„Stabile Seitenlage“ für die Psyche: So funktionieren Erste-Hilfe-Kurse bei seelischen Belastungen

Wie man einen Wundverband anlegt oder eine verletzte Person in die stabile Seitenlage bringt, lernt man in der Regel im Erste-Hilfe-Kurs – zum Beispiel für den Führerschein. Doch wie sieht es eigentlich mit Erste Hilfe aus, wenn Personen unter seelischen Problemen leiden? Antworten gibt das Projekt „HSN – Helfen in Seelischer Not“, das vom medbo Bezirksklinikum und der Universität Regensburg entwickelt worden ist.
Wie man einen Wundverband anlegt oder eine verletzte Person in die stabile Seitenlage bringt, lernt man in der Regel im Erste-Hilfe-Kurs – zum Beispiel für den Führerschein. Doch wie sieht es eigentlich mit Erste Hilfe aus, wenn Personen unter seelischen Problemen leiden? Welche Sätze sind in solchen Fällen hilfreich – und welche Netzwerke können den Betroffenen weiterhelfen?
Auch dazu gibt es ein spezielles Schulungskonzept, das zeigt, wie eigentlich die „psychische stabile Seitenlage“ funktioniert. Ins Leben gerufen und entwickelt wurde das Projekt mit dem Titel „HSN – Helfen in Seelischer Not“ von einer Projektgruppe des medbo Bezirksklinikums Regensburg und der Universität Regensburg. Die Projektleitung haben Prof. Berthold Langguth und Prof. Peter Kreuzer inne, beide Chefärzte in der medbo Psychiatrie.
„Ganz alltägliche Situationen“
„Menschen mit seelischen Krisen begegnen uns jeden Tag, in ganz alltäglichen Situationen. Das kann das Kind sein, das verzweifelt ist, weil es auf dem Stadtfest seine Eltern nicht mehr findet – oder der ältere Nachbar, dessen Frau verstorben ist und dem es seitdem nicht mehr gut geht“, sagt Marina Scheele, Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am medbo Bezirksklinikum Regensburg.
Die Abkürzung „HSN“ steht nicht nur „Helfen in Seelischer Not“, sondern deckt sich auch mit dem Vorgehen, das die Teilnehmer in den Kursen erlernen: „Hinschauen, Sprechen und Netzwerken“. „Das sind die Schwerpunkte“, erklärt Scheele, die das Konzept als Projektmitarbeiterin begleitet. „Es geht zunächst einmal darum, eine Krise als solche zu erkennen. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, hinzusehen, wo die eigenen Grenzen als Ersthelfer liegen.“
Die eigene „Warnweste“ ist wichtig
Auch hier lässt sich ein Vergleich zur medizinischen Ersthilfe ziehen, erklärt sie: „Bei einem Autounfall beispielsweise sollte ich mir zuerst meine eigene Warnweste anziehen, wenn ich am Unfallort helfe. Genauso erforderlich ist es, dass ich gut auf mich achte, bevor ich jemandem mit einer psychischen Belastung helfe. Sonst befinden sich am Ende womöglich zwei Menschen in einer Krise.“
Die Erste-Hilfe-Kurse für die Seele seien sehr niedrigschwellig aufgebaut und würden rund zwei Stunden dauern. „Wir schaffen zunächst einmal einen Einstieg und fragen die Teilnehmer, was seelische Not eigentlich ist“, erklärt Scheele das Vorgehen. „Später gibt es dann kleine Übungen, in denen man verschiedene Gesprächssituationen nachstellt.“ Denn wie sich gezeigt habe, würden viele Menschen oft nicht wissen, wie sie ein Gespräch mit dem traurigen Nachbarn oder der bedrückt wirkenden Kollegin überhaupt beginnen sollen.
Es geht nicht darum, auswendig gelernte Sätze zu vermitteln – sondern vielmehr darum, das zu sagen, was in dem Moment und für einen selbst passend erscheint.
Marina Scheele, wissenschaftliche Mitarbeiterin am medbo Bezirksklinikum Regensburg
„Es geht nicht darum, auswendig gelernte Sätze zu vermitteln – sondern vielmehr darum, das zu sagen, was in dem Moment und für einen selbst passend erscheint“, sagt sie. Gesprächsangebote könnten von Sätzen wie „Meine Tür ist immer offen, wenn du sprechen willst“ bis hin zu Aussagen wie „Ich mache mir Sorgen um dich – können wir reden?“ reichen.
Erste-Hilfe-Kurse: Ausbildung als Anleiter möglich
Damit in Zukunft noch mehr Menschen bei seelischen Nöten Erste Hilfe leisten können, werden mittlerweile auch Anleiter für die Kurse gesucht. Eine der Interessentinnen, die diese Ausbildung derzeit absolviert, ist die ehemalige Kursteilnehmerin und Genesungsbegleiterin Christiane Kerbeck.
„Das Stigma in diesem Bereich ist immer noch sehr groß“, erzählt sie. „Bei Menschen mit psychischen Problemen gibt es immer noch viele Berührungsängste.“ Dabei sei Betroffenen in Krisensituationen schon viel geholfen, wenn andere einfach nur zuhören würden. „Psychische Erkrankungen haben viel mit Einsamkeit zu tun. Deshalb hilft es schon sehr, wenn man sich nicht alleingelassen fühlt.“
Das Stigma in diesem Bereich ist immer noch sehr groß.
Christiane Kerbeck macht die Ausbildung zur Anleiterin
Einen besonderen fachlichen Hintergrund brauchen Interessenten für die Ausbildung zum Anleiter nicht. „Das Projekt ist so aufgebaut, dass die Vermittlung auf Augenhöhe erfolgt. Das ist das Schöne und Besondere daran. Es geht nicht darum, dass ein medizinischer Experte mit Fachbegriffen um sich wirft“, sagt Kerbeck.
„Falsch ist, gar nichts zu sagen“
Generell, sagt Scheele, könne jeder Mensch als Ersthelfer psychische Hilfe leisten. „Viele haben vielleicht Angst, etwas falsch zu machen oder etwas Falsches zu sagen“, sagt sie. „Aber wir versuchen in den Kursen immer zu vermitteln, dass das Einzige, was man falsch machen kann, ist, gar nichts zu sagen.“
Auch bei einem Unfall gehe es schließlich nicht darum, als Ersthelfer den perfekten Druckverband anzulegen. „Wir würden versuchen, den Verband so gut wie möglich anzulegen und den Notruf wählen“, sagt sie. „Was man jedoch nicht tun würde, ist, die Straßenseite zu wechseln und die verletzte Person dort blutend liegen zu lassen. Genauso ist es mit psychischer Hilfe eigentlich auch.“
Info: Anleiter für Kurse gesucht
• In den Ersthelfer-Schulungen bekommen die Teilnehmer konkrete Handlungsstrategien für seelische Krisensituationen in ihrem Umfeld an die Hand gegeben.
• Gesucht werden bayernweit auch Anleiter, die nach einer Ausbildung Ersthelfer-Kurse durchführen. Diese sollen das HSN-Konzept als Multiplikatoren weitertragen.
• Infos zu dem Programm, das von der Universität Regensburg wissenschaftlich begleitet und vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention gefördert wird, gibt es online unter www.hsn-kurse.de.