Wie die 250-Kilo-Fliegerbombe Cham die ganze Nacht in Atem hielt

Von Thomas Mühlbauer · 10. Juli 2025 um 09:23

Die Nacht auf Donnerstag wird in die Geschichtsbücher der Stadt Cham eingehen, denn bei Bauarbeiten in der Josef-von-Heilingbrunner-Straße wurde eine 250 Kilo schwere englische Fliegerbombe gefunden. Es war zwar nicht die erste Bombe, die in Cham-West gefunden wurde, doch diesmal war die Lage so brenzlig, dass sogar der Katastrophenfall ausgerufen wurde.

Video ansehen

Die Bombe, die einen chemischen Langzeitzünder besaß, wurde bei den Grabungsarbeiten im Baugrundstück gegen 17 Uhr von einem Baggerfahrer bewegt. Niemand konnte sagen, ob der Zünder schon ausgelöst hatte. Deswegen entschied man sich in der Kreiseinsatzzentrale in Cham in Absprache mit allen Rettungsorganisationen und den Mitarbeitern des Sprengkommandos Bayern aus Nürnberg und Ingolstadt, einen 700 Meter Radius um den Fundort zu ziehen. In diesem Radius lag auch das Krankenhaus Cham und das Altenheim St. Michael.

Alle Ereignisse aus der Nacht lesen Sie auch hier im Blog nach.

Beide Einrichtungen mussten ebenso wie die restlichen Bewohner innerhalb des Radius komplett evakuiert werden. Gegen 20 Uhr begann die großflächige Evakuierung. Der Bahnverkehr zwischen Furth im Wald und Schwandorf wurde eingestellt. Auf dem Volksfestplatz wurde derweil die Sammelstelle für alle Rettungsorganisationen eingerichtet, wo im Minutentakt die BRK und Feuerwehrfahrzeuge eintrafen.

2500 Menschen evakuiert – Katastrophenfall ausgerufen

Um 20.24 Uhr wurde schließlich die Bevölkerung mit der Warnapp NINA informiert, dass eine Fliegerbombe gefunden wurde und das eine Evakuierung stattfindet. Insgesamt mussten rund 2500 Personen evakuiert werden. Um 20.30 griff Landrat Franz Löffler schließlich zu einem weiteren Element und rief für die Stadt Cham den Katastrophenfall aus.

Löffler begründete diesen Schritt wie folgt: „Durch die Bewegung der englischen Fliegerbombe ist nicht auszuschließen, dass die Aktivierung des Langzeitzünders bereits erfolgt ist.“ Der Katastrophenfall werde ausgerufen, wenn eine Gefahr für Leib und Leben einer großen Anzahl von Menschen besteht. Die Entschärfung müsse schnellstmöglich erfolgen.

Weiter sagte Löffler, dass durch die Bewegung der Fliegerbombe eine Kettenreaktion ausgelöst worden sei, die den Einsatzkräften erheblichen Zeitdruck bereitete. Besonders kritisch sei gewesen, dass im Sperrbereich auch ein Krankenhaus und ein Pflegeheim lagen, wodurch viele besonders schutzbedürftige Menschen betroffen waren. Löffler betonte, wie dankbar er für den engagierten Einsatz aller Beteiligten sei, die es ermöglicht hätten, die Evakuierung zügig durchzuführen.

600 Einsatzkräfte rückten aus

Über 600 Einsatzkräfte waren wegen der Fliegerbombe im Einsatz. Neben dem Bayerischen Roten Kreuz, der Feuerwehr und dem THW rückte auch die Polizei mit zahlreichen Kräften von den Dienststellen im Landkreis Cham aus sowie die Bayerische Bereitschaftspolizei. Um 21.30 Uhr setzte sich schließlich ein Konvoi von Feuerwehrfahrzeugen in Bewegung in Richtung des abgesperrten Gebietes, um bei der Evakuierung zu unterstützen.

Als erste Sammelstelle für die evakuierten Personen wurde die Stadthalle in Cham mit Feldbetten bestückt, doch schnell stieß die Halle und das Foyer an seine Grenzen, denn nicht alle konnten bei Verwandten unterkommen. So wurde noch eine zweite Anlaufstelle in der Johann-Brunner-Schule eingerichtet, wo die Bevölkerung die Nacht verbringen konnte.

