Sebastian Ritschel: „Natürlich lagen Angebote auf dem Tisch“

Der Vertrag des Regensburger Intendanten steht zur Verlängerung an. Aber die Stadt lässt sich Zeit. Kollegen reihum sehen für ihre Zukunft längst klar. Das sagt Ritschel im Exklusiv-Interview:
Herr Ritschel, landauf, landab wurden die Intendanten-Verträge verlängert. Ihr Vertrag läuft im August 2027 aus. Haben Sie die Zusage für weitere fünf Jahre bis 2032 vom Verwaltungsrat des Theaters Regensburg erhalten?
Sebastian Ritschel: Schriftlich noch nicht. Aber wir sind in intensiven und konstruktiven Gesprächen, um gemeinsam ein Papier zu verabschieden, das dann noch unterschrieben werden muss.
Ihre Kollegen reihum sehen längst klar: Jens-Daniel Herzog in Nürnberg wurde 2021 bis 2031 verlängert, Florian Lutz in Kassel weiß seit März 2024, dass er bis 2031 bleiben kann, Serge Dorny in München erhielt im Juni 2024 die Zusage bis 2031. Regensburg ist spät dran. Warum? An mangelndem Erfolg kann es ja kaum liegen.
Ritschel: Ja, man blickt aufmerksam nach Regensburg. Wir machen hier sehr gute Arbeit. Wir erleben erneut eine äußerst erfolgreiche Spielzeit. Sie gehört zu den erfolgreichsten, die das Theater je erlebt hat. Das sehen wir unter anderem am wachsenden Zuspruch und an den wirklich guten Zahlen. Und das sagen uns neben dem Publikum auch die Politik und der Verwaltungsrat.
Wie lange warten Sie noch auf das Signal, dass Sie in Regensburg weiter machen können?
Ritschel: Ich erfülle aktuell weiter meine Aufgabe, Theater für die Stadtgesellschaft zu machen und in die Zukunft zu planen. Ich gehe davon aus, dass nicht nur Lippenbekenntnisse fallen, sondern bald auch Tatsachen geschaffen werden. Wir haben im Juli noch eine Verwaltungsratssitzung.
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Theater planen langfristig. 2027 – das klingt fern, ist aber in diesem Metier ganz nah.
Ritschel: Für mich war 2027 gestern. Der Vorlauf an Theatern ist in der Tat sehr lang. Bis Sommer 2027 sind die Weichen zum großen Teil gestellt. Aber jetzt stehen Projekte für 2028, 2029 an, die auch vertraglich geklärt werden müssen. Ich habe einige Rechte-Inhaber informiert, dass ich derzeit über 2027 hinaus nicht geschäftsfähig bin, und habe Signale erhalten, dass sie mir die Optionen noch offen halten.
Sie sprechen von den Rechten für neue große Produktionen?
Ritschel: Ja. Dazu braucht es natürlich zuerst mal eine Vertragsgrundlage.
Was wären Alternativen zu Regensburg? Haben Sie Angebote?
Ritschel: Ich lächle.
Das Haus bekommt auch überregional Spitzenkritiken. Da ist viel die Rede von „Mut“, „feinem Gespür“, „bestens eingelöstem Qualitätsversprechen“, und so fort. Es wäre erstaunlich, wenn Sie keine Anfragen bekämen.
Ritschel: Ich sage es so: Natürlich lagen Angebote auf dem Tisch – die ich bisher freundlich abgelehnt habe.
Sie haben seit 2022 eine kräftige Handschrift entwickelt: weniger Opern-Schlachtrösser, neue Stoffe, ein Fokus auf Musical und vor allem: Theater, das nah an die Menschen und in die Stadt geht. Nehmen wir an, Sie bleiben: Welche Vorstellung haben Sie für Ihre Zeit bis 2032?
Ritschel: Wir sind auf einem guten Weg, das zeigt uns das Publikum jeden Abend, und auch innerhalb des Ensembles ist eine große künstlerische Kraft, ein großes Miteinander gewachsen, das bundesweit keinem Vergleich nachsteht. Diesen Weg will ich weiter gehen. Dazu gibt es natürlich viele, viele neue Ideen.
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Sie besuchten gerade die Jahresversammlung des Deutschen Bühnenvereins. Wie sieht man das Theater Regensburg dort?
Ritschel: Ich kann sagen: Man redet über Regensburg. Auch über unsere Erstaufführungen. Die sind ja nicht in erster Linie eine Frage des Geldes, sondern eine Frage des Vertrauens, also: Traut man uns das zu?
Wohin entwickelt sich Theater: zum Spiegel der Weltlage oder zum Ort für eine Auszeit, für Eskapismus?
Ritschel: Theater soll am besten alles: sichtbar machen, reflektieren, unterhalten, Gefühle wecken, Menschen in Austausch bringen und auch den Mut machen, sich selbst zu reflektieren. Wir möchten Menschen begeistern für etwas, was sie im Zweifelsfall noch nicht kennen, was aber mit ihrem Leben und ihrer Sicht auf die Welt zu tun hat. Übrigens halten über 90 Prozent der Befragten in Deutschland Theater für relevant, selbst wenn sie nicht ins Theater gehen. Und dass Theater eine Gesellschaft auch wirtschaftlich bereichert, zeigte zuletzt die Studie zur Umwegrentabilität: Für jeden investierten Euro kommen rund 1,60 Euro zurück.
Im Mai 2026 richtet Regensburg die Bayerischen Theatertage aus. Wie ist der Zeitplan?
Ritschel: Alle Theater in Bayern haben die Einladung zur Bewerbung erhalten. Wir stellen alle Spielstätten zur Verfügung und möchten sämtliche Sparten, auch Tanz und Junges Theater, abbilden. Außerdem findet sich momentan eine Jury, die bis Dezember reisen und Produktionen sehen wird. Und dann geht’s an die Abstimmung für den Spielplan der Theatertage. Ich bin sehr gespannt, was wir sehen werden.
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In Regensburg steht als letzte Produktion der Saison „Schiff der Träume“ an. Was stellt man sich vor unter einem „Bühnenspektakel frei nach Fellini“?
Ritschel: Der Fellini-Stoff ist ja bekannt. Dafür wird das ganze Haus zum Schiff umgebaut. Das Publikum wandert in Gruppen durchs Theater, wo Räume simultan bespielt werden, und landet zum Finale im großen Saal. Das wird eine sehr besondere Sache. Man muss aber schnell sein. Es gibt für viele Termine nur noch Restkarten. Das ist eine wunderbare Situation, wenn man merkt, dass man Vertrauen bekommt. Dass Menschen sagen: keine Ahnung, was ihr da macht – aber wir glauben, das wird gut.
Also würden Sie gern bleiben?
Ritschel: Daran bestand nie Zweifel.
Interview: Marianne Sperb
Intendanten werden lange im Voraus ernannt
Die Verträge von Intendanten werden frühzeitig geschlossen. Künstlerische Leiter brauchen einen langen Vorlauf, um ihr Team zu formen, Gastkünstler zu buchen, Aufführungsrechte zu sichern und Produktionen vorzubereiten. In Regensburg stellt der Verwaltungsrat des Theaters die Weichen für die Leitung des Hauses. Vorsitzende ist Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD). Der Rat hat acht Mitglieder und vier beratende Mitglieder. Sebastian Ritschel ist seit der Spielzeit 2022/2023 Intendant in Regensburg. Sein Vertrag läuft Ende August 2027 aus. Falls der Vertrag nicht verlängert wird, müsste der Intendant zeitnah über seine berufliche Zukunft entscheiden.