Bürger-Million und Startup-Schmiede: Wie Kommunen ihren Kern stärken

Von Christian Eckl · 7. Mai 2025 um 08:16

Bürger-Million gegen Start-up-Schmiede, Kulturzentrum gegen soziale Mitte – die Jury hatte es nicht leicht, die Gewinner des diesjährigen Kommunalentwicklungs-Awards der Industrie- und Handelskammer Oberpfalz-Kelheim auszuwählen. Am Mittwochabend findet die Preisverleihung statt. Die Mediengruppe Bayern stellt die Projekte vor, die es in die Endrunde geschafft haben. In zwei Kategorien wird der Preis nun schon zum dritten Mal vergeben: Für Gemeinden unter und über 8000 Einwohner.

Projekt Landkultur: Findiger Bürgermeister belebt Waldthurn

Angesichts von Leerständen, dem demografischen Wandel und überalterter Infrastruktur setzt die Oberpfälzer Marktgemeinde seit Jahren auf das Prinzip „Innen statt Außen“. Ziel ist es, Ortskerne zu beleben, statt neue Flächen am Ortsrand zu versiegeln. Mit Fördermitteln – oft bis zu neunzig Prozent – werden leerstehende Gebäude erworben, saniert und für Wohnraum oder soziale Projekte genutzt. So entstanden ein Kinderbildungszentrum, ein Gemeinde- und Pfarrzentrum im Lobkowitzschloss, neue Wohnungen sowie ein Pilotprojekt für suchtmittelabhängige Mütter. Auch in den Ortsteilen wurden neue Treffpunkte, ein Generationengarten und kulturelle Angebote geschaffen. Der Marktplatz wurde aufgewertet, ein genossenschaftlicher Marktladen eröffnet, ein Natur-Kultur-Weg mit Aussichtsturm angelegt. Wirtschaftlich konnte Waldthurn neue Betriebe ansiedeln, bestehende sichern und die Breitbandversorgung verbessern. Die Maßnahmen zeigen Wirkung: Fast alle Bauplätze sind verkauft, das gesellschaftliche Leben floriert, die demografische Entwicklung hat sich stabilisiert. Die Gemeinde bewarb sich in der Kategorie bis 8000 Einwohner.

Schorndorf hat sich eine soziale Mitte gebaut

Angesichts von Wohnungsnot, fehlenden Sozialwohnungen und zunehmenden Leerständen im alten Ortskern hat die Kommune frühzeitig gehandelt. Bereits seit den 1990er-Jahren wurden leerstehende und marode Gebäude im Zentrum schrittweise aufgekauft, abgebrochen und in Zusammenarbeit mit privaten Investoren durch neue, nutzungsvielfältige Bauten ersetzt. Der erste große Meilenstein war das Gemeindezentrum mit Rathaus. Es folgten ein Alten- und Pflegeheim mit über 60 Plätzen und rund 80 Beschäftigten sowie eine altersgerechte Wohnanlage mit 15 barrierefreien Eigentumswohnungen. Zuletzt wurde mit dem Gemeinschaftszentrum „Neue Soziale Ortsmitte“ das bislang letzte große Projekt abgeschlossen: ein Neubau mit ambulanter Tagespflege und acht Sozialwohnungen, flankiert von der barrierefreien Neugestaltung des Dorfplatzes.

Mensch und Museum treffen sich im Essinger Ex-Pfarrhof

In dem kleinen, touristisch geprägten Ort im Altmühltal wurde ein leerstehender ehemaliger Pfarrhof saniert und in ein hochwertiges Zentrum für Kunst und Kultur umgewandelt. Das MEMU verbindet ambitionierte Kunstausstellungen, Musikveranstaltungen, Vorträge und künftig auch Dauerausstellungen mit dem Ziel, Kultur und Tourismus auf hohem Niveau zu vereinen. Seit 2023 fanden dort bereits Ausstellungen mit renommierten Künstlerinnen und Künstlern sowie Konzerten unter anderem mit Mitgliedern der Münchener Philharmoniker statt. Die Resonanz ist laut Gemeinde überwältigend – Besucher aus ganz Bayern reisen an, Gastronomie und Hotellerie profitieren deutlich. Die Sanierungskosten lagen bei rund 1,4 Millionen Euro, ergänzt durch digitale Infrastruktur und Personalaufwand. Und Bürgermeister Jörg Nowy erklärte: Das MEMU trägt sich selbst.

