Wie Kötzting aus dem Chaos in die Demokratie gegangen ist

Von Alois Dachs · 10. Mai 2025 um 05:00

Was geschah wirklich in den letzten April- und den ersten Maitagen des Jahres 1945 in Kötzting und Umgebung? Auf diese Frage hatte die seit 1994 in Washington lebende und forschende Buchautorin Anna Franziska Rosmus bei ihrem Vortragsabend mit Stadtarchivar Clemens Pongratz am Donnerstag im Benedikt-Stattler-Gymnasium eine vielschichtige Antwort, die auch etliche Mythen aus dieser turbulenten Zeit entkräftete.

Es waren chaotische Tage, als amerikanische Panzer aus Richtung Nürnberg in den Bayerwald eindrangen und das XII.US-Army-Infanteriekorps unter dem Kommando von General Stafford LeRoy Irwin innerhalb weniger Tage bis Cham vordrang, ehe es zum Stillstand kam. Grund waren nicht schwere Kämpfe, sondern schlicht Nachschubprobleme: Den US-Truppen fehlten Treibstoff, Munition, Verpflegung, sodass erst nach einigen Tagen Kötzting angesteuert werden konnte.

Clemens Pongratz schilderte die Entwicklung der letzten Kriegstage in Kötzting. - Foto: Alois Dachs

Die aus Passau stammende, seit 1994 in den USA lebende Buchautorin Anna Rosmus war auf Einladung von Stadtarchivar Clemens Pongratz im BSG zu Gast und wusste aufgrund intensiver Forschung in US-Archiven in der übervollen BSG-Aula manch Überraschendes zu berichten. Klar widerlegte sie den seit 1945 gepflegten Mythos, die Soldaten der 2nd US Cavalry hätten die Mutterherde der Lipizzaner in den ersten Maiwochen auf Befehl von General Patton aus Hostau im Egerland vor dem Zugriff der vorrückenden Russen in den Landkreis Kötzting gerettet. Die gesamte Aktion sei am 14. Mai 1945 mit stillschweigender Duldung der russischen Armee geordnet abgelaufen und habe mit den weltberühmten Schimmeln auch viele Beutepferde aus allen Teilen Europas hierher gebracht, berichtete Rosmus.

Giftgas und Höhlensysteme

Die amerikanische Aufklärung habe zwischen Cham und Linz – einem Ziel des amerikanischen Vormarsches – unzählige Höhlen in den Bergregionen vermutet. Bei der „Schlacht um Grub“, als die Amerikaner mit Geschützfeuer die deutsche Gegenwehr aus Richtung Kaitersberg brachen, begann auch die Verfolgung versprengter SS-Einheiten bis in die Arberregion. Sorge bereiteten der US Army große Lager mit 120 000 Zentnern Giftgasgranaten in der gesamten Region, wie Rosmus mit Armeefotos aus Schierling belegte. Zudem berichtete die Aufklärung von 142 000 deutschen Soldaten und 325 Panzern an der Grenze zu Tschechien, während die 11. Armoured Division und das XII. Infanteriekorps über 90 000 Soldaten und viele Fahrzeuge verfügte.

Die kampflose Kapitulation der 11. Panzerdivision der Wehrmacht in Kötzting nahm viel Druck von den Amerikanern, weshalb die Division interniert und rund 10 000 Soldaten ohne Kriegsgefangenschaft entlassen wurden. Westlich der Donau, zwischen Straubing und Passau, habe der US-General Reinhardt sogar die deutschen Kriegsgefangenen informieren lassen, dass die Wachen nun eine Stunde Pause machten, wobei die Lagertore offenblieben und Hunderte entkamen.

