Wenn Eltern einfach alles zu viel wird: Hier gibt es in Neumarkt Hilfe für Familien am Limit

Von Katrin Böhm · 27. November 2024 um 11:00

Wenn Eltern einfach nicht mehr können, ist es Zeit, sich Hilfe zu holen: Seit 15 Jahren rücken dann die Helfer des beim Landkreis Neumarkt angesiedelten KoKi – Netzwerk für frühe Kindheit an. Der Bedarf ist steigend, die Unterstützung sehr konkret. Wie sieht sie aus und wie bekommt man sie?

Obwohl viele Mütter und Väter sich immer noch schämen, wenn sie ihre Aufgaben als Eltern nicht allein auf die Reihe kriegen, steigt die Anzahl jener, die sich trauen, nach Unterstützung zu fragen: In 207 Familien in Stadt und Landkreis waren die Fachkräfte des KoKi im Jahr 2023 vor Ort – meist einmal pro Woche –, hinzu kamen 183 Fälle, in denen eine Beratung reichte, sagen Anita Buchner und Dagmar Landsberger von KoKi.

In einigen Fällen melden sich Eltern selbst, in anderen vermitteln Ärztinnen und Ärzte oder Hebammen den Kontakt, der – das ist den Verantwortlichen besonders wichtig – stets freiwillig ist. Denn: Das KoKi ist nicht das Jugendamt, niemand muss sich melden, niemand muss mitmachen, niemand muss Vorschläge umsetzen. Doch meist ist die Hilfe willkommen – denn sie ist ganz konkret. Vier Beispiele dafür:

Ein Haushalt außer Rand und Band? Das lässt sich ändern

Viele Eltern kennen das Problem: Ist erst einmal ein Baby da, wird der Haushalt schnell zur Nebensache. Doch nicht alle schaffen es, ihn wieder in den Griff zu bekommen, vor allem, wenn keine Unterstützung da ist oder man selbst nie richtig gelernt hat, wie das funktioniert. In solchen Fällen kommt Hauswirtschaftsmeisterin Barbara Jeckle in Spiel. Für sie ist wichtig, erst einmal Vertrauen aufzubauen und behutsam vorzugehen, die Menschen zeigen ihr schließlich ihre privatesten Bereiche. „Ich frage bei jeder Schublade, ob ich sie öffnen, bei jedem Raum, ob ich hineingehen darf“, sagt Jeckle. Und wenn es nicht geht, dann geht es eben vielleicht erst ein paar Wochen später. „Ich stehe vor allen Sachen mit Achtung. Ich möchte schließlich auch nicht von oben herab betrachtet werden.“

Gemeinsam mit den Familien erarbeitet sie Lösungen, wie es künftig besser klappen kann. Sie hilft Menschen dabei, zu lernen, sich von Sachen zu trennen und Entscheidungen darüber treffen zu können, welche Sachen oder Erinnerungsstücke für sie wirklich wichtig sind . Manchmal aber muss sie sich auch einfach durchsetzen – etwa, wenn ein Kind nicht einmal einen vernünftigen Schlafplatz hat. „Dann muss das die Priorität sein.“

Wenn der Alltag in Familien eskaliert: Ein Blick von außen hilft

Ihr erster Einsatz war bei einer Mutter und ihrem Kind, bei denen die Situation mit den Hausaufgaben immer außer Kontrolle geriet, erinnert sich Marianne Hillert. Die Erzieherin ist für das KoKi als Familienbegleiterin im Einsatz. Meist kommt Hillert dann vorbei, wenn in Familien kaum gesprochen wird oder alltägliche Situationen eskalieren. Ihr erster Einsatz dauerte nur ein paar Wochen.

Was danach kam, war deutlich komplizierter und langwieriger – in der Regel begleitet Hillert Familien eineinhalb bis zwei Jahre, schaut meist einmal pro Woche vorbei. Sie ist dann zum Beispiel beim Abendessen oder beim Zubettbringen dabei, schaut sich alles nur an, ohne etwas zu sagen – erst später wird gemeinsam reflektiert, wie die Situation abgelaufen ist, warum es plötzlich hektisch wurde und es werden Lösungen erarbeitet. Häufig hilft zum Beispiel eine Familienkonferenz, also ein ruhiges Gespräch, in dem jeder gehört wird, das achtjährige Kind ebenso wie der Vater. Ein einzelnes Problem gibt es eigentlich nie, „es ist immer ein ganzes Paket mit Knoten, die man entwirren muss“, sagt Hillert.

Natürlich gibt es dabei auch Rückschläge, etwa, wenn Familien Vereinbarungen doch nicht durchgehalten haben. Aber auch das gehört dazu und ist normal. Wichtig ist es dann, nicht aufzugeben und das Selbstwertgefühl der Eltern zu stärken. Denn das ist meistens ganz weit unten, hat Hillert festgestellt.

