Lerncoach verrät Neumarkter Eltern, wie Schule und sogar Hausaufgaben mehr Spaß machen

Keinen Bock auf Schule – wie viele Eltern haben diesen Satz heute schon gehört? Es dürften einige sein. Manche Sachen lassen sich nicht ändern, andere hingegen schon. Wie Eltern ihre Kinder unterstützen können, weiß Lerncoach Bernd Reimann. Es sind oft ganz einfache Dinge.
Meinen Sohn musste ich heute Morgen regelrecht aus dem Bett zerren. Das Erste, was er gesagt hat: Scheiß Schule. Er hasst es einfach, im Dunkeln aufstehen zu müssen – und bringt das dann sofort negativ mit der Schule in Verbindung.
Bernd Reimann: Aufstehen ist tatsächlich ein großes Thema. In anderen Ländern geht die Schule erst um 9 Uhr oder individuell los, da ist selbstbestimmtes Lernen ein viel größeres Thema. Unser Schulsystem ist prinzipiell zu statisch und zu wenig bereit für Veränderungen, es gibt aber auch in Deutschland Schulen, die auf tolle, andere Modelle setzen, zum Beispiel die Alemannenschule in Wutöschingen in Baden-Württemberg (Anm. d. Red.: ausgezeichnet mit dem Deutschen Schulpreis).
Was zeichnet die Schule aus?
Reimann: Das Konzept ist sehr offen, man setzt auf autonomes Lernen und es gibt Lernpartner und Lernbegleiter statt Schüler und Lehrkräfte. Jeder soll dort völlig frei in eigenem Tempo lernen können. Und die Ergebnisse zeigen: Es funktioniert.
Die meisten Kinder, Eltern und Lehrkräfte müssen sich aber wohl oder übel mit dem normalen System arrangieren. Was können wir tun, damit es so gut wie möglich läuft?
Reimann: Eltern dürfen sich erstmal selbst anschauen. Erwachsene pauschalieren gerne – und das übernehmen Kinder. Vielleicht finden sie eigentlich nur Mathe oder einige Hausaufgaben doof, aber dann ist es gleich die ganze Schule. Hier möchte ich Byron Katie und ihr Werk „The Work“ erwähnen – mit zwei entscheidenden Fragen kann man damit Gedanken und Glaubenssätze überprüfen: Ist das, was du sagst oder denkst, wirklich wahr? Und danach als zweite Frage: Kannst du dir 100 Prozent sicher sein, dass das wirklich wahr ist? Die meisten Kinder sagen dann: Neee, eigentlich ist es doch nicht alles. Es gibt fast immer Sachen, die Spaß machen. Sport, Musik oder dass man in der Schule seine Freunde trifft.
Was bedeutet das für Eltern?
Reimann: Sie sollen das Positive in den Vordergrund stellen. Ich habe den Fehler früher selbst gemacht: Wenn das Kind über Lehrer oder Proben gemeckert hat, habe ich irgendwann mitgemeckert – statt das Positive in den Blick zu nehmen. Das Positive aber verändert das Kind. Wenn ich immer nur das Negative in den Vordergrund stelle, habe ich eine eingeschränkte Sichtweise aufs Leben – mit positiver Einstellung bin ich viel offener für die Welt da draußen.
Über bessere Kommunikation können Eltern also vieles regeln.
Reimann: Ja, die Kommunikation sollte weg vom „müssen“ hin zum „dürfen“. Nicht nur, wenn es um die Schule, sondern auch wenn es um die Einstellung der Eltern zum Job geht. Das verändert etwas, wenn man sagt: Ich darf froh sein, dass ich meinen Job habe, auch wenn er mir nicht jeden Tag Spaß macht. Aber ich bin froh und dankbar für das, was ich habe.
Viele Kinder jammern oft: „Ich kann das nicht“.
Reimann: Diesen Satz sollte man zum „Ich kann das noch nicht“ umformulieren. Man kann alles lernen. Eltern sollten auch nicht Sätze wie „Mathe konnte bei uns in der Familie noch nie jemand“ sagen – damit gibt man Kindern unterbewusst die Berechtigung, zu sagen: „Ja klar, dann kann ich es auch nicht.“
Abgesehen von der Kommunikation: Was können Eltern noch tun, damit Kinder Spaß an der Schule haben?
