1945 in Kötzting: Ende des Zweiten Weltkriegens mit Panzern und Neuanfang mit Lipizzanern

Von Stefan Weber · 1. April 2025 um 05:00

Während an vielen Orten – auch in Europa – derzeit Krieg herrscht, jährt sich am 8. Mai das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 80. Mal. Das ist an diesem Tag um 19.30 Uhr Anlass für das Benedikt-Stattler-Gymnasium, gemeinsam mit Heimatforscher Clemens Pongratz und einer Autorin, die aus den Vereinigten Staaten anreist, einen Blick auf das Kriegsende auch in Kötzting zu werfen. Dabei spielt eine Panzerdivision ebenso eine Rolle wie auch Lipizzaner-Pferde aus der spanischen Reitschule in Wien.

„Es ist mir eine besondere Freude, dass es gelungen ist, Anna Rosmus für einen der beiden Vorträge zu gewinnen“, sagt Clemens Pongratz. Rosmus, die 1960 in Passau geboren wurde, ist eine amerikanische Schriftstellerin und Forscherin, die sich intensiv mit dem Thema Nationalsozialismus und vor allem mit dem Aspekt des Antisemitismus befasst.

„Nasty Girl“ spricht

Mit der Autorin steht Pongratz schon länger in Kontakt, weil sie sich viel mit der amerikanischen Armee und den Verbänden befasst hat, die auch im Bayerischen Wald im April und Mai 1945 eine große Rolle gespielt hatten – und der 11. Panzerdivision der Deutschen Wehrmacht, die sich in den letzten Kriegstagen auf dem Gebiet des Marktes Kötzting ergab.

Durch ihr mutiges Auftreten – schon in jungen Jahren hatte sie die Verbindungen ihrer Heimatstadt zum Nationalsozialismus aufgezeigt – sei sie Thema auch eines Spielfilms geworden. „Das schreckliche Mädchen“ gehöre noch heute in der amerikanischen Übersetzung als ,The Nasty Girl‘ zum Pflichtprogramm in vielen Schulen, sagt Pongratz.

„Für uns hier und heute sind jedoch vor allem ihre jüngeren Forschungsarbeiten und Veröffentlichungen interessant. Seit dem Jahre 2012 und den Recherchen zu ihrem Buch über die ,Reichskristallnacht‘ in Regensburg und Umgebung gibt es einen zunächst lockeren Kontakt zu unserem Stadtarchiv“, sagt Pongratz.

Kurze Zeit danach sei es zu einem fast unwirklichen Zusammentreffen von Ereignissen quer über die Kontinente gekommen, „als bei uns in Kötzting in einem abgeschlossenen Kellerraum im Rathaus – feucht und verschimmelt – die Sammlung des Traditionsvereins der 11. Panzerdivision aufgefunden und danach getrocknet, gesichtet und archiviert wurde“. Im Wissen, dass Anna Rosmus über genau diese deutsche Wehrmachtseinheit bereits in ihren Büchern berichtet hatte, schrieb ihr der Heimatforscher, „und siehe da, gerade in diesem Moment hatte sie einen ,passenden‘ US-Veteranen bei sich im Büro, der die Verbindung zum Vilsecker ,Col Reed Museum‘ herstellten konnte“.

Eine Woche (das war 2014) später bekam Pongratz Besuch vom Museumsleiter, der das Material sichtete und Teile davon mit nach Vilseck nahm. Da sich Frau Rosmus, wie schon erwähnt, vor allem mit den amerikanischen Verbänden befasste, die gegen Ende des Krieges hier bei uns agierten, fanden sich in ihren Büchern einige hochinteressante Fotos auch über die Kapitulation der 11. Panzerdivision und aus Kötzting. „Für uns der Höhepunkt und möglicherweise – ich will dem Vortrag von Anna Rosmus nicht vorgreifen – könnte das Thema ihres Vortrages der Vorgang rund um die Rettung der Lipizzaner sein, wobei bereits der Ausdruck ,rund herum um die Rettung der Lipizzaner‘ in die Irre führt“, so Pongratz. Nach Rosmus’ Recherchen seien die Pferde nur ein Zufallsprodukt am Rande der Sicherstellung eines viel wichtigeren „Materials“ gewesen. Doch dazu wohl mehr an diesem Abend ...

