Zwischen Kinderlachen und Existenzangst: So fühlen sich Alleinerziehende in Neumarkt

Von Heidi Bauer · 9. Mai 2025 um 12:00

„Es gibt Tage, an denen ich nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll.“ Die 32-jährige Jennifer aus Neumarkt klingt verzweifelt. Die Mutter dreier Jungs im Alter von neun, fünf und drei Jahren ist alleinerziehend. Muttertag, sagt sie, sei für sie ein Tag wie jeder andere: eine Herausforderung.

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„Ich bin nicht nur Mutter, sondern gleichzeitig Erzieherin, Lehrerin, Chauffeurin, Therapeutin und Finanzministerin“, sagt Nadine (alle Namen geändert) aus dem Landkreis Neumarkt. Ihren achtjährigen Sohn hat sie allein großgezogen.

Fast drei Millionen Alleinerziehende gibt es in Deutschland. Mehr als 80 Prozent sind Frauen. Alleinerziehende sehen sich oft vor enorme Herausforderungen gestellt, wissen Diakonin Claudia Brunner-Arnds von der Kirchlichen allgemeinen Sozialarbeit (KASA) der Diakonie Neumarkt, Altdorf, Hersbruck (NAH) und Brigitte Falkner von der Allgemeinen Sozialberatung der Caritas Kreisstelle Neumarkt.

Von Armut bedroht

Vier von zehn alleinerziehenden Familien in Deutschland sind einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge armutsgefährdet. Peter Bestle, Larissa Biehl, Michaela Kirk von der Schuldnerberatung der Caritas Neumarkt stellen fest, dass der Anteil der Alleinerziehenden unter ihren Klienten auf rund acht Prozent angewachsen ist.

Angestiegen ist nach Auskunft von André Schilay, dem Leiter des Kreisjugendamts, die Zahl der Fälle, in denen der Landkreis Unterhaltsvorschuss für Kinder und Jugendliche zahlen muss, weil ein Elternteil nicht zahlt oder zahlen kann: von 565 Fällen im Jahr 2020 auf 800 in 2024.

Partner zahlen oft keinen Unterhalt

Auch wenn laut Bertelsmann-Recherche die meisten alleinerziehenden Eltern arbeiten, reicht das Geld oft nicht. So wie bei der 49-jährigen Sabine, die sich vor zwei Jahren von ihrem Mann getrennt hat, weil er die Familie über Jahre terrorisiert habe. Da er keinen Unterhalt für den 17-jährigen Sohn, der noch zur Schule geht, und die 24-jährige Tochter, die studiert, zahlt, leben die Drei in einer winzigen Wohnung und am Existenzminimum – obwohl Sabine eine Zwei-Drittel-Stelle hat.

Ihre Kinder müssten jobben, damit sie über die Runden kommen, sagt die 49-Jährige. Doch sie gewinnt der Situation trotzdem etwas Positives ab: „So lernen sie den Umgang mit Geld“. Und sie unterstreicht: „Wenn ich meinen Job nicht hätte, wäre ich schon längst verzweifelt. Meine Kollegen und Vorgesetzten unterstützen mich. Die Arbeit lenkt mich ab.“

Hoffnung auf einen Arbeitsplatz

Arbeiten – das würde Jennifer gerne. Aber sie findet keine Stelle: „Ich habe gefühlt inzwischen bei jedem Geschäft in Neumarkt angefragt“, berichtet die 32-Jährige. Bei ihr kommen gleich zwei Aspekte zusammen: Sie hat keine Ausbildung und ist wegen der Kinder relativ unflexibel. Mangels anderer Betreuungsmöglichkeiten könne sie nur arbeiten, wenn diese in Schule, Kita oder Krippe sind.

