Fachfrau besucht historische Stätten: Anna Rosmus rückte die letzten Tage der 11. Panzerdivision in Bad Kötzting ins Blickfeld

„Servus, ich bin die Anna“, lächelt sie mit breitem niederbayerischem Dialekt. Das soll also „Das schreckliche Mädchen“ (so der Titel eines für den Oscar nominierten Films von Michael Verhoeven) sein, jene Frau, die ihrer Heimatstadt Passau den Kampf ansagte, als ihr bei einem Schülerwettbewerb als 20-Jährige beim Thema „Passauer Alltag im Nationalsozialismus“ ein eisiger Wind ins Gesicht blies.
Lehrer, Priester (ihr Onkel war Domvikar und sie wuchs am Passauer Domplatz auf) und Freunde der Familie hatten plötzlich jedes Erinnerungsvermögen an die Nazizeit verloren. „Mädchen, such dir doch ein anderes Thema“, lautete der vielstimmige „gute Rat“. Ein anderes Thema in Passau, wo unter anderem ein Bruder und eine Schwester von Adolf Hitler das königliche Gymnasium besucht hatten, wo der Vater von Heinrich Himmler Schulleiter war und wo der später hingerichtete Massenmörder Adolf Eichmann im Klüngel von Nazi-Bonzen eine Passauerin geheiratet hatte? Nicht mit Anna Rosmus!
Immer mehr Anfeindungen
Nachdem sie ihr Studium in Passau mit der Magisterprüfung abgeschlossen hatte, die Anfeindungen wegen ihrer „Nestbeschmutzung“ immer größer wurden und sogar massive Bedrohungen dazu kamen, reiste Anna Rosmus 1994 nach Amerika, das seitdem ihr Lebensmittelpunkt ist. Warum Amerika, das lässt sich ganz leicht erklären: In Washington fand sie Zugang zum Holocaust-Museum und von der Erforschung des Massenmordes an Juden war es ein kleiner Schritt in die große Welt des US-Nationalmuseums, das sich als einzigartige Fundgrube für die neugierige „Nazijägerin“ erwies, die seit 1983 bereits ihre ersten Bücher über das so kläglich gescheiterte „1000-jährige Reich“ veröffentlicht hatte. „Nie wieder“ lautet ein Leitsatz von Anna Rosmus, den sie allen demokratischen Kräften in Deutschland und den USA ins Stammbuch schreibt.
Es sei eine Ehre für Bad Kötzting, dass Anna Rosmus die Einladung von Stadtarchivar Clemens Pongratz annahm, am 80. Jahrestag des 2. Weltkriegs-Endes einen Vortrag im Benedikt-Stattler-Gymnasium zu halten, freuten sich mit zahlreichen Zuhörern Direktorin Birgit Maier und Bürgermeister Markus Hofmann. „Frieden muss verteidigt und gepflegt werden“, forderte der Bürgermeister und dazu solle diese einzigartige Veranstaltung beitragen. Anna Rosmus kam nach Bad Kötzting, das als Marktflecken im Mai 1945 durch die bedingungslose Kapitulation der rund 10 000 Mann starken 11. Panzerdivision einen besonderen historischen Akt erlebte. Gemeinsam mit Clemens Pongratz, Christa Rabl-Dachs und Alois Dachs besuchte Rosmus am Donnerstagnachmittag alle Stätten, die mit der Auflösung der „Gespensterdivision“ zu tun hatten.
Clemens Pongratz hatte umfangreiches Informationsmaterial zusammengestellt und konnte bei seinen Recherchen viele Zusammenhänge klären. So sei zum Beispiel im Nebengebäude des Hotels „Amberger Hof“ das Büro von Generalleutnant von Wietersheim gewesen und die Appelle der Divisionsangehörigen auf der nahen „Spitzi-Wiese“ seien deshalb dort gehalten worden, weil der durch eine Kriegsverletzung gehbehinderte Wietersheim nicht weit marschieren konnte. Für Anna Rosmus war es kaum vorstellbar, dass auf dem Großparkplatz vor der Jahnhalle der damalige „Bleichanger“ mit einer beachtlichen Zeltstadt belegt war, in der die internierten Soldaten auf ihre Entlassung warteten. Auch Wehrmachtsangehörige anderer Waffengattungen nutzten die Gelegenheit, sich mit der 11. Panzerdivision ihre Entlassungspapiere geben zu lassen und damit eine längere Kriegsgefangenschaft zu vermeiden.