Reimann: Prinzipiell lernen Kinder wahnsinnig gern. Aber das Lernen in der Schule entspricht oft nicht dem natürlichen Lernkonzept des Menschen. Lange still sitzen, ruhig sein, zuhören und akzeptieren, dass da vorne eine Person die Welt erklärt. Stattdessen ist es gut, auf einen spielerischen Ansatz zurückzugreifen. Das geht selbst bei jungen Teenagern noch gut. Auch Eltern können daran Spaß haben, denn Spielen mögen fast alle Menschen.
Welche Möglichkeiten gibt es?
Reimann: Lernen mit Playmobil und Lego bieten sich zum Beispiel an, um Mathe zu verstehen. Neurologen haben herausgefunden, dass Kinder bis zehn, elf Jahre häufig noch kein richtiges Zahlenraumverständnis haben. Darum ist es auch so fatal, Kindern zu verbieten, mit den Fingern zu rechnen. Eine 3 ist für die ein Zeichen mit zwei Bögen, drei Finger aber kann ich anfassen. Gerade Lego ist super für das Mengenverständnis oder das Einmaleins. Mit nebeneinander stehenden roten und blauen Playmobil-Männchen, zwischen denen der Null-Punkt liegt, habe ich meiner Tochter geholfen, die Minus-Zahlen zu verstehen. So kann man bildlich darstellen, wie es funktioniert. Unser Gehirn denkt nicht in Strichen oder Kurven, sondern in Bildern. Auch beim Backen kann man Mathe einfließen lassen – Eltern können die doppelte Menge ausrechnen lassen oder wie hoch der Anteil von Butter im Teig ist.
Vokabeln zu lernen gehört meist auch nicht zu den Lieblingsaufgaben.
Reimann: Hier gibt es auch spielerische Methoden. Man kann zum Beispiel das Kind englische Vokabeln und ihre deutsche Bedeutung nach einer ersten Erarbeitung auf jeweils unterschiedliche Post-it-Zettel schreiben lassen und dann im ganzen Kinderzimmer oder Haus verteilen. Dann können Eltern zum Beispiel eine Aufgabe stellen: Wie schnell schaffst du es, alle Wörter passend zusammenzusuchen? Wenn es nicht gleich klappt, nicht von „falsch“ sprechen, denn das bestärkt gleich ein negatives Gefühl, sondern lieber sagen: Überleg nochmal, ob das die richtige Bedeutung ist. Auch ein Memory ist eine wunderbare Alternative, statt Wissen einfach abzufragen – das Kind erstellt während des Lernens ein Memory zum Lernstoff und statt vor der Probe abzufragen spielt man Memory.
Es geht also um mehr Spaß und Leichtigkeit beim Lernen.
Reimann: Ja, auch für die Eltern als Lernbegleiter. Noch eine kreative Idee, die die meisten Kinder sehr cool finden, wenn sich die Eltern drauf einlassen: Fensterscheiben beschmieren. Auf Spiegel oder Fensterscheiben mit Kreidemarkern wesentliche Begriffe zu schreiben. Das kann das komplette Vierer-Einmaleins sein oder einfach nur 7x8=56, wenn das die Aufgabe ist, die das Kind sich nicht merken kann. Oder auch Vokabeln. Das Kind läuft zwangsläufig immer wieder an diesen Begriffen vorbei oder sieht sie beim Zähneputzen – so prägen sie sich ein.
Und wenn dem Kind manchmal alles zu viel wird?
Reimann: Das ist okay. Und genau das sollten Eltern auch so sagen: „Okay, wir haben festgestellt, das passt noch nicht – aber du hast es versucht, super. Wir machen trotzdem Schluss mit Lernen.“ Durch das Rausnehmen des Drucks verändert sich viel. Fast alle Eltern versuchen, dass ihre Kinder die Hausaufgaben immer bis zum Ende fertig machen. Das ist aber nicht unbedingt gut. Wenn an einem Tag die Hälfte der Kinder in der Schule ankommt und sagt: Wir haben die Hausaufgaben nicht geschafft, dann ist das ein wichtiges Feedback an die Lehrkraft, dass es vielleicht zu viel war oder die Kinder das notwendige Wissen noch nicht haben. Ansonsten ist das Signal: Das passt so, wir können weitermachen.
