43. Stummfilmwoche: Regensburger vertonen „Der Berg des Schicksals“

Kino und Filmmusik sind heute kaum mehr voneinander zu trennen. Schon in den 1920ern wurden Stummfilme mit Live-Musik begleitet. Der Arbeitskreis Film setzt diese Tradition seit inzwischen 43 Jahren fort und zeigt bei der Stummfilmwoche Meisterwerke, die bis in die 1980er hinein noch weitgehend in Vergessenheit geraten waren. 2025 gehört „Der Berg des Schicksals“ zu den sechs Produktionen, die die Regensburger Reihe zeigt. Rainer J. Hofmann und Bertl Wenzl liefern die Live-Musik dazu.
Keyboard, Schlagzeug, Klarinette, Saxophon und weitere Instrumente stehen in Zimmer „11 44“, der nach seinen 11,44 Quadratmetern heißt und der Probenraum im Keller von Hofmanns Haus ist. Dort entwickeln und proben die zwei Freunde die Musik zu Arnold Fancks Bergfilm von 1924. Sie gucken den Film an, allein und gemeinsam, und Hofmann fertigt ein sogenanntes Szenenskript an. „Das verschafft uns einen Überblick über die Handlung und die Szenen des Films“, erklärt Hofmann.
Gemeinsam überlegen sie, wie sie die eindrucksvollen Bilder musikalisch untermalen können – ganz ohne Noten. „Die gibt es bei uns nicht“, sagt Wenzl (66). Stattdessen nehmen die Musiker ihre Ideen am Handy auf und notieren ihre Gedanken zu den Klängen ins Szenenskript. „Das ist alles hier drin“, sagt Hofmann und tippt sich an die Stirn. Hofmann und Wenzl sind ein eingespieltes Team, sie haben schon viele Projekte gemeinsam realisiert.
Beeindruckende Bilder
„Der Berg des Schicksals“ spielt in den Dolomiten und erzählt die Geschichte eines Bergsteigers, gespielt von Luis Trenker. Immer wieder versucht er, den Gipfel der Guglia del Diavolo zu erklimmen – ohne Erfolg. Weil sich seine Mutter große Sorgen macht, verspricht er, keine neuen Kletterversuche zu wagen. Doch Hella, seine Jugendfreundin, hat sich zum Lebensziel gemacht, den Gipfel zu erklimmen. Sie glaubt zu wissen, wo der sichere Weg zum Gipfel verläuft und versucht den Aufstieg allein. Da zieht ein Unwetter auf. Der Bergsteiger will nicht schuld am Tod seiner Jugendfreundin sein. Er sieht sich gezwungen, in die Wand zu steigen – und das Versprechen an seine Mutter zu brechen.
„Der Film besticht durch seine Bilder. Der Hauptdarsteller ist die Natur“, sagt Hofmann. Für die Vertonung greift das Duo auf Klavier, Altsaxophon, Altklarinette zurück – und auf exotische Instrumente wie die Udu – eine nigerianische Vasentrommel. Der 58-Jährige nutzt sie für die Szenen am Berg. Ein Ziel steht über allem: das innere Erleben der Protagonisten hörbar zu machen.

Das Duo gehört seit vielen Jahren zur Stummfilm-Musikszene. Hofmann gab 1998 mit „Salomé“ sein Debüt. Seitdem hat er schon einige Stummfilme vertont; sogar „Der Berg des Schicksals“ war schon dabei. Wenzl ist sogar seit den 1980ern an Bord. Er hat zahlreiche Stummfilmklassiker mit seiner Musik veredelt, darunter den Geniestreich „Nosferatu“ oder „Der General“.
Improvisation als Schlüssel
Bei ihren Live-Auftritten ist nicht immer alles planbar. „Einmal wurde der falsche Film abgespielt“, erinnert sich Wenzl. Der Film ging los und er begann zu spielen. „Erst nach ein paar Minuten fiel mir auf, dass etwas nicht stimmte“, erinnert er sich. „Offenbar waren die Filmrollen in den falschen Kartons“, mutmaßt er. Auch Hofmann kennt solche Pannen: Bei einer Vorstellung im Thon-Dittmer-Palais kippte er aus Versehen sein Getränk über eines seiner Effektgeräte. In der Pause funktionierte das Gerät noch, beim Konzert aber nicht, erinnert sich der Pianist.
„Ich glaube die meisten, die Filmmusik machen, können gut improvisieren“, sagt Hofmann. Oft kommt es vor, dass Filme bei der Vorführung eine andere Länge haben als angenommen. „Deshalb ist es wichtig, sich immer nach dem Tempo des Films zu erkundigen“, sagt Wenzl. Sonst kann es auf der Bühne zu Überraschungen kommen. Doch gerade das macht für die beiden Musiker den Reiz aus. „Es ist das größte Kompliment, wenn die Zuschauer vergessen, dass wir überhaupt auf der Bühne spielen“, sagen beide unisono. Denn dann haben sie es geschafft, den Film bestmöglich musikalisch zu begleiten.
Gute Musik zu stummen Filmen
• Die Reihe: Die Stummfilmwoche läuft von 12. bis 17. August im Thon-Dittmer-Hof am Haidplatz. Einlass ist um 19.30 Uhr, Beginn um 20.30 Uhr. Alle Details: stummfilmwoche.de
• Die Filme: „Steamboat Bill Jr.“ von Buster Keaten, Musik: Maus Nelissen (12. August); „Der Berg des Schicksals“ von Arnold Fanck, Musik: Rainer J. Hofmann und Bertl Wenzl (13. August); „Ost und West“ von Sidney Goldin, Musik: Ensemble Aljoscha Zimmermann (14. August); „Asphalt“ von Joe May, Musik: Diamond Dogs (15. August); „Die wunderbare Lüge der Nina Petrowna“ von Hanns Schwarz, Musik: Ensemble Aljoscha Zimmermann (16. August); „Varieté“ von Ewald André Dupont, Musik: Vsevolod Pozdejev (17. August)