Danach soll der große Sprung in den April 1945 folgen, als die Besetzung des Landkreises Kötzting ab dem 25. April mit dem taktischen Schwenk der amerikanischen Truppen in Richtung der Grenze und gegen die 11. PD erfolgt sei. Fast zeitgleich mit dem Einmarsch („Nach Zeugenaussage sogar, während die US-Streitkräfte schon am Gehstorfer Berg zu sehen waren“) passierte sogar noch ein Mord. Mit dem Einmarsch der Truppen war für die Kötztinger der Krieg dann zu Ende, auch wenn es noch ein paar Tage dauerte bis zur bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches.

Zäher Anfang mit „Wunder“

In dieser Phase habe sich das angebahnt, was später als „das Pfingstwunder von Kötzting“ bezeichnet worden sei: Die Kapitulation der 11. Panzerdivision, der der Raum Kötzting als Einmarschraum zugewiesen worden war. Viele Bilder der 11. PD in und um Kötzting haben sich erhalten, und werden natürlich auch beim Vortrag am 8. Mai zu sehen sein.

„Mit Franz Oexler, einem der Soldaten der 11. PD – halt zufällig ein Kötztinger – und mit Teilen der geretteten Lipizzaner, bekommt Kötzting zwei Wochen nach dem Kriegsende einen Pfingstbräutigam, und die Militärregierung erlaubt – nach anderer Leseart befiehlt – den traditionellen Pfingstritt“, erzählt Pongratz.

Auch der zähe Neubeginn werde Thema an diesem Abend sein. Am 27. Januar 1946 fanden die ersten freien und demokratischen Wahlen in Bayern seit vielen Jahren statt, „und mit großem Vorsprung wurde der im April 1933 von den Nazis abgesetzte damalige Kötztinger Bürgermeister wiedergewählt, nachdem er das Amt seit dem Einmarsch der Amerikaner bereits kommissarisch geführt hatte“, weiß Pongratz. Es gibt also viel zu erzählen an diesem Abend.

• Der Eintritt zum Abend zur Politischen Bildung am Benedikt-Stattler-Gymnasium am 8. Mai um 19.30 Uhr ist frei – Anmeldungen sind allerdings unter der Telefonnummer (0 99 41) 9 46 60 erbeten. Zum Vortrag wird auch eine Ausstellung organisiert.

Anna Rosmus

Neben ihrer archivischen und schriftstellerischen Arbeit, die ganz besonders für den Grenzraumraum interessant und passend ist, so Heimatforscher Clemens Pongratz, sei Anna Rosmus auch durch ihre außergewöhnliche Leistung als junge Schülerin und Studentin als Gast zum Vortrag am Benedikt-Stattler-Gymnasium am 8. Mai besonders spannend.

Schon als Schülerin hat sie sich sehr intensiv mit dem Nationalsozialismus in ihrer Heimatstadt Passau während dieser Zeit und deren Umgang mit den Passauer Juden beschäftigt. Durch ihre Recherchen wurde ihr auch bekannt, dass Adolf Eichmann und Adolf Hitler in Passau gelebt und Heinrich Himmlers Vater Schulleiter an ihrer Schule gewesen war.

Die Ergebnisse ihrer Recherchen fasste sie 1983 in dem Buch Widerstand und Verfolgung am Beispiel Passaus 1933–1939 zusammen. Anfeindungen und Bedrohungen veranlassten sie, 1994 in die Vereinigten Staaten zu gehen.

Anna Rosmus Foto: Archiv/Arbinger
Der Karteikasten mit rund 11000 Namen von Geflüchteten.
Kriegsmaterial, das nur noch schrottreif war. Foto: Archiv Serwuschok