Jedes fünfte Kind fühlt sich allein: Regensburger Fachstellen nehmen das Problem ernst

Einsam schon in Kindergarten und Grundschule? Laut einer Studie des Deutschen Jugendinstituts fühlen sich 22 Prozent der Fünf- bis Elfjährigen zumindest manchmal allein. Martina Kindsmüller, Leiterin der Jugend- und Familientherapeutischen Beratungsstelle beim Amt für Jugend und Familie der Stadt Regensburg und Daniela Wild, die das Sachgebiet Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS) leitet, nehmen das Problem ernst.
Mehr als jedes fünfte Kind im Alter von fünf bis elf Jahren fühlt sich zumindest manchmal einsam – zu diesem Ergebnis kam jüngst eine Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI). Laut der Umfrage, bei der die Teilnehmer in einem kindgerechten Interview gefragt wurden, wie oft sie sich in der letzten Woche allein gefühlt haben, gaben besonders Kinder aus Trennungsfamilien häufig an, Einsamkeit zu empfinden. Auch Kinder aus Haushalten mit finanziellen Problemen zeigten sich stark betroffen.
Belastet das Thema Einsamkeit auch Regensburger Familien? „Dass Eltern mit genau diesem Thema zu uns kommen, kommt tatsächlich nicht so häufig vor“, sagt Martina Kindsmüller, Leiterin der Jugend- und Familientherapeutischen Beratungsstelle beim Amt für Jugend und Familie der Stadt Regensburg.
Trennungskinder besonders betroffen
„Das liegt aber auch daran, dass es ein sechsjähriges Kind von sich aus wohl nicht so formulieren würde“, fügt sie hinzu. „Wenn man dagegen fragt, ob das Kind sich wünschen würde, mehr mit Freunden zu unternehmen, sieht die Antwort dagegen häufig anders aus.“

Gerade Grundschüler bräuchten die Unterstützung der Eltern, um tiefere Freundschaften schließen zu können. „Der Sozialkontakt zwischen Kindern ist eine komplizierte Sache. Nur, weil ein Kind viele Stunden in der Gruppe verbringt, etwa in der Offenen Ganztagsschule oder im Hort, heißt das noch nicht, dass dort tiefe Beziehungen entstehen.“
Nur, weil ein Kind viele Stunden in der Gruppe verbringt, etwa in der Offenen Ganztagsschule oder im Hort, heißt das noch nicht, dass dort tiefe Beziehungen entstehen.
Martina Kindsmüller, Jugend- und Familientherapeutischen Beratungsstelle
Dass, wie in es in der deutschlandweiten Studie heißt, vor allem Trennungskinder und Familien mit finanziellen Problemen betroffen seien, hält sie für sehr plausibel. „Wenn Eltern getrennt sind, bleibt oftmals weniger Zeit – beispielsweise, um Treffen am Nachmittag zu organisieren“, bestätigt sie. Ist das Geld knapp, sei es zudem schwierig, Beiträge für den Verein oder die Musikschule zu bezahlen – Orte, wo Kinder außerhalb der Schule Kontakte knüpfen könnten. Anlaufstellen für Kontakte zu Gleichaltrigen, die in solchen Fällen gute Alternativen sind, seien Angebote in Stadtteilprojekten oder in Familienzentren. „Auch in Büchereien finden immer wieder Veranstaltungen statt.“
Eltern sollten Kinder aufmerksam begleiten
Die Leiterin der Beratungsstelle gibt außerdem mit, dass es sich bei Einsamkeit nicht zwingend um ein dauerhaftes Gefühl handeln muss. „Es kann zum Beispiel auftreten, wenn es nach einer Trennung zu einem Umzug gekommen ist und das Kind sich in einem neuen Umfeld einleben muss.“
Nichtsdestotrotz findet es Kindsmüller wichtig, dass Eltern sich klar machen, dass es nicht unbedingt ein Selbstläufer sei, wenn Kinder viel Zeit in Gruppen verbringen. „Entscheidend ist, dass Eltern ihre Kinder aufmerksam begleiten: Wie geht es ihm? Gibt es tiefe, feste Freundschaften – oder braucht es mehr Unterstützung?“
Familiäre Probleme: Kinder ziehen sich zurück
Dass Freundschaften bei Grundschülern „ein Riesenthema“ sind, bestätigt auch Daniela Wild, die das Sachgebiet Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS) beim Amt für Jugend und Familie leitet und selbst eine der Ansprechpartnerinnen für JaS an der Grundschule Prüfening ist. „An der Schule gibt es ein Kinderbüro mit Couch, Stofftieren und Spielen. Gibt es Gesprächsbedarf, ist das ein sehr niedrigschwelliges Angebot für verschiedene Themen.“

Besonders überrascht ist Wild von dem Ergebnis, dass sich 22 Prozent der Kinder im Grundschulalter mindestens manchmal einsam fühlen, nicht. „Vor allem, wenn man es in Relation zu anderen Themen sieht“, sagt sie. Häufig würden familiäre Probleme dazu führen, dass sich Kinder einsam fühlen, so ihr Eindruck. Leiden Eltern etwa an psychischen Erkrankungen oder haben ein Suchtprobleme würden sich Kinder häufig zurückziehen.
Durch Gespräche Vertrauen aufbauen
„Sie sind überangepasst und funktionieren im Schulalltag eigentlich nur. Andere Kinder zu sich nach Hause einzuladen, ist ihnen oft nicht möglich.“ In solchen Fällen versuchen Wild und ihre Kollegen, durch Gesprächsangebote Vertrauen aufzubauen. Grundsätzlich werden bei Problemen die Eltern mit ins Boot geholt. „Man schaut, was die Kinder brauchen, damit sie aus der Einsamkeit herausfinden und in Kontakt kommen.“
Auch verhaltensauffällige Kinder, die etwa den Unterricht stören, würden häufig zu Außenseitern. Ob das zu Einsamkeit führe oder das Verhalten stattdessen vom Alleinsein herrühre, lasse sich nur schwer beurteilen – so heißt es auch in der Studie. Entscheidend sei jedenfalls, an betroffenen Kindern und Familien dranzubleiben, diese zu begleiten und zu unterstützen. „Und wir als Jugendhilfe haben die komplette Bandbreite an Hilfen“, so Wild.
Info: Bei Studie insgesamt 2158 Kinder befragt
• Befragung: Laut der Auswertung der Umfrage „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ des Deutschen Jugendinstituts berichteten 17 Prozent der Fünf- bis Elfjährigen im Jahr 2023, sich manchmal alleine zu fühlen.
• Teilnehmer: Fünf Prozent gaben an, das Gefühl häufig oder ganz oft haben. Befragt wurden insgesamt 2158 Kinder.