So erlebte das Technische Hilfswerk den Bombeneinsatz in Cham

Von Johannes Schiedermeier · 18. Juli 2025 um 19:00

Sie waren die stillen Helfer neben der Bombe. Manche von ihnen waren bis zu 36 Stunden auf den Beinen. Die Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks erzählen vom Bau des Schutzdamms neben der Fliegerbombe in Cham.

Video ansehen

„Natürlich hat man ein ungutes Gefühl. Aber letztlich vertraut man den Führungskräften im Landkreis, mit denen man seit Jahren arbeitet und dem Sprengmeister. Der hat das ja bisher offensichtlich überlebt und kennt sich aus.“ So sind sie, die THWler. Eher unspektakulär, faktenbasiert und mit einem Schuss Sarkasmus. Das braucht man an manchen Tagen. Zum Beispiel, wenn man neben einer scharfen Bombe stundenlang arbeiten muss.

Fliegerbombe in Cham entschärft: Chronologie eines dramatischen Einsatzes

Um diese Geschichte zu bekommen, müssen wir anfragen. Von selbst hätte sich keiner gerührt. Nun sitzen die Fünf in ihren blauen Uniformen auf einer hölzernen Sitzgarnitur vor dem THW-Gebäude in Cham, einen Steinwurf vom Landratsamt entfernt. Der erste Satz spricht schon Bände: „Schreib ja net: Auge in Auge mit der Bombe...“, sagt Michael Paulus, der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Bombe/Alarm/Amok

Gut, schreiben wir nicht, obwohl es ganz nahe an der Wahrheit wäre. Und dann kommen sie doch ins Erzählen, die Helfer des THW, die alle 14 Tage an Freitagabenden ihre Einsatzbereitschaft trainieren. Und dann ist er da, der Ernstfall: „Bombe/Alarm/Amok“ heißt das Stichwort an diesem Mittwochabend am 9. Juli. „Da geht dir schon was durch den Kopf“, sagt Fachberater Sebastian Berger. Was es genau ist, erfährt man dann erst später.

In der Kreiseinsatzzentrale des Katastrophenschutzes erinnert sich Berger, dass Kreisbrandrat Michael Stahl ihn am Ärmel genommen und ins Besprechungszimmer gezogen hat: „Du machst, was er sagt, hat er gesagt und auf den Sprengmeister gedeutet. Dann war er weg.“ Kurz, knapp, präzise. Ein Vorgeschmack auf den ganzen Einsatz. Der Ortsbeauftragte Dominik Schmidt, sein Stellvertreter Roland Frommhold und Gruppenführer Markus Schweiger sind rückblickend auch sehr zufrieden.

50 Einsatzkräfte und 160 Container

Ihre Truppe aus Cham und Roding rückt an diesem Abend mit 50 Einsatzkräften an. In Rekordzeit beschaffen sie bei Firmen im Landkreis 160 IPC-Cotainer. IPC bedeutet International Bulk-Container. „Bulk“ steht für Schüttgut. An diesem Abend sind sie alle leer.

Am Ende war es neben der Bombe auch nicht gefährlicher als bei der Straßensperrung auf der B85 an einem Freitagnachmittag

Michael Paulus, Pressesprecher des THW-Ortsverbandes Cham

Die Einsatzleitung des Landkreises beweist ihre gute Vernetzung. Ein Spezialkran der Firma Mühlbauer mit vier Mitarbeitern ist schon vor Ort. Baucontainer lokaler Firmen werden geliefert, lastzugweise rollen die IPC-Container an.

Scharf und unberechenbar

Je länger der Abend dauert, desto mehr wächst der Radius für die Evakuierung. Am Ende sind es 700 Meter. „Wären es 1000 gewesen, hätte ganz Cham ausziehen müssen in dieser Nacht“, sagt Paulus.

Lesen Sie dazu auch: Nach Bombenfund in Cham: Einsatzkräfte riskieren ihr Leben beim Schutzwall-Bau

Der Sprengmeister sagt ganz offen, dass die Bombe unberechenbar und scharf ist. Sie wurde vom Bagger bewegt und niemand weiß, ob der Langzeitzünder ausgelöst wurde. Dann frisst sich gerade Aceton-Säure durch Pergamentplättchen. Je nachdem, wie der Bombenschütze es damals eingestellt hat, detoniert die Bombe dann sofort, oder erst in Tagen...

Bis zu 36 Stunden auf den Beinen

Die Einsatzkräfte des THW bekommen Anweisungen: Zehn Meter Mindestabstand, erschütterungsfrei arbeiten... „Natürlich denkt man da kurz dran, aber man hat ja einen Auftrag“, sagt Frommhold. Und den erfüllt das THW an diesem Abend präzise und schnell. Die jeweils drei Tonnen schweren Container werden im Kreis um die Bombe aufgestellt. Immer zwei aufeinander. In jeden werden bis zu neun IPC-Behälter eingeschoben. Am Ende kommen pro Container rund neun Tonen Gewicht zusammen.

Sie erzählen von ihrer Arbeit: Markus Schweiger, Sebastian Berger, Ortsbeauftragter Dominik Schmidt, Roland Frommhold und Michael Paulus. - Foto: Johannes Schiedermeier

Für die Entschärfung vom Bahnhof aus wird eine Signalleitung verlegt und mit einem Wasserschneider verbunden, der später das Leitwerk der Bombe samt Zünder ohne Funkenflug und Hitzeentwicklung abtrennen wird. Dafür schafft das THW aus Roding ein leistungsstarkes Notstromaggregat heran.

Lesen Sie dazu auch: 728 Helfer sorgen in der Bombennacht für die Chamer Bürger

Als gegen 5.30 Uhr die Entschärfung gemeldet wird, sind manche Einsatzkräfte schon 24 Stunden auf den Beinen. Am Ende sind es bei manchen 36. Schließlich müssen die Fahrzeuge entladen und betankt werden, um wieder einsatzfertig zu sein.

Auf den Punkt genau

Mensch und Material auf den Punkt genau zum Einsatz zu bringen, das ist kein Zufall. An diesem Abend erzählen die Fünf noch eine ganze Zeit lang von ihrer Arbeit. Von den ungezählten Einsätzen im Hochwasser und bei Schneekatastrophen. Wie sie bei Corona lastzugweise Masken und Klinikmaterial in den Landkreis gebracht und am Pandemie-Telefon gesessen haben. Manche waren schon im Auslandseinsatz, alle im ganzen Bundesgebiet unterwegs.

Und rückblickend, die Geschichte mit der Bombe? „Ach“, sagt Paulus, „genau betrachtet war der Einsatz an der Bombe auch nicht gefährlicher wie eine Straßensperrung bei einem Unfall am Freitagnachmittag auf der B85.“ So sind sie die THWler: Immer schön den Ball flach halten.

THW-Trupps aus Roding und Cham befüllen die Wasserbehälter in den Baucontainern. Am Ende wiegt jeder der Stahlcontainer rund neun Tonnen. - Foto: Michael Paulus, THW