Kritik an Podcast-Show „Tödliche Liebe“ hat Konsequenzen: BR prüft Lizenz-Entzug
Der Anwalt von Dr. Alexander Stevens und Jacqueline Belle bestätigt, dass der Fall Maria Baumer aus der Live-Show genommen wird. Der Weiße Ring hat die Zusammenarbeit beendet, auch Bayerns Justizministerium und der Rundfunkrat schalten sich ein. Die Familie des Opfers fühlt sich endlich ernst genommen.
Wie viel müssen Angehörige von Mordopfern erdulden, damit sich Fans von True Crime-Formaten unterhalten fühlen? Diese Frage soll nun auf höchster Ebene diskutiert werden. Dass in der Live-Show eines BR-Podcasts - teilweise verpixelte bzw. verfremdete - Fotos von sterblichen Überresten gezeigt wurden, und der Tod einer jungen Oberpfälzerin laut deren Familie „so zur Unterhaltung ausgeschlachtet“ wurde, hat erste Konsequenzen: Anwalt Dr. Alexander Stevens und Moderatorin Jacqueline Belle ersetzen den Fall, der Bayerische Rundfunk prüft einen Lizenz-Entzug für „Tödliche Liebe“ – und sowohl das bayerische Justizministerium als auch die Politik werden aktiv.
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Mord darf keine Unterhaltung sein, fordert die Familie von Maria Baumer. Dass deren Fall wie ein Samstagsabend-Krimiquiz inszeniert wird, macht die Zwillingsschwester des Opfers „wütend und traurig und hilflos zugleich“. Weil in der Bayern 3-Show „Tödliche Liebe“ auch - teilweise verpixelte bzw. verfremdete - Fotos aus den Ermittlungsakten gezeigt wurden, mahnte die Oberpfälzer Polizei die Macher wegen Urheberrechtsverstößen ab. Zwei offizielle Unterlassungserklärungen wurden dazu bis heute unterzeichnet.
Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft läuft
Und: Die Staatsanwaltschaft in Regensburg führt ein Ermittlungsverfahren in Zusammenhang mit der Show. Laut einer Erklärung des Medienanwalts von Stevens und Belle berufe man sich auf das sogenannte Zitatrecht. „Überwiegend“, so der Jurist, seien Fotos gezeigt worden, die von Behörden an Medien herausgegeben worden waren. Ob das für die - teilweise verpixelte bzw. verfremdeten - Fotos der sterblichen Überreste gilt, wird sich zeigen. Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.
Reagiert wurde auf die Kritik dennoch: Der Oberpfälzer Fall, dem sich Stevens und Belle gut 90 der 120 Minuten ihrer Show widmeten, wird „durch einen anderen ersetzt“. Das werde „schnellstmöglich“ erfolgen, so der Medienanwalt. Seine Begründung: Die Anonymisierung in der Bayern 3-Show könne „aufgrund des eigenen und extremen Veröffentlichungswillens der Familie nicht mehr zweifelsfrei aufrechterhalten werden“. Rechte Angehöriger oder der Verstorbenen, so der Anwalt, seien zudem nicht verletzt worden.
„„Ich versuche nur, meine Familie zu schützen. Aber das gleiche Recht, was wir nun einfordern, muss auch für andere gelten.““
Barbara Baumer, Betroffene
Die aktuellen gesetzlichen Regelung zum Opferschutz könnten sich womöglich bald ändern: Im Bayerischen Justizministerium, wo der ganze Vorgang um die BR-Live-Show bekannt ist, hält man die Kritik für nachvollziehbar. „Opfer und Angehörige von Gewaltverbrechen müssen besser geschützt werden“, teilte eine Sprecherin von Minister Georg Eisenreich mit. „Bayern wird insoweit rechtspolitischen Handlungsbedarf prüfen“.
