Nach Bombenfund in Cham: Einsatzkräfte riskieren ihr Leben beim Schutzwallbau

Die Situation war von Anfang an explosiver als bei früheren Bombenfunden. Das wird tags darauf bei der Pressekonferenz im Chamer Landratsamt schnell deutlich. Die Lage der Bombe an der Erdoberfläche macht sie zu einer unberechenbaren Gefahr in einem Umkreis von 700 Metern. Die ehrenamtlichen Helfer errichten diesmal im direkten Umkreis der Fundstelle unter Lebensgefahr einen Schutzwall.
„Es war schnell klar: Diesmal ist es anders!“ Da sind sich alle Teilnehmer der Pressekonferenz am nächsten Tag einig. Der Fundort in der Nähe des Bahnhofs ist angesichts der existierenden Bilder nach dem Luftangriff der Alliierten nicht überraschend.
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Überraschend ist allerdings die Tatsache, dass niemand von der Bombe wusste, bis der Bagger sie nach dem Abbruch des Hauses an der Ecke JosefHeilingbrunner-Straße und Sonnenstraße an die Oberfläche beförderte. Landrat Franz Löffler verspricht, dass man im Landratsamt der Frage nachgehen wird, wie es passieren konnte, dass hier entweder keine Auflagen zur Zuziehung einer Spezialfirma erteilt wurden, oder die Auflage nicht umgesetzt worden ist.

Für Begeisterung sorgte allerdings bei allen Beteiligten die Arbeit von Klinikmitarbeitern, Pflegepersonal, Feuerwehr, Rettungsdienst, THW und Polizei. Gerade die Evakuierung der Sana Klinik hat niemand vorher üben können. Dennoch ist sie nicht nur reibungslos, sondern auch fehlerlos verlaufen. Das schildern auch Dr. Anita Breu und Sana-Geschäftsführer Thomas Koch (siehe gesonderten Bericht).
Schutzwall für die Bürger errichtet
Aus elf Containern und 150 gefüllten Wasserbehältern errichten die Rettungskräfte einen Schutzwall, während rundum 2300 Bürger evakuiert werden. „Das war eine Materialschlacht. Es gibt im gesamten Umkreis keinen Wasser-Container mehr“, schildert THW-Ortsbeauftragter Dominik Schmidt. Und er äußert großen Respekt für seine Kollegen: „So lange im unmittelbaren Gefahrenbereich der explosionsgefährdeten Bombe zu arbeiten bis kurz vor der Entschärfung... Wir haben anschließend schon tief durchgeatmet!“
Nach einer kurzen Verschnaufpause muss das THW am Nachmittag den Schutzwall wieder abbauen. „Jeder kennt jeden und man verlässt sich aufeinander. Diese besondere Situation im Landkreis Cham gewährleistet oft Reibungslosigkeit“, sagt Schmidt.
So viel Blaulicht hat Cham noch nie gesehen.
Bürgermeister Martin Stoiber
Der stellvertretende Rettungsdienstleiter Tobias Muhr muss sich in dieser Nacht selbst evakuieren. Die Wache liegt im Gefahrenumkreis. „Es war klar: Das wird anders: Keine Klinik mehr im Landkreis, der Rettungsdienst evakuiert. Da braucht man Hilfe von außen, weil man ja selbst im Landkreis Cham für Notfälle da sein muss. Und die werden dann auch noch weit transportiert“, erzählt Muhr. Er bekommt die Hilfe aus ganz Niederbayern und der Oberpfalz. Am Ende standen 118 Fahrzeuge auf dem Chamer Festplatz. „So viel Blaulicht hat Cham noch nie gesehen“, sagt Bürgermeister Martin Stoiber. Er bedankt sich bei den besonnenen Bürgern und den Hilfskräften: „Das ist abgelaufen wie ein Uhrwerk.“
164 Transporte in kürzester Zeit abgewickelt
Muhr bestätigt das: 164 Transporte sind in kürzester Zeit abgewickelt worden. Teils sind frisch operierte Menschen, Intensivpatienten oder Beatmungspflichtige in den Rettungswagen. Der Rettungsdienst errichtet Notunterkünfte mit Küchen und Feldbetten in der Stadthalle und der Johann-Brunner-Mittelschule. Parallel werden zahlreiche Pflegebedürftige untergebracht in verschiedensten Heimen, oft beim BRK. „Es war ein riesiger Kraftakt, aber es lief jederzeit freundlich und ruhig“, so Muhr.
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Das bestätigt Chams Vize-Polizeichef Marco Müller, der am Ende mit Unterstützung der Bereitschaftspolizei mehr als 90 Beamte an Sperrungen stehen hat. In 15 Fällen wird die Feuerwehr bei der Evakuierung von der Polizei unterstützt, weil die Bewohner bleiben wollten. „Die Schlagkraft, die an diesem Tag bewiesen wurde, zeichnet unseren Landkreis aus“, sagt Müller.

Monika Lobmeier musste ihr Seniorenheim St. Michael ebenfalls evakuieren (siehe eigener Bericht). Sie ist auch am Mittag darauf noch beeindruckt: „Ich war total erstaunt, wie strukturiert und ruhig das abgelaufen ist. Klare Ansagen, keine Panik im Haus. Großartig.“ Nun habe sie auch keine Angst mehr vor dem Umzug ins neue Haus: „Da haben wir mehrere Tage Zeit“, sagt sie und lacht.
Beeindruckt von den Abläufen sind auch Landrat Franz Löffler und sein Kreisbrandrat Michael Stahl. „Es hat nur ein paar Minuten gedauert, da wusste jeder, was er zu liefern hatte“, sagt Löffler. Und Stahl bescheinigt dem Landkreis professionelle Strukturen im Ehrenamt, die dazu beigetragen haben, dass nie Panik aufkam. Die drei „K“ hätten sich wieder einmal bewahrheitet: „In Krisen Köpfe kennen“, so der Kreisbrandrat. „Jeder, der kam, wusste, was er zu tun hatte und konnte das auch.“ Und auch Stahl ist tief beeindruckt von den Rettungskräften, die unter Einsatz ihres Lebens den Wall für die Bevölkerung errichtet haben: „Da wurde viel in die Waagschale geworfen.“
Endgültige Entscheidung am Morgen: Schule fällt (nicht) aus
Und noch einer gerät in dieser Nacht an seine Grenzen: Schulamtsdirektor Andreas Lindinger. Als die Bombe um 5.15 Uhr noch nicht entschärft ist, schließt sich für ihn ein Zeitfenster: „Um 6 Uhr steigen die ersten Schüler in den Bus.“ Lindinger sagt in Absprache mit dem Landrat die Schule ab, weil Busse und Züge stehen. Um 5.40 Uhr ist die Bombe entschärft, und Lindinger nimmt den Schulausfall zurück. Er lobt die Eltern: „Die haben das verstanden und gut gefunden.“
