Langer Kampf um Anerkennung: Regensburger setzt sich für die Rechte Medizingeschädigter ein

Von Marion Neumann · 28. November 2024 um 15:00

Reisen, berufliche Ziele verwirklichen – eine Familie gründen: Diese Lebensträume konnte die Ehefrau von Prof. Dr. Richard Weihrich nicht mehr in die Tat umsetzen. Wie der Regensburger erklärt, litt seine Frau durch fehlerhafte Medikamenten-Gabe über Jahre hinweg immer wieder unter schwersten Krampfanfällen. Was folgte, war ein zäher Rechtsstreit und der Kampf um Anerkennung, dass ein Behandlungsfehler vorlag.

„In so einer Situation fühlt man sich wahnsinnig hilflos“, sagt der 51-Jährige. Als Professor für Chemie habe er sich selbst erst tiefergehend mit der Wirkungsweise der Medikamente beschäftigen müssen, die seiner Frau verschrieben worden waren. „Ohne mein Know-How in diesem Bereich hätte ich gar nicht feststellen können, dass da etwas schiefgelaufen ist“, sagt er. Nach langem Hin und Her konsultierte das Paar einen Experten, der bei dem „sehr komplizierten Fall“ zum juristischen Vorgehen und zur Schadensersatzforderung riet. Weihrich ließ daraufhin mehrere Gutachten in Auftrag geben, bevor es zur ersten Gerichtsverhandlung kam.

Beweislast liegt beim Patienten

„Dass der Schaden auf einen schweren medizinischen Fehler zurückzuführen ist, muss man erst einmal belegen – und die Beweislast liegt dabei beim Patienten.“ Im ersten Prozess wurde die Klage letztendlich abgewiesen. „Ich war entsetzt, wie man damals mit uns umgegangen ist – und ich bin es bis heute“, sagt er. Erst in zweiter Instanz, Anfang dieses Jahres, habe die Richterin von „Hinweisen auf schwere Fehler“ gesprochen. Was folgte, war eine Einigung und Schadensersatzzahlung. „Das war eine gewisse Genugtuung“, sagt Weihrich, „auch, wenn es kein Urteil gegeben hat, ist für mich so die Rehabilitierung meiner Frau erfolgt“.

Seine Ehefrau selbst erlebte diesen Schritt nicht mehr. Einige Monate nach der ersten Klage erhielt sie eine Krebsdiagnose. Mit 47 Jahren ist sie im November 2023 verstorben. „Ohne den Behandlungsfehler hätten wir bis dahin noch ein schönes Leben haben können.“

Zugang zu Ersthilfe und Entschädigung

Ganz loslassen können, wird Weihrich das Thema wohl nie. Seit dem Tod seiner Frau hat er den Vorsitz des bundesweiten Vereins der Selbsthilfegemeinschaft Medizingeschädigter (SGM) übernommen. Kürzlich gründete er außerdem eine Ortsgruppe für Regensburg, die Betroffenen und deren Angehörigen aus der ganzen Oberpfalz die Möglichkeit zum Austausch bieten soll.

„Für viele Menschen ist es wichtig, überhaupt Gehör zu finden und sich das Thema von der Seele reden zu können“, sagt er. Neben der Vernetzung von Betroffenen geht es dem Verein auch um den Zugang zu Ersthilfe und einfacher, „barrierefreier“ Entschädigung. „Ich selbst habe Jahre gebraucht, um den Fall meiner Frau zu verstehen“, sagt Weihrich.

„Es geht nicht um Ärzte-Bashing“

Wie er erklärt, sei man „häufig selbst traumatisiert und muss dann vor Gericht möglicherweise gegen einen großen Klinikkonzern vorgehen, obwohl man selbst noch nie prozessiert hat.“ Für schwer geschädigte Patienten sei die Belastung enorm. „Bis es zu einer Verhandlung oder zu einer Entscheidung kommt, sind viele gesundheitlich schon völlig zermürbt – oder eben bereits verstorben.“

Ein weiterer Aspekt, der Weihrich besonders am Herzen liegt, ist, das Fehlermanagement in Hinblick auf Medizinschäden zu verbessern. Aus diesem Grund hat der Vorsitzende des Vereins zum nächsten Treffen der Ortsgruppe, das am 29. November im Regensburger Presseclub stattfindet, den stellvertretenden Vorsitzenden des Aktionsbündnis Patientensicherheit, Dr. Christian Deindl, eingeladen. Dieser wird unter anderem die Petition vorstellen, mit der die Organisation den Deutschen Bundestag auffordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Sicherheit von Patienten in der Gesundheitsversorgung zu fördern und auszubauen.

„Es geht dabei nicht um Ärzte-Bashing“, betont Weihrich. Dass aus Fehlern gelernt werde, sei für alle Seiten von zentraler Bedeutung. „Wir brauchen eine systematische Dokumentation von Medizinschäden und entsprechende Fallstudien, um die Zahlen zu senken und Maßnahmen ergreifen zu können“, sagt er.

Treffen am 29. November

Veranstaltung: Zum Thema „Patientensicherheit – Medizinschaden, was nun?“ informieren und diskutieren am 29. November um 16.15 Uhr im Presseclub Regensburg, Ludwigstraße 6, im Rahmen der Brigitte-Schlee-Michaela-Strohmenger-Symposien Experten zu Stand und Verbesserungen der Patientensicherheit und Schadensprävention. Interessierte Bürger, Betroffene, Angehörige, Patienten und Ärzte sind eingeladen, vor Ort oder online daran teilzunehmen (Anmeldung und Informationen unter www.sgmev.de).

Programm: Neben Prof. Dr. Weihrich ist Dr. Christian Deindl, stellvertretender Vorsitzender des Aktionsbündnisses Patientensicherheit APS e.V. und Arzt im Ruhestand, als Referent vor Ort. Er wird Konzepte und die Petition für mehr Patientensicherheit vorstellen. Rechtsanwalt Martin Werner wird zeigen, welche Möglichkeiten und Rechtsgrundlagen im Fall eines Medizinschadens bestehen. Im Anschluss besteht die Möglichkeit für Fragen und Diskussionen.

Kontakt: Weitere Infos zur Regionalgruppe „Selbsthilfegemeinschaft Medizingeschädigte – Patient im Mittelpunkt e.V. “ gibt es unter www.kiss-regensburg.de oder per E-Mail an 1.Vorsitzender@sgmev.de