130 Kilometer über Berge und Asphalt: Wie schwer ist die Waldmünchner Radrundfahrt?

Die Waldmünchner Radrundfahrt lockt Hobbyradler und Ambitionierte gleichermaßen an den Marktplatz. Mehr als 500 Teilnehmer, neun Strecken – und mittendrin ein Reporter: überschaubar vorbereitet, aber motiviert. Was passiert, wenn man sich ohne große Vorbereitung auf 130 Kilometer und 2200 Höhenmeter einlässt? Unser Reporter hat den Selbstversuch gewagt.
Um 5.45 Uhr klingelt der Wecker. Nervosität inklusive – bei 130 Kilometern und 2200 Höhenmetern auch kein Wunder. Das entspricht in etwa dem Höhenunterschied von Garmisch-Partenkirchen zur Zugspitze. Kaffee, Sonne, Anspannung – der Tag beginnt.
Spontaner Fahrtbeginn
In Waldmünchen angekommen, müssen erst einmal die Räder an den Fahrradrahmen montiert werden. Das dauert dann doch länger als erhofft, weshalb ich erst wenige Minuten vor dem Start meiner Gruppe am Marktplatz ankomme. Dort stehen schon einige Radfahrer, viele in Vereinskleidung oder den Trikots anderer Rundfahrten wie dem bekannten Arber-Radmarathon. Die Startnummer wird vorne am Lenker montiert und ehe ich mich versehe, macht sich die erste Gruppe auf den Weg. Neun Stunden später ist der Zielschluss – mein Bezugspunkt für den Tag.
Kurz entschlossen fahre ich der Gruppe hinterher. Ein bisschen Windschatten für die ersten Kilometer kann ja nicht schaden, außerdem ist jede Minute Puffer wertvoll. Es geht Richtung tschechische Grenze, mit Tempo 30 über die Geraden. Dann wird das Gelände hügeliger. Zu diesem Zeitpunkt wundere ich mich noch, warum sich selbst die stärkeren Fahrer für die Anstiege hier vermeintlich Zeit lassen. Die Antwort auf diesen Gedanken liegt da noch in einigen Stunden Entfernung.
Dennoch muss ich, wenig überraschend, kurze Zeit später die Gruppe nach einer Abfahrt ziehen lassen. In leichten Wellen geht es vorbei an Wäldern und Feldern entlang der Grenze immer weiter in Richtung Norden. Meine Sorge, allein die Orientierung zu verlieren, erweist sich als unbegründet: Im Vorfeld haben die Veranstalter zahlreiche Wegweiser aufgestellt. Nach einer Stunde überquere ich die Grenze in den Landkreis Schwandorf, die erste längere Klettereinheit nach Stadlern machen die Beine noch erstaunlich gut mit.
Lange Abfahrten, großartige Aussicht
Oben gibt es zur Belohnung bei der Verpflegungsstelle Bananen, Kuchen und Schnittlauchbrot – so kann der Tag weitergehen. Der nächste Halt ist Neunburg, gut 40 Kilometer weiter. „Hinter Oberviechtach ist ein schwerer Anstieg, danach geht‘s nur noch bergab“, erzählt mir ein anderer Fahrer. Kleine Klettereien, lange Abfahrten, fast leere Straßen, Sonnenlicht: Gemütlich geht die Fahrt dahin. Die Aussicht ist ein einziges Highlight.
Dann beginnt der Anstieg. Leichtester Gang, niedriges Tempo, irgendwie Durchhalten. 130 Höhenmeter auf zwei Kilometer Entfernung. Meine Einstellung zum Sonnenschein ändert sich binnen weniger Minuten massiv. Meter für Meter schleiche ich bergauf. In einiger Entfernung sehe ich eine andere Gruppe. Nicht alle Gedanken, die mir in diesem Moment durch den Kopf gehen, sind für die Tour unbedingt förderlich oder jugendfrei. Irgendwann ist dann doch ein Ende in Sicht. Ein Blick auf die Uhr: Puls 170, Kilometer 58, aber jetzt: Abfahrt! Das Gefühl, sich nach getaner Arbeit auf guten Straßen ins Tal zu stürzen, entschädigt für die Mühen – ein Endorphinrausch bei Tempo 60. Gefühlte Minuten später: Willkommen in Neunburg.
An der Versorgungsstelle treffe ich auch auf die Fahrer der 200-Kilometer-Runde. Wie die noch so fit wirken können, erschließt sich mir nicht. Wasserflasche auffüllen, Kuchen futtern, ab jetzt geht es bergauf. Bislang bin ich erstaunlich gut in der Zeit. Noch.
Unerwarteter Besuch
Was das Fahrerlebnis angeht, beginnt der Höhepunkt der ganzen Fahrt. 30 Kilometer zur nächsten Pause, leichte Hügel, traumhafte Aussicht. Nach vier Stunden auf der Strecke bin ich wieder zurück im Landkreis Cham. Vor mir überquert ein junges Reh die Fahrbahn. In der Entfernung pfeifen die Vögel. Ein Idyll, das nur durch mein eigenes Schnaufen an den Anstiegen etwas getrübt wird. Meine Energiereserven lassen langsam spürbar nach. Auf dem langen letzten Anstieg zur ersehnten Pause muss ich erstmals schieben. 100 Kilometer sind da immerhin schon in den Beinen.

Letzte Pause, letztes Durchatmen. Helm runter, etwas Luft an den Kopf, kurzer „Power Nap“ auf der Bierbank. Drei Stunden sind noch Zeit, drei schwere Anstiege warten noch. Ich warte auch – darauf, dass langsam wieder etwas Energie zurückkommt, mit erstaunlich viel Erfolg. Die erste Kletterrunde hinter Grafenkirchen klappt erstaunlich gut.
Die letzten beiden auf dem Weg zurück sind dann eines Finales mehr als würdig. Immer weiter geht es in die Höhe, beim letzten unterbrochen von einer weiteren Schiebesequenz. Ein anderer Starter fährt an mir vorbei, bietet mir Energiegels oder Wasser an. Ich bin fast etwas perplex ob der Freundlichkeit, lehne aber ab. Auch die weiteren schnelleren Fahrer grüßen mich und geben aufmunternde Worte. Mitte des letzten Bergs – mittlerweile wieder auf dem Fahrrad – beginne ich zu realisieren, dass das Ziel in Reichweite ist, dass nur noch wenige Minuten des Kletterns zwischen mir und der Ziellinie liegen.
Die imaginäre Ziellinie liegt weiter vorne. Mit dem Überqueren der Bergkante weicht die Anstrengung der puren Freude. Mit einem breiten Grinsen stürze ich mich ein letztes Mal ins Tal – eine Stunde vor Zielschluss. Im Ziel gibt es Essen, Getränke und die eine oder andere Unterhaltung mit Fahrern von unterwegs. Es ist der Schlusspunkt für ein besonderes Abenteuer, das ich in dieser Form auf jeden Fall noch einmal erleben möchte. Dann vielleicht sogar mit etwas Vorbereitung auf eine der langen Distanzen.