Zwischen Bombenalarm und drei Geburten: Klinik in Cham in einer Nacht voller Gegensätze

Von Johannes Schiedermeier · 10. Juli 2025 um 14:00

Der Fund einer 250 Kilogramm schweren Bombe hat in der Nacht auf Donnerstag für einen Ausnahmezustand gesorgt: Erstmals in seiner Existenz wurde das Chamer Krankenhaus komplett evakuiert.

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Donnerstag 2.30 Uhr: Es herrscht gespenstische Stille in der Chamer Sana Klinik. Gerade erst hat der letzte Patient mit dem Pflegepersonal das Haus verlassen: Bomben-Alarm. Drei Babys werden während des Alarms geboren, zwei sind jetzt Rodinger Bürger. 150 Patienten werden in speziellen Bussen und in Rettungswagen wegtransportiert vom Gefahrenort. Manche unter Beatmung. 50 werden vorzeitig entlassen.

Der Fund einer 250 Kilogramm schweren Bombe hat in der Nacht auf Donnerstag auch in der Chamer Sana Klini für einen Ausnahmezustand gesorgt. - Foto: Constanze Kumpf/Sana
Der Fund einer 250 Kilogramm schweren Bombe hat in der Nacht auf Donnerstag auch in der Chamer Sana Klini für einen Ausnahmezustand gesorgt. - Foto: Constanze Kumpf/Sana

Am Donnerstag um 10 Uhr ist der Spuk vorbei, als wäre nie etwas gewesen. Vor dem Hintereingang lädt ein letzter Einsatzwagen der Feuerwehr Material ab, das nachts nach Roding transportiert worden ist. Sana-Geschäftsführer Thomas Koch und Pressesprecherin Constanze Kumpf sitzen geschafft im Besprechungsraum: Erstmals in der Geschichte des Krankenhauses ist es in dieser Nacht wegen einer 250 Kilo-Fliegerbombe im 700 Meter-Umkreis komplett evakuiert worden (wir berichteten). Koch ist erleichtert: „Alle Patienten sind dort gelandet, wo sie hin sollten und alle sind wieder da. Nichts passiert!“

„Unglaubliche Teamleistung!“

Nichts passiert ist etwas untertrieben. Es beginnt nach der Information über den Fund der Bombe um 18.30 Uhr. Kurz darauf ist klar: Die Klinik liegt in der Evakuierungszone. Die festgelegte Einsatzleitung trifft ein, die Evakuierungspläne kommen auf den Tisch, die Maschinerie läuft an. Und sie läuft bis zum Schluss reibungslos. „Das war eine unglaubliche Teamleistung unseres Personals in Zusammenarbeit mit Feuerwehr und Rettungskräften und Katastrophenschutz“, sagt Geschäftsführer Koch. Die Notaufnahme hat bis zum Schluss noch funktioniert. Der Ärztliche Direktor, Pflegedirektor, Personal-Chef, Geschäftsführer und die Kommunikation bilden in der Notaufnahme eine Einsatzleitung.

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Das Personal wird durch Ärzte verstärkt. Jeder Patient wird zum Abwägungsfall. Die Entscheidung fällt in schweren Fällen für eine mobile Beatmung und einen Transport mit dem Rettungswagen, jeder begleitet von entsprechendem Personal.

In Roding wird ein Intensivraum reaktiviert. Die Feuerwehr transportiert Betten ins Krankenhaus Bad Kötzting und nach Roding. „Wir haben uns gegen Hubschrauber entschieden, weil die notlanden müssten, wenn es dem Patienten schlechter geht. Während des Fluges kommen die Ärzte nicht an ihn heran“, sagt Koch.

Ich habe Kennzeichen bis aus Deggendorf gesehen.

Sana-Geschäftsführer Thomas Koch

Hilfskräfte aus dem Landkreis und weit darüber hinaus helfen bei der Evakuierung. „Ich habe Kennzeichen bis aus Deggendorf gesehen“, schildert der Geschäftsführer. Alles ist reibungslos gelaufen. 50 Patienten werden in Absprache auch mit den Angehörigen vorzeitig entlassen. Manche stehen am Morgen nach dem Alarm wieder vor der Türe und wollen ins Bett. Spezielle Pflegebusse sind im Einsatz, die bis zu acht Patienten transportieren können. Der Rest wird mit riesigem Aufwand in Rettungswagen transportiert.

Drei Babys während Bombenalarm geboren

Es gibt aber auch die wunderbaren Ereignisse in dieser Nacht: Drei Kinder kommen während des Bombenalarms zur Welt. Ein Baby fährt im Arm seiner Mutter nach Roding, zwei werden dort geboren und sind jetzt durch diesen Bombenzufall Rodinger.

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Personal und Rettungsdienst bringen auch die schweren Fälle gut betreut aus der Gefahrenzone: Schlaganfallpatienten, Schwerkranke aus der Intensivstation und gefährdete Patienten aus der Intensiv-Überwachung werden mitsamt Personal und teils unter mobiler Beatmung nach Roding gefahren. Alle sind wohlbehalten am nächsten Tag ab 7 Uhr wieder zurück. Ab diesem Zeitpunkt läuft die Intensivstation. Ab 8 Uhr kommen Notaufnahme und Herzkatheder-Labor hinzu. Um 10 Uhr läuft der komplette Betrieb. Nicht ein einziger Patient ist dabei am falschen Ort gelandet,oder hat die Klinik nach dem Alarm einfach verlassen.

Dabei war das gar nicht so einfach. Denn die Geschäftsführung hatte entschieden, vor der Information der Patienten erst das Personal aufzufüllen, um mit lückenloser Betreuung Panik zu vermeiden. Dann gehen die Alarme um 20.24 Uhr los und die Apps schrillen. Um 20.30 Uhr löst Landrat Löffler den Katastrophenalarm aus – fünf Minuten, bevor die Klinikleitung die Patienten alarmieren will. „Wir haben dann im Zwei-Minuten-Takt Durchsagen gemacht und dafür gesorgt, dass keiner die Klinik einfach verlassen konnte“, erzählt Koch.

Wir haben dann im Zwei-Minuten-Takt Durchsagen gemacht und dafür gesorgt, dass keiner die Klinik einfach verlassen konnte.

Sana-Geschäftsführer Thomas Koch

Dann passiert das nie Dagewesene: Um 2.30 Uhr ist das komplette Krankenhaus leer. „Das hat es seit Bestehen des Hauses nicht gegeben. Das war auch schwierig. Wir mussten Polizeikräfte loseisen, die die leere Klinik bewacht haben. Da sind schließlich sensible Unterlagen, Medikamente und teure Geräte.“

Insgesamt gibt es nur einen echten Notfall. Dabei wird ein Patient aus dem Krankenhaus Bad Kötzting im Notfallmodus am Morgen nach Cham gebracht, weil sich sein Zustand verschlechtert. Aber auch das geht gut aus.

Abschließende Frage: Wer zahlt das?

Eine Frage bleibt an diesem Vormittag ungeklärt: Wer zahlt für die Evakuierung der Klinik? Geschäftsführer Koch muss das erst klären: „Unsere Versicherung zahlt nur, wenn die Bombe auf unserem Grund liegt. Aber es wurde ja ein Katastrophenalarm ausgerufen. Vielleicht bringt das eine Lösung, dass eventuell der Staat einspringt. Die ganzen Transporte sind sicher nicht billig. Die Frage müssen wir noch klären.“