„Ich bin trans“: Wie Eltern damit umgehen können – In Neumarkt finden sie Unterstützung

Von Katrin Böhm · 19. August 2023 um 19:00

Wenn Kinder groß werden, werden sie sich ihrer Körper bewusst und verlieben sie sich irgendwann. Doch was, wenn dieser Vorgang nicht der heterosexuellen Norm entspricht? Oder überhaupt keiner? Oft fühlen sich Kinder innerlich selbst zerrissen – und viele Eltern sind überfordert mit der Situation. In Neumarkt finden sie Hilfe.

Klaus Pölloth kennt das ganz genau. Er ist Vater eines Kindes, das sich als non-binär bezeichnet, sich also weder als weiblich noch als männlich definiert. Vor fünf Jahren wollte das Kind einfach nicht mehr in die Schule gehen, erinnert sich Pölloth. Ein halbes Jahr ging das so. „Da haben wir das noch gar nicht gewusst.“ Rückblickend weiß er: Schulangst oder psychische Probleme können ein Zeichen dafür sein, dass das Kind sich gerade im Unklaren über sich selbst und seinen Körper ist.

Ein non-binäres Kind – da musste Klaus Pölloth sich selbst erstmal erkundigen

Auch die Familie Pölloth sorgte sich, ging durch eine harte Zeit. Das Problem: Das Kind entwickelte sich körperlich, wollte aber eben dies nicht, sondern den Zustand zwischen Mann und Frau halten. Irgendwann öffnete sich das Kind den Eltern. „Und das ist natürlich erst einmal überfordernd“, sagt Pölloth.

In vielen Fällen denken Kinder ein halbes oder gar ein ganzes Jahr darüber nach, sich zu outen, ehe sie es schließlich tun. Man spricht dann vom „inneren und äußeren Coming out“. In dieser Zeit informieren sie sich, lesen viel, „und dann knallen sie es einem hin“. Dass Eltern da erst einmal die Spucke wegbleibt, ist normal, sagt Pölloth. Wichtig ist dann nur, wie man damit umgeht.

Klaus Pölloth machte sich selbst erst einmal schlau, wie er sein Kind unterstützen kann – seither engagiert er sich aktiv in der Elterngruppe des Nürnberger Vereins Fliederlich, der das queere Zentrum am Plärrer betreibt. Am 7. Oktober spricht er mit der Leiterin des G6, Anke Buchmüller, bei der Familienmesse des Landkreises im Landratsamt.

„Viele Kinder sagen, dass sie es schön finden, wenn Eltern ihnen erst einmal zuhören und zeigen: Wir haben dich lieb, so wie du bist“, sagt Buchmüller. Dabei könne man ruhig sagen, dass die Situation auch für einen selbst neu sei, wichtig sei nur, zu vermitteln, dass man für das Kind immer da sei und es auf seinem Weg unterstütze.

Elterngruppe des Nürnberger Vereins Fliederlich hilft

Auch die Elterngruppe von Fliederlich legt Pölloth Eltern ans Herzen, die in diese Situation geraten und nicht wissen, was sie tun sollen. „Viele sind erst einmal durch den Wind und schlagen dann bei uns auf.“ Denn in der Gruppe, in denen sich alle Eltern in ähnlichen Situationen befinden, lässt sich das Thema gut besprechen. Zweimal war die Elterngruppe auch bei schulpsychologischen Fortbildungen dabei. Denn so wichtig es ist, dass Familien sich an einen Schulpsychologen wenden können, so schwierig ist es manchmal auch – viele kennen sich selbst nicht wirklich aus, sagt Pölloth.

Fortbildungen in diesem Bereich seien daher unheimlich wichtig, findet auch Buchmüller. Sie selbst hat eine Weiterbildung zur Sexualpädagogin gemacht, trotzdem lerne sie ständig Neues hinzu, sagt sie. „Aber vor allem bin ich viel sensibler geworden.“

Sensibilität ist für Pölloth und Buchmüller ohnehin das Stichwort. Sie setzen sich dafür ein, dass die Menschen einfach als die angenommen werden, die sie sind, ohne hinterfragt zu werden. Dass Kinder in einer Gesellschaft leben, in der es egal ist, wer wen liebt oder sich welchem Geschlecht zugehörig fühlt.

Die Oma bringt die Pronomen noch durcheinander

Bis dahin ist es allerdings noch ein ganzes Stück Weg. In seiner Familie bemüht sich zwar selbst die Oma des Kinds, sagt Pölloth. „Sie ist da sehr aufgeschlossen, auch wenn sie immer wieder mit den Pronomen durcheinander kommt.“ Das verzeihe das Kind aber, weil es sehe, wie offen die Oma sei.