Anna Elisabeth Rosmus hatte viele interessante Informationen aus US-Archiven im Gepäck. - Foto: Alois Dachs

Die Versorgung der Kriegsgefangenen habe General Irwin ebenso am Herzen gelegen wie eine geordnete Bestattung der KZ-Häftlinge, die beim Todesmarsch aus Flossenbürg häufig nur am Straßenrand verscharrt worden waren, berichtete Rosmus. Neben Tausenden Kriegsgefangenen seien zum Kriegsende auch 11 500 Flüchtlinge aus Schlesien und Pommern im Landkreis Kötzting gewesen, berichtete Clemens Pongratz. Sie machten 40 Prozent der Wohnbevölkerung aus, brauchten Wohnraum und Essen, das überall knapp war. 3700 gefallene deutsche Soldaten hätten in dieser Zeit auch als Arbeitskräfte gefehlt, und nach den ersten Kommunalwahlen, die von den Amerikanern 1946 angeordnet wurden, habe es unzählige Spruchkammerverfahren gegeben, bei denen Kriegsverbrecher, aber auch Nazi-Funktionäre und Nutznießer des Systems verurteilt wurden. Parallel liefen vielschichtige Bemühungen der Militärregierung zur „Umerziehung“ der Bevölkerung zu Demokraten. Vor allem Jugendliche sollten nicht mehr bedingungslos der Obrigkeit gehorchen, sondern selbst menschliche und moralische Werte schätzen lernen. „Die Jugend muss weg von der Straße“, lautete die Devise unter der Maßgabe der Militärregierung.

Seltsame Kapitulation

Kurios war nach Aussage von Anna Rosmus auch die Kapitulation der 11. Panzerdivision in den letzten Apriltagen 1945. Deren Kommandeur, Generalleutnant Wendt von Wietersheim, war zu der Zeit, als er die Kapitulationsurkunde unterzeichnete, bereits seines Kommandos enthoben, was den amerikanischen Kommandeur Colonel Charles H. Reed nicht davon abhielt, seine Unterschrift anzuerkennen. Die rund 10 000 internierten deutschen Soldaten mussten sich selbst versorgen und bewachen, bis sie nach wenigen Wochen entlassen wurden. Colonel Reed war auch maßgebend für die Rettung der Pferde aus Hostau, die von General Irwin genehmigt wurde – sehr zum Missfallen von General Patton, wie Anna Rosmus auch mit Bildern belegen konnte. Nur ein Drittel der Lipizzaner sei letztlich auch in Österreich angekommen, berichtete sie. Viele seien zur Zucht in Amerika eingesetzt worden, in Deutschland verblieben, oder in den Nachkriegswirren verschwunden.

Blickfang vor dem BSG: „kriegstauglich“ bepackter Willys Jeep. - Foto: Alois Dachs

Mit Fotos konnte Anna Rosmus auch belegen, dass Amerikaner und Russen sich im Grenzgebiet keineswegs feindlich gegenüberstanden. Das zeigte sich bei gemeinsamen Festessen von russischen und amerikanischen Offizieren in Schüttenhofen und Grafenau ebenso wie bei einer gemeinsamen Russlandreise des amerikanischen Oberbefehlshabers Dwight D. Eisenhower mit dem russischen Marschall Georgi Konstantinowitsch Schukow. Er wurde als Sieger der Schlachten um Moskau, Stalingrad und Berlin zum russischen Nationalhelden. Zwischen Russen und Amerikanern habe es eine „geradezu herzliches Verhältnis“ gegeben, sagte Anna Rosmus.

Wie dramatisch die letzten Kriegstage verliefen, verdeutlichte Clemens Pongratz am Fall des Wettzeller Dorfschmieds Wolfgang Stöger, der an der Straße nach Kötzting eine Panzersperre beseitigte, von der SS verhaftet und in der Lehmgasse erschossen wurde, während gleichzeitig die ersten US-Panzer bereits vom Gehstorfer Berg nach Kötzting rollten. Noch heute erinnert ein Marterl am Totenbachl bei Berghäuser, wo der Leichnam Stögers verscharrt worden war, an diesen Mord.