Geleitet wurde der Einsatz vor Ort vom Einsatzdienstleiter der Malteser, Markus Wolkner. Er informierte darüber, dass in der Stadthalle 140 Betten aufgebaut wurden. Kurz vor Mitternacht seien in der Stadthalle 260 Personen betreute worden, weswegen die zweite Betreuungsstelle an der Mittelschule eingerichtet worden sei.

Schnell wurde klar: Es wird eine lange Nacht

Im Laufe der Nacht kamen in beiden Anlaufstellen immer mehr Menschen an. Bei vielen, auch bei den Einsatzkräften am Volksfestplatz, setzte sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass es sicherlich keine schnelle Entschärfung geben wird.

In der BRK-Zentrale gegenüber der Stadthalle wurde derweil für die vielen BRK-Einsatzkräfte, die aus der gesamten Oberpfalz und Niederbayern anrückten, eine Verpflegungsstelle eingerichtet, in der Kaffee und Gulaschsuppe ausgegeben wurde.

Während die Bevölkerung in die Stadthalle und Johann-Brunner-Schule gebracht wurde, begann zeitgleich die Verlegung der Patienten aus dem Krankenhaus Cham. Diese wurden in die Krankenhäuser Bad Kötzting und Roding verlegt. Die Intensivpatienten kamen nach Roding.

Bürgermeister Stoiber: „Durchaus dramatische Lage“

BRK-Präsident und Landrat a.D. Theo Zellner erkundigte sich im Laufe des Abends vor Ort über die Lage. In der Stadthalle machte sich auch um 23.30 Uhr Chams Bürgermeister Martin Stoiber ein Bild, der gegenüber unserer Zeitung sagte: „Es sind über 2500 Menschen, die im Umkreis des Fundortes der Fliegerbombe wohnen, betroffen – eine durchaus dramatische Lage.“

Dass auch die Sana Klinik und ein Pflegeheim von der Evakuierung betroffen waren, unterscheide die aktuelle Situation von früheren Bombenfunden in Cham entscheidend. Gemäß der Einschätzung eines hinzugezogenen Experten sei eine Evakuierung in dieser Größenordnung nach der Bewegung der Fliegerbombe jedoch notwendig gewesen, um die Menschen vor Ort bestmöglich zu schützen.

Glücklicherweise habe man die komplette Blaulichtfamilie vor Ort gehabt, die die umfassende Evakuierung vollzog. „Man sieht in solch einer Situation, welch wertvolle Arbeit die Einsatzkräfte leisten“, so der Bürgermeister. Das gute Zusammenspiel der Einsatzkräfte habe sich bei der Evakuierung, berichtete Pressesprecher Fabian Koller vom Landratsamt. Um 0.30 Uhr sei die Evakuierung schon weit fortgeschritten gewesen. Damit konnten die ersten Rettungskräfte schon abrücken.

Krankenhaus und Pflegeheim evakuiert

Um 1 Uhr berichtete der Organisatorische Leiter des Rettungsdienstes Tobias Muhr, dass 80 Prozent der Evakuierung abgeschlossen sei. Vor Ort befanden sich 109 Rettungswagen aus mehreren Regierungsbezirken.

Aufgrund der Größenordnung des Evakuierungsbereiches mit einem Krankenhaus und dem Pflegeheim St. Michael sei diese große Anzahl an Rettungsdienstfahrzeugen notwendig gewesen. „Das ist eine Herausforderung, die wir bis jetzt sehr gut gemeistert haben", bilanzierte Muhr den Einsatzverlauf in der Nacht.

Bettlägerige Patienten der Sana Klinik seien größtenteils nach Bad Kötzting oder Roding aber auch in externe Krankenhäuser verlegt worden. Die evakuierten Bewohner der Seniorenheime wurden in Heime verschiedener Träger innerhalb des Landkreises gebracht, so Muhr weiter.

