Mystischer Anblick: Warum ein 128 Meter hoher Turm mitten im Wald bei Neumarkt steht

Seit etwa 35 Jahren lässt der Fernmeldeturm bei Seubersdorf die majestätischen Laubbäume um ihn herum wie Gestrüpp aussehen. Dass der Turm mit 128 Metern das höchste Gebäude im Landkreis Neumarkt ist, hat einen technischen Grund.
Der letzte geteerte Meter liegt 20 Minuten Fußmarsch zurück. Trotzdem fehlt vom mystischen Turm, den Pendler täglich auf der Zugstrecke zwischen Neumarkt und Regensburg sehen jede Spur. Vielleicht ist der Zement-Riese nur eine Illusion. Was soll ein 128 Meter hoher Turm auch in einem kleinen Wald bei Seubersdorf zu suchen haben?
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Als die Baumkronen die Sicht auf den Fernmeldeturm freigeben, wirkt der Blick aus der Nähe auf das Auge noch surrealer als von Weitem. Der Turm lässt die majestätischen Laubbäume um ihn herum wie Gestrüpp aussehen. Und das seit etwa 35 Jahren. „Unser Fernmeldeturm wurde Anfang der 90er Jahre von der damaligen Bundespost gebaut“, sagt Benedikt Albers.
Von Turm zu Turm durch ganz Deutschland
Er ist Pressesprecher der Deutschen Funkturm Gesellschaft (DFMG). Dem milliardenschweren Unternehmen mit Sitz in Münster gehören die meisten der über 300 Fernmeldetürme in Deutschland. Unter anderem auch der Nürnberger und der Regensburger. Früher sei der Turm vor allem für Festnetz-Telefonie unverzichtbar gewesen. „Damals gab es noch kein gut ausgebautes Kabelnetz“, sagt Albers. „Deswegen sind damals Telefonate von Turm zu Turm durch die ganze Republik geleitet worden.“ Heutzutage hat das Bauwerk eine andere wichtige Funktion.
Früher war es hier so voll, dass man fast nicht durchlaufen konnte
Dirk Zinn, DFMG
Der Weg nach oben braucht sogar im erneuerten Aufzug über eine Minute. Über die Treppen hätte es mindestens zehn Minuten bis ganz oben gedauert. Die wenigen Treppen, die man trotz Aufzugfahrt nehmen muss, sind an den Kanten leicht abgebröckelt. Auch die Farbe an den wenigen verputzten Wänden hat schon bessere Tage gesehen. Nur anhand der Schönheitsfehler merkt man dem Fernmeldeturm das Alter an.










Die Technologie im Betriebsgeschoss ist nämlich hochmodern. „Früher war es hier so voll, dass man fast nicht durchlaufen konnte“, sagt Albers Kollege Dirk Zinn. Er betreut insgesamt 26 Standorte. Darunter die Türme in Regensburg, Nürnberg und Deggendorf. Es sei früher auch viel lauter gewesen, weil die Technik so viel Wärme produziert habe, dass eine Lüftungsanlage auf Hochtouren lief. Heute ist es nahezu still und leer.
Mobilfunkanbieter, wie Telekom, Vodafone oder Telefonica senden vom Turm aus
Es stehen vereinzelt Objekte herum, die aussehen, wie überdimensionale Computer. Und auch so klingen. Das Surren ist das einzige hörbare Geräusch im Betriebsgeschoss. Die kleinen Anlagen gehören Mobilfunk-Anbietern, wie Telekom, Vodafone oder Telefonica. Auch oben auf dem Turm sind deutlich weniger und kleinere Antennen angebracht als noch vor vielen Jahren. „Man könnte meinen, hier ist nicht mehr viel los“, sagt Albers. „Dieser Eindruck trügt aber.“
Der Fernmeldeturm spiele eine zentrale Rolle in der Mobilfunktechnologie. „Wir haben jetzt auch 5G, die aktuellste Technik“, sagt Albers. Auch Telefonate, die in der näheren Umgebung über den Mobilfunk laufen, werden meistens über den Turm weitergeleitet. Und tatsächlich: Mitten im Wald, wo man Funklöcher erwartet, zeigen die Handys vollen Empfang an.
Turm versorgt den ganzen Landkreis Neumarkt mit Radiosignalen
Neben dem Mobilfunk hat der Fernmeldeturm noch eine klassischere Funktion: Die Radiosignale im Umkreis von bis zu 100 Kilometern kommen vom Gebäude.
Um den Weg auf eine Art Aussichtsplattform freizumachen, strengt sich Benedikt Albers an. Die schwere Tür öffnet sich durch jeden Zug an einem Hebel wenige Zentimeter. Die Sicherheitstür braucht es wegen der starken Böen bei Unwettern. Am Wind merkt man erst richtig, dass die schützenden Bäume viele Meter unter einem sind. Der Blick auf Mühlhausen, Seubersdorf, Breitenbrunn und andere Orte ist frei. Kein Hügel und keine Scheune schränken die Sichtweite ein. Für die Augen, die auf den Blick auf wenige Zentimeter entfernte Bildschirme trainiert sind, ist das ungewohnt. „Bei perfekten Wetterverhältnissen, kann man sogar den Regensburger Turm von hier aus sehen“, sagt Albers. In dem Moment sieht man aber nur einen Zug in eben diese Richtung fahren.
Was für Funk auch ganz wichtig ist: Zwischen dem Sender und dem Empfänger darf kein Hindernis stehen
Benedikt Albers, DFMG
Dass die über 50 Antennen an einer so hohen, exponierten Stelle und nicht nur an einem kleinen Mast angebracht sind, hat praktische Gründe. Je höher die Antennen sind, desto höher ist auch die Reichweite. „Was für Funk auch ganz wichtig ist: Zwischen dem Sender und dem Empfänger darf kein Hindernis stehen“, erklärt Albers die exponierte Lage der Türme. Dann geht es mit dem Aufzug wieder ins Erdgeschoss. Bis zum nächsten Kontrollbesuch der Techniker in etwa einem Monat kehrt im Wald bei Seubersdorf wieder Ruhe ein.
Auch wenn sich in den nächsten Jahren eine bessere Technik durchsetzt, Anwohner nach Seubersdorf oder wegziehen: Der Fernmeldeturm wird noch mehrere Jahrzehnte am Göschberg stehen und senden. Da sind sich Benedikt Albers und Dirk Zinn sicher.