„Man muss gut organisiert sein und ein Netzwerk haben“, spricht Nadine aus Erfahrung. Obwohl sie von Eltern, Schwester, Freundinnen und Arbeitgeber gut unterstützt wird, sei es für sie schwierig, mehr als halbtags zu arbeiten, sagt die 39-Jährige, die in der Zahntechnik arbeitet. „Es gibt 14 Wochen Ferien und gerade mal zwei Wochen Schulbetreuung.“

Bündel an Problemen

Eine Tätigkeit im Verkauf würde Jennifer gefallen, aber sie würde auch eine Stelle als Reinigungskraft annehmen: „Es stresst mich, dass ich nichts bekomme. Mir fällt die Decke auf den Kopf.“ Derzeit bezieht die 32-Jährige Bürgergeld und lebt in einer städtischen Wohnung. „Du kannst dir nichts leisten, überlegst zehnmal, ob du etwas kaufst und was es zu essen gibt.“

Es sei ein Teufelskreis, sagt Jennifer und bestätigt damit das was Brunner-Arnds und Falkner in ihrer täglichen Arbeit häufig erleben: Wegen ihrer Kinder sei es für Alleinerziehende schwer, einen Job zu finden. Ohne Arbeit und mit Kindern sei es wiederum schwer, eine bezahlbare Wohnung zu bekommen.

Allein gelassen im Dschungel der Bürokratie

„Alleinerziehende fühlen sich oft alleingelassen von Partner und Staat“, stellt Falkner fest. Sie schätzt, rund 15 Prozent ihrer Klienten bei der Allgemeinen Sozialberatung sind Alleinerziehende. Diese sähen sich nicht nur mit emotionalen und wirtschaftlichen Problemen konfrontiert. Sie seien oft auch mit der Bürokratie überfordert. Sie beobachte bei vielen eine große Resignation, weil immer neue Hindernisse im Weg stünden und es sich häufig lange hinziehe, bis Anträge auf Hilfeleistungen genehmigt werden.

Genau da setzt die Unterstützung der Allgemeinen Sozialberatung der Caritas, des Netzwerks frühe Kindheit – Koki und der KASA der Diakonie an. Letztere will Benachteiligungen Alleinerziehender abbauen und eine Anerkennung von Ein-Eltern-Familien als vollwertige Familienform erreichen, betonen Brunner-Arnds, KASA-Beraterin Sonja Schambeck und Sabine Böhl.

Was das schönste Geschenk ist

Denn: Gesellschaftlich gälten Alleinerziehende noch immer zu oft als „gescheitert“: „Ich habe lange gebraucht, um nicht nur ,alleinerziehend‘ zu sein, sondern stolz zu sagen: Ich bin eine gute Mutter. Punkt“, sagt Jennifer. Und Nadine meint nicht ohne Stolz: „Ich wupp‘ das schon ganz gut, glaube ich. Mein Sohn und ich sind ein eingespieltes Team.“

Dass ihre Kinder ihnen so viel zurückgeben, sei für sie ein Lichtblick, betonen alle drei Mütter. Und Jennifer bringt es auf den Punkt: „Wenn mein Großer mir ein Bild malt und darauf schreibt ,Ich liebe dich, Mama‘, ist das für mich das schönste Geschenk zum Muttertag.“

Hilfe und Beratung für alleinerziehende Eltern

• Diakonie Neumarkt NAH und KASA: Die Diakonie bietet Treffen für Alleinerziehende an, bei denen diese sich austauschen können. Die KASA berät und begleitet in schwierigen Lebensphasen (Fragen der Existenzsicherung für Alleinerziehende) und gibt Hilfestellung. Adresse: Diakonie NAH, Seelstraße 11a, 92318 Neumarkt, www.diakonie-nah.de.

• Caritas-Kreisstelle Neumarkt: Ein breites Spektrum an Unterstützung bietet die Caritas mit der Allgemeinen Sozialberatung und der Erziehungsberatungsstelle. Die Sozialberatung hilft bei sozialrechtlichen Fragen. Kontakt: Brigitte Falkner, Friedenstraße 33, 92318 Neumarkt, www.caritas-kreisstelle-neumarkt.de.

• Koki-Netzwerk im Landkreis Neumarkt: Koki unterstützt Familien und Alleinerziehende mit Kindern bis zu zehn Jahren. Kontakt: Koki, Landratsamt Neumarkt, Nürnberger Straße 1, 92318 Neumarkt, www.koki-landkreis-neumarkt.de.

• Bündnis für Familie Neumarkt: Treffen für Alleinerziehende finden im Bürgerhaus der Stadt Neumarkt statt. Kontakt über Anita Dengel unter Tel. (0 91 81) 2 55 26 01.