Seniorenheim St. Michael wird mit einem Liedchen auf den Lippen evakuiert

„Das war wie eine Feuertaufe“, sagt Monika Lobmeier, Heimleiterin im Seniorenheim St. Michael in Cham. Dessen 88 Bewohner wurden wegen der Bombenentschärfung in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag innerhalb von vier Stunden evakuiert. „Für den Umzug in den Neubau am 1. Dezember haben wir drei Tage Zeit – davor ist mir jetzt nicht mehr bange.“
„Bange“ sei ihr auch bei der Evakuierung nicht gewesen, sagt Lobmeier. Weil alle die Ruhe bewahrt hätten. Weil der Notfallplan, den es für solche Szenarien gibt, reibungslos funktioniert habe. Weil alle zusammengeholfen hätten. „Sagenhaft, wie das alles geklappt hat. Wie am Schnürchen. Zu keinem Zeitpunkt ist die Stimmung gekippt oder gab es mal einen kritischen Moment.“
Sagenhaft, wie das alles geklappt hat. Wie am Schnürchen. Zu keinem Zeitpunkt ist die Stimmung gekippt oder gab es mal einen kritischen Moment
Monika Lobmeier, Heimleiterin
Mittwoch um 19.45 Uhr hatte Bürgermeister Martin Stoiber – die städtische Bürgerspitalstiftung ist Träger des Seniorenheims – bei Monika Lobmeier zu Hause angerufen, später auch die geschäftsleitende Beamtin Sigrid Stebe-Hoffmann. Deren Botschaft: „Evakuierung – sofort!“ Noch auf dem Weg zum Pflegeheim rief Lobmeier eine Pflegekraft an, damit diese bei der Evakuierung half. „Das hat sich dann zum Selbstläufer entwickelt: Als ich im Pflegeheim ankam, waren drei Viertel des Personals schon da“ – unter anderem deshalb, weil einige Mitarbeiter an einem internen Häkelkurs Mittwochabend teilgenommen hätten.
Viele schon im Bett
Wer auch im Pflegeheim da war: BRK-Kreisgeschäftsführer Manfred Aschenbrenner, Einsatzleiter Michael Amann – „der hat einen super Job gemacht!“ – und Pflegedienstleiter Dominik Sonnleitner, die zusammen mit Monika Lobmeier die Evakuierung organisierten. Eine Liste mit den Namen der Bewohner, deren Gesundheitszustand und Mobilität wurde erstellt. Die Bewohner wurden informiert – „es waren ja alle schon im Bett oder bettgehreif“ –, bei Bedarf vom Personal angezogen und für die Evakuierung bereit gemacht.



Dass so viel Personal da gewesen sei, sei von Vorteil gewesen, meint Monika Lobmeier. „Die Ruhe des Personals hat sich auf die Bewohner übertragen. Keiner wurde panisch, der ein oder andere war höchstens müde.“ Dann hieß es warten, zunächst auf den Gängen, später in der Eingangshalle; die ersten Bewohner wurden um 21.10 Uhr – „Früher ging nicht, Priorität hatte ja das Krankenhaus“ – , der letzte um 1.30 Uhr von Rettungskräften in eine Senioreneinrichtung im Landkreis Cham gebracht. Und auch da ist Monika Lobmeier voll des Lobes: „Das Rote Kreuz und die Caritas haben uns enorm unterstützt.“ Die meisten Bewohner (16) nahm das Caritasheim in Roding auf, dort wurde der Speise- zum Schlafsaal umfunktioniert. Weitere Bewohner kamen in den BRK-Einrichtungen in Wilting, Roding, Zandt, Furth im Wald, Bad Kötzting und Waldmünchen unter – mit ihren Medikamenten im Gepäck sowie einem Überleitungsbogen, auf dem die jeweiligen Bedürfnisse der Bewohner vermerkt sind.
Ein vertrautes Gesicht
Überall wurden Speisesäle oder Gemeinschaftsräume mit Betten für die Gäste aus Cham bestückt. Außerdem: „In jede Pflegeeinrichtung ist Personal von uns mitgekommen, damit unsere Bewohner dort ein vertrautes Gesicht haben.“
20 Bewohner seien von Angehörigen abgeholt worden. Eine Tochter habe ihre Mutter abgeholt, habe später erfahren, dass sie selbst evakuiert werden musste und habe ihre Mutter dann wieder ins Seniorenheim bringen müssen. Zeit, alle Angehörigen über die Evakuierung zu informieren, sei nicht gewesen, sagt Monika Lobmeier. Stattdessen stellte sie in Abstimmung mit dem Bürgermeister eine Telefon-Hotline für Nachfragen auf die Homepage von St. Michael. „Die Anrufe hielten sich aber in Grenzen. 99,9 Prozent der Angehörigen zeigten Verständnis.“
Wie gelassen bis gut die Stimmung war, verdeutlicht eine Begebenheit: Es war kurz nach 22 Uhr – die Bewohner warteten in der Eingangshalle auf ihre Verlegung –, als eine Mitarbeiterin von St. Michael ein Lied anstimmte: „Muss’ i denn zum Städtele hinaus...“ Und alle sangen mit, „so was hab‘ ich noch nie erlebt (Monika Lobmeier)“. So mancher Bewohner verabschiedete sich dann mit den Worten: „Bis morgen – ich mache einen Ausflug – ich geh’ in Urlaub.“ Um Mitternacht gab es noch einmal Gesang im Seniorenheim – ein Geburtstagsständchen. Schon am Mittwoch hatte eine Pflegekraft Geburtstag gehabt, am Donnerstag eine weitere. Donnerstag ab 15 Uhr – erneut nach den Patienten des Krankenhauses – wurden die Senioren von St. Michael nach und nach rückverlegt – und die (unfreiwillige) Feuertaufe für den 1. Dezember war bestanden.