728 Helfer sorgen in der Bombennacht für Bürger und Patienten

Von Johannes Schiedermeier · 11. Juli 2025 um 11:00

Es gibt Momente im Leben, da schafft man es nicht alleine. Und wenn man noch so gut aufgestellt ist. Einen solchen Moment haben die Chamer beim Fund der Fliegerbombe in der Nacht zum Donnerstag. Um 20.30 Uhr zieht Landrat Franz Löffler die Reißleine und ruft den Katastrophenfall aus – und 728 Helfer kommen.

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Das ist auch notwendig. Denn die Rahmenbedingungen sind denkbar ungünstig: Der Rettungsdienst hat im Landkreis Cham kein anfahrbares Krankenhaus mehr und ist selbst evakuiert. Die Polizei auch. 2300 Menschen müssen im Umkreis von 700 Metern um die Bombe in Sicherheit gebracht werden, weil Explosionsgefahr besteht. Der Sprengmeister muss davon ausgehen, dass der Langzeitzünder der Bombe beschädigt worden ist, als sie der Bagger aus der Baugrube des Abrisshauses gehoben hat.

Hilfe auf den Punkt

Die Flutkatastrophe im Ahrtal hat gezeigt, dass unkoordinierte Hilfe schnell verpufft. In Cham klappt alles wie am Schnürchen. 150 Patienten der Sana Kliniken werden evakuiert. Ein komplettes Krankenhaus samt Patienten, Material, Betten und Beatmungsgeräten. 88 Bewohner des Seniorenheimes St. Michael werden in Rekordzeit auf umliegende Einrichtungen verteilt. 60 Patienten der stationären Psychiatrie der Medizinischen Einrichtungen des Bezirks Oberpfalz (medbo) werden verlegt. 2300 Einwohner von Cham-West werden aus ihren Häusern und Wohnungen geklingelt.

Auf dem Festplatz neben dem Landratsamt stehen innerhalb kurzer Zeit 118 Fahrzeuge der Rettungsdienste: Malteser, BRK, Johanniter und sogar Rettungswagen aus Tschechien sind da. 164 Transporte von Patienten und Pflegebedürftigen werden gefahren. Dabei sind frisch Operierte und Patienten, die beatmungspflichtig sind. Selbst die Intensivstation wird ohne Nebenwirkungen geräumt. Der Rettungsdienst bringt dafür 358 Helfer auf die Straße. Kein einziger Patient geht in dieser Nacht irgendwo verloren. Eine logistische Meisterleistung. „Wir mussten ja befürchten, dass beim Alarm vielleicht Panik ausbricht und die Patienten auf eigene Faust verschwinden. Das hatten wir aber gut im Griff. Alle sind wieder da“, freut sich Sana-Geschäftsführer Thomas Koch auf der Pressekonferenz am nächsten Tag.

Wenn das Licht noch brennt...

Die Polizei hat sich aus dem ganzen Landkreis verstärkt und Bereitschaftspolizei zugezogen. Am Ende hat Chams Vizepolizei-Chef Marco Müller mehr als 90 Beamte an Sperren im Einsatz. 15 Mal müssen sie der Feuerwehr helfen, die alle Bürger aus den Häusern und Wohnungen klingelt. Mancher will es nicht glauben und beharrt darauf, dass er daheim bleiben will. Am Ende ist alles geräumt. In manchen Wohnungen brennt noch Licht. Bei der Türöffnung stellt die Polizei aber fest, dass die Bewohner weg sind und vergessen haben, das Licht auszuschalten, berichtet Müller. 25 Straßenzüge werden komplett geräumt, 14 weitere in Teilen. Die Feuerwehr ist in dieser Nacht mit 238 Kräften im Einsatz.

32 Einsatzkräfte des THW haben an diesem Abend eine ganz besondere Aufgabe, wie der Chamer Ortsbeauftragte Dominik Schmidt berichtet: Sie müssen gemeinsam mit Kräften der Feuerwehr den Schutzwall aus elf Stahlcontainern und 150 wassergefüllten Behältern errichten – im direkten Umfeld der Bombe, die der Sprengmeister als jederzeit scharf bezeichnet hatte.

Und jetzt alles wieder rückwärts

Mit unterwegs sind in dieser Nacht auch acht Bedienstete der Stadt und 18 aus dem Landratsamt. Auch fünf Personen von Privatfirmen mit speziellen Fähigkeiten – wie zum Beispiel die Bereitstellung von Pflegebussen – werden eingesetzt.

In dieser Nacht schläft kaum einer der Helfer. Und auch am nächsten Tag ist dazu wenig Gelegenheit. Denn Altenheim und Klinik müssen wieder anlaufen. Ein Teil der Sana-Patienten ist am Mittag noch in Bad Kötzting. Das THW muss den Schutzwall rückbauen. Und schon am Donnerstagnachmittag sieht alles aus, als wäre nie etwas gewesen.