Wie ist es mit Lob und Kritik?
Reimann: Wir sagen Kindern gerne: Ich bin stolz auf dich. Ich bin eher dafür, zu fragen: Bist du stolz auf das, was du geschafft hast? Und wenn das Kind Ja sagt, dann: Ja, du kannst auch stolz auf dich sein. Denn das Kind hat sich das selbst erarbeitet. Und so sieht es: Das habe ich selbst geschafft. Anders herum will kein Kind bei einem schlechten Ergebnis hören: Dann hättest du halt mehr gemacht. Damit bestärkt sich nur das negative Gefühl zu Schule und Lernen und Kinder glauben nicht mehr an sich selbst. Wenn ein Kind laufen lernt, käme auch niemand auf die Idee zu sagen: War ja klar, dass du wieder hinfällst und dass du das nicht schaffst.
So unterschiedlich Kinder sind, so unterschiedlich lernen sie – wie können Eltern hier unterstützen?
Reimann: Es ist nicht nur so, dass nicht jedes Kind gleich lernt, sondern auch, dass Lernroutinen und Lernort von Fach zu Fach variieren und sich auch verändern können. Zum Beispiel kann es sein, dass ein Kind bei Mathe sehr strukturiert und logisch unterwegs ist, in Englisch aber sehr kreativ und abstrakt. Das ist auch sehr herausfordernd für Eltern. Es gibt unterschiedliche Lerntypen, darum sollte eigentlich jedes Kind einen Lerntypentest machen. Das eine lernt visuell sehr gut, wenn es aber etwas nur hört, geht das zum einen Ohr rein und zum anderen raus. Wenn ein Kind gern alleine lernt, kann Bewegung hilfreich sein. Am besten sollte das Kind in einer Acht laufen, das ist eine Form der Bahnung, die die rechte und die linke Gehirnhälfte miteinander vernetzt. Gleichzeitig wird bei Bewegung das Gehirn mehr durchblutet und es kann Informationen besser verarbeiten.
Kinder klagen oft, sie könnten sich nicht konzentrieren.
Reimann: Das höre ich von Eltern oft. Ich frage sie dann, ob ihr Kind zockt. Die Frage wird meistens mit Ja beantwortet. Und wie lange? Oft sind es eineinhalb bis zwei Stunden. Dann sage ich: Wunderbar, das Kind kann sich perfekt konzentrieren. Bis fast ins Erwachsenenalter gilt beim Lernen die Faustformel Alter mal zwei – so lange können sich Kinder ohne Pause konzentrieren. Der entscheidende Unterschied: Zocken macht Spaß, Lernen meist nicht.
Apropos Pause beim Lernen – gerade ältere Kinder greifen dann sofort zum Handy, um sich für das Lernen zu belohnen.
Reimann: Ja, aber da muss ich ihnen bei Coachings auch immer sagen: In der Pause kein Handy. Denn, das hat die Neuro-Forschung ergeben: Das Gehirn sagt dann sofort: Oh, es gibt tolle, neue Informationen – und schmeißt das, was gerade ins Kurzzeitgedächtnis gewandert ist und vielleicht schon auf dem Weg ins Langzeitgedächtnis war, leider oft wieder raus.
Wie sieht die ideale Pause aus?
Reimann: Was Gesundes essen, Nüsse oder Obst, einen Schluck Wasser trinken. Musik hören, nichts tun, auf dem Sofa liegen und zum Fenster rausschauen. Fünf Minuten raus in den Garten, zwei, drei Mal ums Haus laufen, kurz spazieren gehen, aufs Trampolin oder in den Pool, ein bisschen mit einem Ball kicken. Die Pause darf nichts sein, wo großer, neuer Input kommt.
Gerade Jugendliche sind mit ihren Gedanken natürlicherweise oft ganz wo anders, nur nicht bei der Schule. Wie klappt das bei denen?