Das aber ist nicht selbstverständlich. Erfahrungsgemäß, sagt Pölloth, kommt ein Drittel der Eltern gar nicht damit klar, wenn ihnen ihr Kind eröffnet, dass es nicht der Hetero-Norm entspricht. Ein Drittel akzeptiert es irgendwie und ein Drittel steht unterstützend hinter den Kindern. „Generell tun Männer sich schwerer damit, Mütter sind verständnisvoller“, sagt Pölloth. Warum, das sei ihm selbst nicht ganz klar, womöglich gebe es eine Angst, als Vater versagt zu haben.

Immer wieder kommen auch Eltern, die darauf hoffen, das Ganze sei nur eine Phase, die wieder vorbeigehe. Sie wollen verdrängen und die Situation nicht akzeptieren. Die Folge: Kinder verschließen sich oder reißen aus. Er selbst kenne ein Trans-Kind, das mit 16 Jahren von zu Hause abgehauen sei, weil es sich nicht mehr angenommen gefühlt habe, sagt Pölloth.

Für viele Eltern stellt sich beim Outing ihrer Kinder auch die Frage, wie sie selbst damit umgehen, wenn etwa die Nachbarn fragen. „Das ist für uns Eltern schwierig: Wem erzählt man was? Inwieweit macht man das Coming out für die Kinder?“, sagt Pölloth. „Da wird ganz oft vergessen, dass das niemanden etwas angeht“, findet Buchmüller.

Die Gesellschaft wird nicht automatisch offen

Dass LGBTQIA aktuell so präsent ist, dass es manchen Menschen auf die Nerven geht, findet Buchmüller okay. „So lange es nicht wirklich normal ist, muss darüber gesprochen werden.“ Womöglich sei das Thema vielleicht sogar überrepräsentiert, sagt auch Pölloth. „Aber das ist wichtig, damit unsere Kinder sich genauso wohlfühlen können.“ Dass die nächste Generation quasi automatisch Vielfalt akzeptiert, ist indes nicht gesagt: Neulich war Pölloth bei einem Projekttag in einem Gymnasium in Erlangen – dort waren die Regenbogenfahnen heruntergerissen worden. „Es gibt Gruppen von Jugendlichen, die damit Probleme haben“, sagt Pölloth. „Insbesondere, wo es die Religion vorschreibt.“

Dass sich Eltern oder Großeltern manchmal schwerer tun, liegt für Buchmüller auch daran, dass all das, was diese Generationen gelernt hätten, durcheinander gebracht werde. „Und manche können nicht über ihren Schatten springen.“

Pölloth findet: Dass manche Menschen nicht mehr mitkommen und sich fragen, was noch kommt, ist irgendwie auch klar. „Uns geht es doch selbst so. Wir sind immer einen Schritt hintendran. Wie die Kinder sich sehen und sich reflektieren, da denken wir als Cis-Hetero gar nicht drüber nach.“ Aber: Viele Begriffe spielten auch gar keine so große Rolle – zumal sie von jungen Menschen teilweise selbst unterschiedlich verwendet werden. Wichtig ist nur: „Die Menschen so zu nehmen wie sie sind.“

Die Vielfalt der Menschen – und was sie bedeutet:

LGBTQIA: Der Begriff setzt sich aus den Buchstaben der englischen Begriffe für lesbian (lesbisch), gay (schwul), bisexual (bisexuell), transsexual (transsexuell), queer (nicht heterosexuell), intersexual (intersexuell) und asexual (asexuell) zusammen. Vereinfacht wird häufig von „queeren Menschen“ gesprochen, die von der Cis-Heteronorm abweichen. „Cis“ steht dafür, dass man sich mit dem nach der Geburt zugeschriebenen Geschlecht identifiziert. Grundsätzlich wird unterschieden zwischen der sexuellen Orientierung (zum Beispiel schwul, lesbisch) und der Geschlechtsidentität – also der Frage, ob sich ein Mensch mit dem ihm zugewiesenen Geschlecht identifiziert.

Termin: Mit Familienthemen beschäftigt sich die Infomesse Familienbildung des Landkreises am Samstag, 7. Oktober, ab 10 Uhr im Landratsamt. Es gibt Infostände, 30-minütige Vorträge und Rahmenprogramm. Der Eintritt ist frei. Klaus Pölloth und Anke Buchmüller halten von 15 bis 15.30 Uhr einen Impulsvortrag zum Thema „Queer – was nun?“ (Raum 2). Vor Ort sein werden auch Jugendliche, die von ihrem Leben und ihrem Outing erzählen. Den ganzen Tag über werden Pölloth und Buchmüller für Fragen und Gespräche zur Verfügung stehen. Interessierte können sich auch an die Elterngruppe des Vereins Fliederlich (fliederlich.de, Mail an eltern@fliederlich.de) oder ans G6 wenden.