Ein Gefühl von Garage und Microsoft-Gründung liegt in Neumarkter Luft

Im Zentrum steht die gemeinnützige Dreamdriven gGmbH, an der die Stadt mit 49 Prozent beteiligt ist. Ziel ist es, eine Brücke zwischen Hochschullehre und regionaler Wirtschaft zu schlagen. In enger Kooperation mit der Technischen Hochschule Nürnberg und der OTH Amberg-Weiden wurde ein Innovationskonzept entwickelt, das von Co-Working-Räumen über Bootcamps und Hackathons bis hin zu Mentoring-Programmen reicht. Junge Gründerinnen und Gründer sollen dort unternehmerisches Denken praktisch erproben und mit Unternehmen der Region zusammenarbeiten. Die Stadt unterstützt das Projekt mit jährlich 40 000 Euro, stellt Räume bereit und fungiert über ihre Wirtschaftsförderung als Schnittstelle. Im Oktober 2024 wurde das neue Hochschulgebäude samt Studentenwohnheim eröffnet, im ersten Quartal 2025 folgen Co-Working- und Co-Living-Angebote.

Die Amberger setzen auf Bürgerbeteiligung für die Stadtentwicklung

Mit der sogenannten „Innenstadt-Million“ stellt die Kommune eine Million Euro aus dem Haushalt 2024 bereit, um nachhaltige Projekte umzusetzen, die die Aufenthaltsqualität im Zentrum erhöhen. Der besondere Clou: Die Ideen kommen direkt aus der Bevölkerung. Über ein Beteiligungsportal im Internet konnten Bürgerinnen und Bürger, Gruppen und Vereine mehr als 250 Vorschläge einreichen – von mehr Sitzgelegenheiten, Fahrradabstellplätzen und Reparatursäulen bis hin zu Selfiepoints, Spielgeräten oder neuen Sonnensegeln für Konzerte. Nach Prüfung und Beratung wählte der Stadtrat daraus sechzehn Projekte aus, die bis Frühjahr 2025 realisiert werden. Die Stadt investierte zusätzlich in eine neue Beteiligungssoftware. Ziel ist nicht nur die sichtbare Aufwertung der Altstadt, sondern auch ein neues Miteinander von Verwaltung, Politik und Bürgerschaft.

So lief die Bewerbung, diese Kommunen haben bereits gewonnen

Amberg und Neumarkt haben sich in der Kategorie für Kommunen über 8000 Einwohner beworben, während Schorndorf (Lkr. Cham), Waldthurn (Lkr. Neustadt a.d.Waldnaab) und Essing (Lkr. Kelheim) um den Preis in der Kategorie unter 8000 Einwohner konkurrieren. Die Preisverleihung findet bei der IHK statt. Finanzminister Albert Füracker (CSU) wird eine Rede halten. Der Projektentwickler Jan Vorholt wird zu veränderten Ansprüchen und Erwartungen an Innenstädte referieren. Die Sieger des vergangenen Awards 2023 waren die Stadt Neunburg vorm Wald sowie der Markt Beratzhausen, Schwandorf erhielt einen Sonderpreis. Im ersten Jahr der Vergabe 2021 setzten sich der Markt Landquaid und der Markt Waldthurn durch, Amberg bekam damals einen Sonderpreis.

Der Autor ist Mitglied der Jury des Kommunal-Awards.

Der Amberger Bürgermeister Michael Cerny präsentierte der Jury die Million. - Foto: Eckl
Neumarkt setzt auf junge Gründer, die im Gebäude der Dreamdriven gGmbH Hackatons veranstalten. - Foto: Eckl