Reimann: Da muss man ehrlich sein: Mal besser, mal schlechter. Ich gebe Eltern den Tipp, den Wunsch nach Autonomie wahr und ernst zu nehmen. Durchaus auch ein Gespräch zu führen: Wo willst du hin, was willst du werden, welche Ziele hast du? Aber auch Druck rausnehmen und machen lassen, selbst wenn es beim Lernen mal in die Hose geht. Das darf man als Eltern aushalten lernen.
Und wenn man es nicht aushält, sondern interveniert?
Reimann: Wer unter Druck und Stress steht, reagiert schon immer mit Flucht, Angriff oder Erstarren. Das bedeutet: Jugendliche ziehen sich zurück und reden überhaupt nicht mehr, sie gehen so richtig in den Kampf mit den Eltern oder man kommt überhaupt nicht mehr an sie heran, das berühmte Gefühl, gegen eine Wand zu reden. Was stattdessen hilft: aktiv zuhören bei dem, was sie beschäftigt. Was man auch machen kann: einen Eltern-Kind-Lern-Vertrag, in dem man gemeinsam festhält, was beide Seiten einhalten müssen. Verträge verstehen Kinder und Teenager sehr gut. Man sollte im besten Fall auch gemeinsam vereinbaren, welche Konsequenz eintritt, wenn es nicht so läuft.
Klingt theoretisch gut, aber kann wahrscheinlich auch passieren, dass der Vertrag platzt.
Reimann: Ja, auch das müssen Eltern aushalten. Das Kind darf Fehler machen, um zu wachsen. Fehler sind Helfer. Das ist beim Radfahren so, beim Autofahren oder wenn ein Kind lernt, mit Besteck zu essen. Wenn ich beim Radfahren den Lenker zu weit nach links reiße, falle ich vermutlich hin und stelle fest: Das werde ich beim nächsten Mal anders machen.
Vermutlich ziemlich hart für Eltern, ein Kind sehenden Auges in einen Fehler laufen zu lassen.
Reimann: Einfach ist das nicht, ich habe die Erfahrung mit meiner eigenen Tochter gemacht. Sie hat sich vehement geweigert, sich von mir als Lerncoach helfen zu lassen. Nicht weil sie keine Hilfe brauchte oder wollte, sondern weil ich für sie einfach der Papa bin und sie gleichzeitig nach Autonomie gestrebt hat – das war der Lernprozess für mich. Ergebnis für meine Tochter war, dass sie leider durchgefallen ist. Der harte Lernprozess war für sie: Ich schaffe es alleine nicht. Die neue Erkenntnis und Konsequenz daraus: Sie geht jetzt zur Nachhilfe. Aber sie durfte erfahren, dass sie sich selbst die Unterstützung holen kann, die für sie passt, nicht die, die jemand vorgibt.
Zum Thema:
Coach: Bernd Reimann ist Vater von zwei Töchtern, lebt in Winkelhaid und war als Diakon, Erzieher und Sozialpädagoge gut 20 Jahre in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen tätig. Seit mehr als 25 Jahren begleitet er Jugendliche und junge Erwachsene dabei, sich weiterzuentwickeln, als neue Zielgruppe kamen Erwachsene dazu. Seine großen Themen sind Resilienz, Mobbing, Prävention und leichter Lernen.
Online-Tipps: Lehrerschmidt ist vielen bereits bekannt, bei Matheproblemen hilft mit Youtube-Videos auch Daniel Jung. Wer mehr über grundsätzliche Einflüsse erfahren möchte, kann sich im Youtube-Kanal TEDx Talks das Video „Wie Haltung Schule verändern kann“ anschauen, in dem die stellvertretende Schulleiterin der Alemannenschule, Patricia Schmidt, über ihre Vision spricht, Schule zu verändern.
Buch und Coachingtag: Aktuell erschienen ist das Buch „Bock auf Schule“, in dem Reimann (lernmalanders.de) und elf weitere Lerncoaches ihre Tipps für leichteres und entspannteres Lernen verraten. Für 2025 organisiert Reimann zwei Lernerlebnistage, einer davon findet am 15. November in Nürnberg statt. Der Tag mit Workshops und Vorträgen richtet sich an Kinder, Eltern und Lerninteressierte.
