Nach Kritik an Podcast-Show: BR beendet Zusammenarbeit mit Anwalt Alexander Stevens

Strafverfahren gegen die Macher von „Tödliche Liebe“ ist abgeschlossen: Sie akzeptieren hohe Geldauflagen. Der Bayerische Rundfunk entschuldigt sich bei der Familie von Maria Baumer und zieht klare Konsequenzen. Gegen den Quasi-Rauswurf wehrt sich der Münchner Jurist mit neuen Vorwürfen und will den BR verklagen. Der Mord an der jungen Oberpfälzerin wird nicht mehr auf der Bühne gezeigt.
Mord als Unterhaltung? Wie weit darf das gehen? Es hagelt Kritik, als Anwalt Dr. Alexander Stevens und Moderatorin Jacqueline Belle Bilder von sterblichen Überresten eines Mordopfers zeigten. Auf der Bühne, vor bestens aufgelegtem Publikum. Die Staatsanwaltschaft in Regensburg nahm Ermittlungen gegen die Macher von „Tödliche Liebe“ auf, die das Material ohne Genehmigung aus Ermittlungsakten haben sollen.
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Der Oberpfälzer Fall, der deutschlandweit Schlagzeilen machte, ist seit kurzem nicht mehr Teil der Live-Show. Nun zieht der Bayerische Rundfunk die Reißleine, hat sich bei der Familie des Opfers entschuldigt, und beendet auch die Zusammenarbeit mit Stevens. Einen Podcast soll es mit ihm bei Bayern 3 bald nicht mehr geben. Die Angehörigen fühlen sich besser verstanden und sind damit vorerst zufrieden.
Rückblick: Maria Baumer stirbt 2012 durch die Hand ihres Ex-Verlobten. Erst über acht Jahre später wird er wegen Mordes verurteilt. Das Landgericht in Regensburg stellt zudem die besondere Schwere seiner Schuld fest. Er sitzt seine lebenslange Haftstrafe ab. Damit abschließen aber kann die Familie nicht: Seit Oktober tourt ein BR-Podcast durch Deutschland, wo der Fall ihrer toten Schwester „zur Unterhaltung ausgeschlachtet wird“, sagt Barbara Baumer, „inszeniert wie ein Samstagsabend-Krimiquiz“ und das alles gegen den Willen der Angehörigen.
Geldauflagen „im unteren vier bzw. fünfstelligen Bereich“
Auf der riesigen Leinwand hinter dem Duo Stevens und Belle wurden dabei - teilweise verpixelte bzw. verfremdete - Fotos aus den Ermittlungsakten gezeigt. Die Oberpfälzer Polizei mahnt die Macher zweimal ab, die Staatsanwaltschaft eröffnet ein Strafverfahren. Um nicht vor Gericht zu müssen, haben die Macher jetzt eine Geldauflage akzeptiert. Das bestätigt Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher auf Nachfrage. Der Betrag liege „im unteren vier bzw. fünfstelligen Bereich“.
Das ist ein übliches Vorgehen, teilt der Sprecher der Regensburger Staatsanwaltschaft mit. Insbesondere dann, wenn Beschuldigte strafrechtlich keine Eintragungen haben. Trotz der „zur Last gelegten Taten vor einem nicht unerheblichen Publikum (in 16 Fällen)“ und „erheblich belastender Auswirkungen“ auf die Familie, wie im konkreten Fall, sei das angemessen. Endgültig erledigt ist das Verfahren erst, wenn die Geldauflage in voller Höhe bezahlt ist. Die soll laut Rauscher an zwei Organisationen gehen, die sich um weibliche Opfer von Straftaten kümmern.
Um Strafe geht es Barbara Baumer nicht. Doch ihre Bitten „und sogar Flehen“ an den BR, den Fall ihrer Zwillingsschwester nicht zu behandeln, sei verhallt. Als auch noch - allerdings teilweise verpixelte bzw. verfremdete - Fotos vom Fundort der Toten gezeigt werden, war das Maß voll: „Wir mussten reagieren und uns wehren“, sagt sie.
Nach monatelangem Warten: Fall Baumer in der Show ersetzt
Das wichtigste Ziel hat Barbara Baumer erreicht: Nach monatelanger Hängepartie ist das Verbrechen an Maria Baumer aus der Show genommen worden. Seit 28. Juni tourt „Tödliche Liebe“ mit einem anderen Fall. Darauf haben auch hohe die Verantwortlichen des BR hingewirkt, wie bei einem persönlichen Treffen mit der Familie klar wurde, das jüngst stattgefunden hat. Man hat sich „in aller Form entschuldigt“, erzählt die Schwester der Toten. „Darüber sind wir froh und sehr dankbar.“
Ich bin beruhigt, dass es beim BR doch noch genügend Menschen gibt, die nicht nur nach juristischen Kriterien, sondern auch ethisch und moralisch abwägen.
