Erfundene Vergewaltigung: Russin wurde wohl missbraucht – aber von einem anderen Mann

Von Philip Hell · 16. Juni 2025 um 18:36

Der Fall sorgte für Schlagzeilen in der ganzen Republik: Eine Russin (29) behauptete im Januar 2024, sie sei am Regensburger Hauptbahnhof vergewaltigt worden. Schnell stellte sich heraus, dass der Vorfall frei erfunden war. Vor Gericht wurde nun deutlich, wie vielschichtig der Fall ist.

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Rückblick: Nur Tage nach dem angeblichen Missbrauch behauptete eine andere Frau, sie sei ebenfalls in der Nähe des Bahnhofs zum Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden – auch an diesem Vorfall war nichts dran. Und dennoch sorgten die beiden Fälle für Schlagzeilen – weit über Regensburg hinaus. Der Brennpunkt Regensburger Bahnhof beschäftigte zeitweise die halbe Republik.

Die Angeklagte wurde von Rechtsanwalt Philipp Janson vertreten. - Foto: Philip Hell

Und dennoch: Im September 2024 ging die 29-Jährige erneut zur Polizei. Diesmal behauptete sie, sie sei von ihrem Ex-Freund und einem weiteren Mann vergewaltigt worden – auch das war gelogen, wie die Frau im Prozess am Montag über ihren Anwalt Philipp Janson einräumen ließ. Seine Mandantin habe damals extrem viel getrunken. Irgendwann seien die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Einbildung bei ihr verschwommen, sagte der Verteidiger.

Frau wurde wohl tatsächlich missbraucht

Der Prozess brachte ein neues Detail ans Licht: Allem Anschein nach wurde die Angeklagte tatsächlich vergewaltigt – allerdings ganz anders, als sie behauptet hatte. Eine Polizistin erkannte im Januar im Zuge anderer Ermittlungen auf einem Video eine Frau, bei der es sich offenkundig um die Russin handelt. Die Aufnahmen zeigen, wie ein dunkelhäutiger Mann eine Frau missbraucht.

Dieses Video entstand an exakt dem Abend im September 2024, an dem die Frau behauptete, von ihrem Ex-Freund missbraucht worden zu sein. In einer Vernehmung gab die Russin an, nicht die Frau auf den Aufnahmen zu sein, geschweige denn, sich an den Vorfall erinnern zu können. Allerdings weisen mehrere Gutachten darauf hin, dass tatsächlich die 29-Jährige zu sehen war. Der mutmaßliche Täter, der sich beim Missbrauch gefilmt hatte, wird demnächst ebenfalls auf der Anklagebank Platz nehmen müssen.

Russin begann mit dem Alkohol, als ihre Mutter verbrannte

Damit zurück zu den beiden erfundenen Vergewaltigungen. Im Gefängnis hatte die junge Frau mit einem Gutachter über ihr Leben gesprochen. Dieser berichtete vor Gericht, dass die Russin bis vor etwa zehn Jahren in ihrem Heimatland gelebt habe. Dort habe sie miterlebt, wie ihre Mutter bei einem Feuer im eigenen Haus verbrannte. Unter anderem deshalb habe sie mit dem Trinken begonnen. Kurz nach diesem Vorfall sei sie nach Deutschland zu einem Mann gezogen. Die Ehe sei von Alkoholismus und Missbrauch geprägt gewesen. Mitte 2024 sei sie nach der Trennung schließlich auf der Straße gelandet. Sie habe getrunken, bis ihr alles egal gewesen sei, sagte die Russin am Montag selbst.

In ihrem Plädoyer forderte die Sitzungsvertreterin der Staatsanwaltschaft eine Verurteilung zu drei Jahren Haft – allerdings könne die Angeklagte diese Zeit in einer Entzugsanstalt verbringen. Verteidiger Janson betonte in seinem Schlusswort, dass man seine Mandantin nicht stellvertretend für die offensichtlichen Probleme am Bahnhof verurteilen dürfe. Er sprach von einer Überforderung in Bezug auf den Brennpunkt. „Jedem war klar, dass es sich um einen gefährlichen Ort handelt.“ Er forderte eine Strafe von maximal zwei Jahren – und ebenfalls eine Unterbringung in einer Entzugsklinik.

Das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Killinger verurteilte die Frau schließlich zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und vier Monaten. Dabei bezog die Kammer eine Urteil gegen die Frau wegen Diebstahls und Hausfriedensbruchs mit ein. Das Gericht ordnete darüber hinaus eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an.

Wenn sie ihre Strafe abgesessen hat, will die Frau Regensburg den Rücken kehren. Die öffentliche Debatte rund um ihren Fall führte unter anderem zu einem Ausbau der Videotechnik, mehr Beleuchtung und mehr Polizeipräsenz. Ob das diesen Vorfall verhindert hätte? Fraglich.