Gegen 2.40 Uhr war die Evakuierung abgeschlossen, sodass sich um 3 Uhr die Sprengmeister Christian Scheibinger, Florian Süß, Sebastian Kraatz und Michael Weiß vom Sprengkommando Nürnberg/Ingolstadt an die Arbeit machten.

Vor der Entschärfung wurden rund um die Bombe mehrere große Container aufgebaut, die wiederum gefüllt waren mit 150 IBC-Containern. Damit sorgte man vor, falls die Bombe gesprengt werden müsste, um die umliegenden Häuser zu schützen.

Kurzzeitig stand Schulbetrieb auf der Kippe – dann die Entschärfung

Um 5.25 Uhr entschied sich das Landratsamt, nachdem die Bombe immer noch nicht entschärft war, dass die Schulen in der Stadt Cham am Donnerstag geschlossen bleiben – doch fünf Minuten später kam die Meldung, auf die alle gewartet haben, die Bombe ist entschärft. Damit stand auch dem Schulbetrieb nichts mehr im Wege.

Binnen kürzester Zeit leerte sich der Volksfestplatz, der Katastrophenfall wurde aufgehoben und die Bevölkerung konnte zurück in ihre Wohnungen. Die Patienten in den Krankenhäusern in Roding und Bad Kötzting wurden wieder zurück verlegt nach Cham und auch ins Seniorenheim St. Michael kehrten die Bewohner wieder zurück.

So wurde die Bombe entschärft

Dass die Bombe ein wenig bewegt worden war, war auch für die Spezialisten eine Besonderheit, berichtete Sprengmeister Michael Weiß nach der erfolgreichen Entschärfung. Normal sei das nicht der Fall, da es Fachfirmen gebe, die gezielt nach Sprengmitteln suchen.

Verglichen mit dem Aufwand – unter anderem erschwerte das hügelige Gebiet die Arbeit – schätzte Michael Weiß die knapp zweieinhalb Stunden für die Entschärfung als normal ein. Und der Sprengmeister gab im Gespräch mit unserer Zeitung zu, dass ihm einige Steine vom Herzen gefallen sind, als die Bombe entschärft war.

Bis es soweit war wurde die Bombe mit einer ferngesteuerten Wasserschneidemaschine bearbeitet, um an den Zünder heranzukommen. Die vier Mitarbeiter des Sprengkommandos waren laut Weiß dabei knapp 300 Meter entfernt. Bildlich festgehalten wurde dies mittels einer Drohne, die den Arbeitsprozess aufzeigte. Schlussendlich wurde der Zünder, über dem sich ein gefüllter IBC-Container befand, kontrolliert gesprengt.

Bürgermeister Michael Stoiber zeigte seine Erleichterung darüber, dass alles so gut geklappt hat. Er bezeichnete es als wahnsinnige Leistung aller Helfer, die bei der Entschärfung und Evakuierung im Einsatz waren. Kreisbrandrat Michael Stahl dankte dabei nicht nur den Feuerwehren und dem THW, sondern auch den Maltesern und dem Bayerischen Roten Kreuz, die den gesamten Abtransport übernommen hatten.

Wir sind eine Blaulichtfamilie und das hat sich heute wieder bewahrheitet.

Kreisbrandrat Michael Stahl

Wie der Kreisbrandrat weiter sagte, war der letzte Bombenfund noch nicht allzu lange her, da hatte man Vieles noch im Kopf. Und so wurde auch der Einsatz wieder organisiert. Stahl hob lobend hervor, dass wieder einmal alles perfekt geklappt habe. Innerhalb einer Stunde seien dann auch die zwölf für die Entschärfung benötigten Schiffscontainer organisiert worden, die mit 150 IBC-Behältern gefüllt wurden.

Landrat Franz Löffler sagte abschließend in einer vom Landratsamt verschickten Mitteilung: „Ehrenamtliche und hauptamtliche Kräfte haben erneut gezeigt, wie reibungslos und professionell sie agieren.“ Abschließend galt Löfflers besonderer Dank auch den betroffenen Anwohnern, die durch ihre Bereitschaft zum reibungslosen Ablauf beigetragen hätten.