Rock-Spektakel vor historischer Kulisse: „Jockels boarische Grusel Gschicht“ feiert Premiere

Ein „Fanbaggerl“ für zehn Euro hat sich so mancher von den über 350 Besuchern der Premierenvorstellung „Jockels boarische Grusel Gschicht“ am Donnerstag bei bestem Sommerwetter auf der Burgruine Runding gekauft. Schließlich ist deren Inhalt stark vom Kult-Musical und -film „The Rocky Horror Picture Show“ aus den 1970er Jahren inspiriert und wird neu in einer Art Bairisch präsentiert.
Zentraler Teil sind Mitmachaktionen des Publikums, wofür die Fanartikel benötigt werden: aufklebbare Tattoos, eine kleine Wasserpistole für die Unwetterszene, eine Mini-Taschenlampe, um den Weg zum Schloss zu weisen, oder ein Döschen für Seifenblasen bei der Erschaffung des künstlichen Wesens. Noch sprang allerdings dieser Funke nicht gänzlich auf die Zuschauer über.
Innerhalb von drei Wochen im August, jeweils von Donnerstag bis Sonntag, finden um 20.30 Uhr bei einsetzender Dämmerung die Vorstellungen statt, die zu einem großen Teil schon ausverkauft sind. Zur Weltpremiere empfing ein Drehorgelspieler am Burgeingang die Gäste, für die vielfältige Sitzgelegenheiten geschaffen wurden: Stühle, Bierbänke oder – auch mit ausleihbaren Sitzkissen – auf Felsen oder Strohballen.
Er „is a ganz a Nascha“
Bürgermeister Franz Kopp ging in seiner Begrüßung auf das Konzept „Kultur in die Kultur bringen“ ein. Mit diesem war vor vier Jahren nach Freilegung der Burgruine begonnen worden. Als der Initiator des Grusicals, Roland Schmuderer, der das Projekt 18 Jahre plante, mit seiner Idee auf ihn zukam, habe noch die Skepsis überwogen. „Aber du brauchst hier oben 'Nasche', und da Roland is a ganz a Nascha!“, so Kopp. Doch der habe es drauf, und alles sei eine 'richtig guade Aaricht'. Das nahm der mit einem Totenkopfszepter auftretende Ali Khan auf: Kopp habe weite Teile des Landkreises mit dem Slogan „Make Runding rund again“ beeindruckt.
Vor der idyllischen Kulisse der Burg entwickelte sich ein 90-minütiges Gruselmusical mit einer Mischung aus Tradionellem und Modernem, einer skurrilen Story in urigen Texten und mal rockigen, mal sanften Klängen, angekündigt von einem Goaßlschnalzer.
In Unwetter geraten und dann auch noch eine Reifenpanne
Der junge, gutgläubige Mühlbauer Toni (Michael Kurnoth) und seine frisch Verlobte Feichtmeier Vroni (Anouschka Doinet) sind nach einer Hochzeit auf dem Weg zu einem Schulfreund, dem ehemaligen Braumeister Quirin Haflinger (Ali Khan). In der Nacht geraten sie in ein Unwetter und haben eine Reifenpanne. Sie finden Unterschlupf in einem abgelegenen Schloss im Bayerischen Wald bei Franz dem Further (Roland Schmuderer), einem außerirdischen Wissenschaftler, der im Film Dr. Frank Furter heißt. Bei ihm, seinem Diener Ritsch Ratsch (Ernst Martin, bekannt von den Lichtenegger Festspielen), dessen Schwester Magda (Sandrina Sedona), der Groupie Reserl (Anina Doinet) und Jockel (Holger Enghardt), dem von Franz erschaffenen Lustknaben, werden sie in eine bizarre Welt aus Dekadenz, ausschweifender Sexualität, sinnlicher Verführung (geschickt auf dem Monitor durch Vorhänge und Schattenbilder erzeugt) und heimtückischem Verrat gezogen.

















Das alles wurde mit faszinierender Logistik, überzeugenden Gesangsstimmen und schauspielerisch ansprechenden Handlungen dargeboten, bei denen auch die vielen kleinen, passenden Gesten der einzelnen Darsteller mit ihren meist grellen Outfits imponierten. Dabei bezogen sie mitunter auch das Publikum mit ins Geschehen ein.
Dieses wurde zudem auf einem großen Monitor mit Filmsequenzen und mit Video-Einspielungen des in Runding geborenen Kabarettisten Binser alias Martin Schönberger vorangetrieben. Als bierseliger Stammtischbruder – jedesmal stand eine leere Flasche mehr auf dem Tisch – kommentierte er mehrmals die Situationen humorvoll und hintergründig. Die Liveband schaffte es hervorragend, an die Originalmusik anzuknüpfen und die entsprechende Atmosphäre zu schaffen: Chris Sedona (Gitarre), Hans Traurig (Keyboards), Eric Kisser (Bass) und Jan Zelinka (Schlagzeug).
Die Musikbeiträge entstammten einerseits zum großen Teil aus der Originalversion und waren von Sandrina Sedona ins Bairische übersetzt worden. So wurde etwa aus dem Eingangssong „Science Fiction“ der Titel „Buildn-schaun“, „There's a Light“ zu „Do is a Schein“, „Sweet Transvestite“ zu „Ich bin a Transvestit“, „I Can Make You a Man“ zu „I mach aus dir an Mo“ oder „Touch-A, Touch Me“ zu „Bitte, bitte, berühr mich“. Geschickt wurden aber auch bekannte Melodien und Songs eingefügt: „Sex Bomb“ von Tom Jones, „Je t'aime moi non plus“, Wolfgang Ambros' „Zwickts me – ganz wuarscht wohie“ oder „Wild Thing“ von den Troggs als „A wuida Schmetterling“. Der zweite Teil nach einer Pause von etwa 20 Minuten beinhaltete – abgesehen von der effektiven Phaserwaffen-Sequenz – weniger Action und dafür mehr Musicalparts. Fast wünschte man sich, es hätte keine Pause gegeben, durch die ein gewisser Zusammenhang der Thematik unterbrochen wurde.
Besinnliches Finale
Die ganze Bandbreite ihrer souligen Stimme konnte Sandrina Sedona beim fast textlosen „Requiem“ ausspielen. Schließlich endete der Musikreigen besinnlich mit „Super Heroes“: „Nur a boar san bereit für die letzte Stund, naggad stehns da vorm ewigen Richter, die irdische Zeit hat a End bedacht, so dassd obacht gebm muasst im Leben.“
Noch einmal wurde der „Time Warp“, der „Zeitsprung“, getanzt, und die Akteure wurden mit Riesenapplaus von der Bühne verabschiedet, ehe zu vorgerückter Stunde die Möglichkeit zur „After Show-Party“ mit Catering genossen werden konnte.