Einsatz von Pestiziden hängt von den angebauten Kulturen ab, wie zum Beispiel Getreide, Kartoffeln, Wein oder Rüben. Für jede Kultur und deren Anbau gibt es in einer Datenbank empfohlene Anwendungstage für Pestizide. Diese Empfehlungen werden mit den Angaben der betroffenen Person verglichen und bewertet. „Da die wenigsten in der Vergangenheit nur eine Kultur pro Jahr angebaut haben, werden alle Kulturen einzeln bewertet und addiert“, teilt die Sozialversicherung mit. Die Überprüfung erfolge durch ein Interview mit dem Landwirt oder seinen Angehörigen. Katasterdaten würden die bewirtschaftete Fläche belegen.