Sender entfernt Werbung von eigener Webseite
Auch der Bayerische Rundfunk hat reagiert: Wie eine Sprecherin bestätigte, prüft der Sender derzeit einen möglichen Lizenz-Entzug für die Show von Stevens und Belle. Näher wolle man sich dazu vorerst nicht äußern. Dass der Podcast und die Live-Tour voneinander getrennt seien, hob der BR erneut hervor: Man sei nicht Veranstalter, sondern Bayern 3 „lediglich (Logo-)Lizenzgeber“. Zur Frage, warum jegliche Werbung für die Live-Show nach der ersten Berichterstattung von Kritik der Angehörigen von der Webseite des Senders entfernt wurde, verwies die Sprecherin auf die „aktuell laufende interne (rechtliche) Prüfung“. Sie betonte aber, dass der Fall Baumer in der Show „Tödliche Liebe“ zeitnah ersetzt werde, „begrüßen wir sehr“.
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Fakten hat indes der Weiße Ring geschaffen, für den bisher bei Terminen quer durch die Republik Spenden gesammelt wurden. Die Opferschutzorganisation habe „aufgrund des problematischen Inhalts entschieden, die Spendensammlung von sich aus zu beenden“, bestätigte eine Sprecherin. Man habe nach einer offiziellen BR-Anfrage von Jacqueline Belle das Angebot angenommen und wegen des „öffentlich-rechtliche Namensgebers im Titel“ zunächst nicht „an der Seriosität“ gezweifelt. Mittlerweile sei das zur Verfügung gestellte Material zurückgefordert worden. In Zukunft werde man auch bei solchen Anfragen wie der vom BR jedoch „genauer hinschauen“.
Mitglieder im BR-Rundfunkrat wurden aktiv
Für die Angehörigen, die sich gezwungen sahen, mit der Kritik an die Öffentlichkeit zu gehen, ist das ein Teilerfolg: „Es freut uns, dass wir jetzt ernst genommen werden“, sagt Barbara Baumer, die Schwester der Ermordeten. Sie sei „froh und erleichtert“, dass der Fall aus dem Programm der Show genommen werden soll. Gefordert hatte die Familie auch eine Klarstellung, „dass es sich verbietet, Mord als witziges Unterhaltungsprogramm zu verkaufen“. Wenn nun im Landtag darüber diskutiert werden soll, „geht es in die richtige Richtung“.
Wichtig ist den Angehörigen, dass „das, was wir einfordern, auch für andere gelten muss“. Die Zeichen dafür stehen wohl gut: Mitglieder des BR-Rundfunkrates sollen sich ebenfalls eingeschaltet haben. Von dieser Seite gebe es klare Signale, erklärt Baumer: Es sollen künftig wohl nur noch Fälle behandelt werden dürfen, wenn Angehörige dem auch zugestimmt haben. Denn: „Das ist uns sehr wichtig – wir wollten auf gar keinen Fall, dass es auf Kosten anderer Familien weiter geht.“
Auch die Politik reagiert: Antrag findet Mehrheit
Auf Initiative des niederbayerischen CSU-Politikers Josef Zellmeier hat sich der Verfassungsausschuss im Landtags schon Anfang März mit einer Verbesserung des Opferschutzes befasst. Es wurde direkt Bezug auf den Fall Maria Baumer genommen. Der Antrag soll dafür sorgen, die Mitspracherechte von Angehörigen in Bezug auf „True Crime“-Formate zu stärken. Bislang erlischt das Persönlichkeitsrecht nach zehn Jahren, was eine Benachteiligung gegenüber Tätern darstelle, heißt es.
Zellmeier erklärte auf Anfrage der Mediengruppe Bayern: „Es ist wichtig, hier die Perspektive der Angehörigen mehr in den Fokus zu rücken.“ In der Abstimmung im Ausschuss haben CSU, SPD und Freie Wähler der Initiative zugestimmt. Die Grünen haben sich enthalten, die AfD-Fraktion stimmte mit Nein. Jetzt muss der Landtag dem geplanten Vorstoß auf Bundesebene noch zustimmen.