Den friedlichen April- und Maitagen waren zuvor Kämpfe bei Cham, Miltach und Blaibach (wo etliche Häuser nach Gegenwehr von deutschen Soldaten in Brand geschossen worden waren) vorausgegangen und versprengte Kämpfer von SS-Einheiten versuchten immer wieder, die amerikanischen Truppen anzugreifen
Sobald die kämpfenden Truppen der Amerikaner weiter in Richtung Passau und Linz gezogen waren, wurden US-Soldaten zur Besatzungsmacht. Hier schlug die große Stunde des Stadtkommandanten Captain Ferdinand Sperl, der sich nach seiner Auswanderung nach Amerika den Namen „Sperry“ zugelegt hatte. Sein großer Wunsch wäre gewesen, eine Verwandtschaft mit der früher in Sperlhammer beheimateten Familie „von Sperl“ nachzuweisen, was ihm allerdings verwehrt blieb. Stattdessen war zum Kriegsende die Familie Rümmelein Eigentümer am Sperlhammer und deren Vater war als Ortsgruppenleiter ein erklärter Nationalsozialist.
Captain Sperl war maßgeblich dafür verantwortlich, dass 1945 ein Pfingstritt nach Steinbühl ging und vermittelte dem damaligen Pfingstbräutigam Franz Oexler einen der aus Hostau geholten Lipizzaner als Pferd für den Ritt. Seine spätere Freundschaft mit Emma Rümmelein führte schließlich zu einer leidenschaftlichen „Liebeserklärung“ des Amerikaners an Kötzting.
„Operation Cowboy“
300 Soldaten und Kriegsgefangene der Amerikaner waren im Mai 1945 bei der „Operation Cowboy“ nach Hostau geschickt worden, um die Pferde zu holen. Die Aktion wurde in dramatisch-verkitschter Form sogar in dem Walt-Disney-Film „Die Flucht der weißen Hengste“ beschrieben. Dramatisch empfanden es laut Anna Rosmus die amerikanischen Besatzer, als sie Hitlers „Superspion“ Reinhard Gehlen kurz nach Kriegsende mit einer 70-köpfigen Gruppe im Schloss Gutmaning festnahmen. Der ehemalige Generalmajor übergab umfangreiches Geheimmaterial an die Sieger, wurde 1947 Leiter der nach ihm benannten Geheimdienst-Organisation und war von 1956 bis 1968 erster Präsident des Bundesnachrichtendienstes (Quelle: Wikipedia).
Erste demokratisch gewählten Markträte hatten mit Problemen zu kämpfen
Das alles waren erste Nachkriegsereignisse, mit denen die bis 1950 aktive Militärregierung fertig werden musste, während in Kötzting die ersten demokratisch gewählten Markträte mit riesigen Problemen zu kämpfen hatten, die auch aus Zwangseinweisungen von Flüchtlingen in Privathäuser und Wirtshaussäle resultierten. Auf den Wiesen vom Lindner-Keller bis zum Hofmannsgütl rosteten Hunderte Panzer und Militärfahrzeuge vor sich hin, wurden Werkzeuge und Fahrzeugteile, Waffen und Munition gestohlen, obwohl auf Waffenbesitz die Todesstrafe stand. Clemens Pongratz berichtete von Zeitzeugenaussagen, wonach auf dem Grundstück unterhalb der heutigen Maximilianklinik große Mengen an Panzerfäusten wie Brennholz gestapelt waren. In Gehstorf, Zeltendorf und bei Beckendorf waren Außenlager mit Angehörigen der 11. Panzerdivision, während die US-Militärregierung im Gebäude der heutigen Volksbank residierte. Ein Bild aus den ersten Nachkriegstagen zeigt einen Soldaten der 11. Panzerdivision in amerikanischer Uniform, aber mit dem Metallschild der deutschen Feldpolizei (die deshalb als „Kettenhunde“ gefürchtet waren) vor einem US-Jeep. Eine von vielen Kuriositäten dieser chaotischen Zeit.