Barbara Baumer
Anfangs hatte der BR der Show den Rücken gestärkt, mittlerweile aber „seine Position korrigiert“, bestätigt Unternehmenssprecherin Diana Schardt der Mediengruppe Bayern. Nach der internen juristischen Prüfung will man auch den Lizenzvertrag beenden. Doch „Gespräche über eine einvernehmliche frühzeitige Beendigung blieben ohne Ergebnis“, erklärte Schardt dazu.
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Im Erfolgs-Podcast von Bayern 3 wird Stevens in Zukunft keine Rolle mehr spielen, teilt Schardt mit. Offiziell heißt es, das Format werde „sowohl inhaltlich als auch personell weiterentwickelt“ – ab Ende Juli, nach der aktuellen Staffel, ohne den Anwalt. Auch der BR-Rundfunkrat hatten sich in die Diskussion eingeschaltet. Die Mitglieder des Kontrollgremiums sollen darauf gedrängt haben, dass nur noch Fälle behandelt werden dürfen, wenn Angehörige dem zustimmen.

Ein Anliegen, dass auch Barbara Baumer weiterverfolgen will. Denn keinesfalls soll es „jetzt einfach auf dem Rücken anderer ausgetragen werden, die vielleicht nicht die Kraft haben, sich dagegen zu wehren, und es still ertragen“. Es brauche eine klare Haltung, dass es sich „verbietet, Mord als witziges Unterhaltungsprogramm zu verkaufen“, fordert sie. „Die Sensibilität für dieses Thema ist noch nicht so, wie man es sich wünschen würde.“ Eine Stärkung von Opferrechten per Gesetzesänderung sei nötig.
Fall eingereicht: Bayern regt Gesetzesänderung in Berlin an
Erste Schritte sind dafür bereits getan, die Politik ist aktiv geworden. Der Landtag hat mit Mehrheit für mehr Schutz von Persönlichkeitsrechten Verstorbener und deren Angehörigen gestimmt. Der Ball liegt zwischenzeitlich beim Bundesjustizministerium. Ein Sprecher von Bayerns Justizminister Georg Eisenreich bestätigte, man habe „sich im Falle von Verbrechen für eine Prüfung von Verbesserungen des Schutzes ... vor der Ausbeutung zu Unterhaltungszwecken ausgesprochen“. Die Initiative geht auf den niederbayerischen CSU-Abgeordneten Josef Zellmeier zurück – Vorlage war der Fall Baumer.
Der Medienanwalt von Stevens betont in einer aktuellen Stellungnahme mit Blick auf den Abschluss des Strafverfahren der Staatsanwaltschaft in Regensburg, dass eine Einstellung gegen Geldauflage weder ein Schuldeingeständnis, noch eine Verurteilung sei. Das wahre aus seiner Sicht vielmehr „ausdrücklich die Unschuldsvermutung“. Bei den Ermittlungen ging es um Verstöße gegen das Urheberrechtsgesetz.
Anwalt Stevens bereitet Klage gegen Bayerischen Rundfunk vor
Stellung wird auch zum Ende der Zusammenarbeit mit dem BR gezogen – die Verkündung durch den Sender sei „eine Flucht nach vorn“. Denn er selbst habe in Stevens Namen bereits vor mehreren Monaten eine solche Beendigung angeregt und angekündigt. Der Grund dafür: Der Sender habe aus seiner Sicht vertragliche Pflichten „in erheblichem Maße verletzt“. Gespräche hätten zu keiner Einigung geführt. Man bereite daher „die Klage gegen den BR vor“.
Der Medienanwalt betont außerdem, dass alle Inhalte der Podcast-Show vom BR abgenommen worden seien, „mit Verweis auf die redaktionelle Hoheit des Senders“. Abgenommen worden sei dabei „auch der Einsatz der Tatortfotos“. Der Bayerische Rundfunk hatte bislang stets betont, „lediglich (Logo-)Lizenzgeber“ für die Podcast-Livetour zu sein und inhaltlich keinen Einfluss zu haben. Nun, so Stevens Medienanwalt, wolle der Sender aus München sich wohl auf Stevens Kosten von jeder Schuld reinwaschen.
Der BR wies die aktuell erhobenen Vorwürfe von Alexander Stevens Medienanwalt vehement zurück. Das teilte Unternehmenssprecherin Diana Schardt unmittelbar vor Redaktionsschluss mit.