Wenn die Zeit bei einer Familie zu Ende geht, sorgt das oft für Panik: Was soll passieren, wenn Marianne Hillert nicht mehr vorbeikommt? Niemand bleibt alleine, verspricht sie – und gibt ihnen eine ganze Liste mit Ansprechpartnern für etwaige Probleme an die Hand, an die sich Betroffene auch künftig wenden können.

Ratlos mit Baby: Die Familienhebamme begleitet Eltern in Neumarkt

Dass Hebammen gerade in der ersten Zeit mit dem Baby Gold wert sind, davon können die meisten Eltern ein Lied singen. Doch was ist, wenn sich der Alltag eben nicht einpendelt? Etwa weil die Mutter sehr jung ist und überraschend Mama wurde. Oder weil Eltern sich beim Versuch wirklich alles richtig zu machen überfordert fühlen. Oder weil das Baby ein Frühchen mit unter einem Kilo Gewicht ist. Oder weil es Mehrlinge sind. Oder weil zwei Kinder im Abstand von einem Jahr zur Welt gekommen sind. Gründe, warum Eltern in der Anfangszeit überfordert sein können, gibt es viele.

Für Familienhebamme Lutciana Schächtel geht es dann darum, die Entwicklung zu fördern, eine gute Bindung zwischen Eltern und Baby zu schaffen, darum, Eltern zu bestärken in dem, was sie können. „Es ist wichtig, so früh wie möglich zu begleiten“, sagt Schächtel. Und es geht um ganz praktische Sachen: Wie komme ich mit einem Einjährigen und einem Säugling zum Kinderarzt? Wie schaffe ich es, Schlaf abzubekommen? Die Familienhebamme hat die Möglichkeit, Mütter zum Arzt zu begleiten – und ihnen später zum Beispiel noch einmal in Ruhe zu erklären, was der Arzt meinte. Schächtel begleitet Familien meist zwischen einem halben und drei Jahren lang.

Unsicherheit oder Trauma: Eltern in Kompetenz stärken

Für Eltern mit Babys und Kleinkindern bis zu drei Jahren ist auch Eleonara Altmann Ansprechpartnerin. Die Heilpädagogin und entwicklungspsychologische Beraterin hilft aber im Gegensatz zur Familienhebamme bei einem einzelnen Problem und zeitlich begrenzt, in der Regel sind es um die 30 Stunden. Altmann unterstützt zum Beispiel, wenn es um ein Geburtstrauma oder eine nicht behandelte pränatale Depression geht. Oder wenn das Kind keine feste Nahrung aufnehmen kann, schlecht spricht oder Schlafstörungen hat.

Wesentlich ist dabei videogestütztes Arbeiten – anhand der Analyse wird herausgearbeitet, was Eltern schon gut können und wie man die elterliche Feinfühligkeit stärken kann. „In der Regel haben viele ein gutes Bauchgefühl und wissen schon, wie es geht“, sagt Altmann. Häufig ist das Problem: Sie sind verunsichert, sowohl durch Medien als auch durch Familie, machen sich Selbstvorwürfe. „Wir wollen sie darum in ihrer Erziehungskompetenz stärken.“

So kommt man an Hilfe:

Angebot: Das Netzwerk KoKi will Familien unbürokratisch und kostenlos unterstützen – alle Angebote sind freiwillig. Gespräche sind vertraulich, unterliegen der allgemeinen Schweigepflicht und sind anonym möglich. Beratungen sind im KoKi-Büro im Landratsamt, bei Familien zu Hause oder bei einem Netzwerkpartner möglich. Grundsätzlich richten sich die Angebote an Familien mit Kindern bis zu zehn Jahren.

Ansprechpartner: Die vier Sozialpädagoginnen Heike Biro, Anita Buchner, Dagmar Landsberger und Beate Lang sind erste Kontaktpersonen. KoKi ist erreichbar unter Telefon (470) 11 11 (Sprechzeiten: Montag bis Freitag, 9 bis 12 Uhr, Donnerstag zusätzlich von 14 bis 17 Uhr), Mail: koki@landkreis-neumarkt.de www.koki-landkreis-neumarkt.de.

Entwicklung: Seit der Gründung des bayernweiten Netzwerkes im Jahr 2009 hat sich viel verändert – der Bedarf ist stetig steigend, hinzu kommen neue Herausforderungen und Lebensumstände, die sich viel mehr voneinander unterscheiden als früher. Über zwei Sachen freut man sich bei KoKi aber besonders: die Motivation der Fachkräfte und die Unterstützung durch den Landkreis, die man in dieser Form anderswo lang suchen könne.

Anita Buchner, Barbara Jeckle, Lutciana Schächtel, Dagmar Landsberger, Eleonara Altmann und Marianne Hillert (von links) sind nur ein Teil des Teams, das Familien in Neumarkt und dem Landkreis unterstützt. Foto: Katrin Böhm