Noch heute die schrecklichen Bilder vor Augen: Zeitzeugen erinnern sich an das Inferno von Neumarkt

Wenn sie die aktuellen Bilder aus der Urkraine und dem Gazastreifen sehen, kommen ihnen die Ängste von damals wieder hoch: Die schlimmen Erlebnisse zum Ende des Zweiten Weltkriegs sind den Zeitzeugen auch nach 80 Jahren unvergessen. Johann Sossau berichtet, was sich in Ottosau bei Neumarkt zugetragen hat.
„Wir sahen von unserem Hof aus den Feuerschein des brennenden Neumarkts“, erinnert sich Johann Sossau. Der 86-Jährige, der heute in Rengersricht lebt, wuchs mit seinen sechs Geschwistern auf einem Bauernhof in Ottosau auf.
Auf diesem fanden im April 1945 auch Gertrud Detzer und ihre Schwester Zuflucht. Sie hat mit der früheren Stadtarchivarin Anni Lang ihre Erlebnisse zu Papier gebracht. Diese wurden vor Jahren in einem Pfarrbrief veröffentlicht.
Diesen hat Johann Sossau aufbewahrt und erzählt anhand dessen auch seine eigenen Erinnerungen. Gertrud Detzer war die Nichte des damaligen Neumarkter Stadtpfarrers, Geistlichem Rat Mittenhuber.
50 Leute in der Scheune untergebracht
Sie war kurz vor dem Evakuierungsbefehl für Neumarkt mit ihrer hochschwangeren Schwester nach Ottosau geflohen. Auf dem Hof seiner Eltern in Ottosau seien nicht nur viele Flüchtlinge aus Neumarkt, sondern auch von woanders her untergebracht gewesen, berichtet Sossau: im Haus rund 30 Leute, schätzt er, in der Scheune nochmals etwa 50. Der Aufenthalt sei trotz der Überfüllung nicht unangenehm gewesen, schreibt Detzer in ihren Aufzeichnungen.
Doch wer gehofft hatte, der in einem tief eingeschnittenen Tal verborgene Weiler, bliebe vom Kampfgeschehen verschont, irrte, schildert Sossau. Bereits in der zweiten Nacht nach Detzers Ankunft schreckten Geschützsalven die Ottosauer aus dem Schlaf: „Granaten pfiffen über die Hausdächer und wurden von oben her, von der Straße aus erwidert.“Eilends suchten alle im Kartoffelkeller in einem Felshang Zuflucht. Wie sich später herausstellen sollte, hatte ein SS-Panzer die heranrückenden Amerikaner genarrt.
Säugling stirbt bei Granatenbeschuss
Bei einem weiteren Granatenbeschuss kam ein Säugling ums Leben. Zutiefst schockiert seien die Menschen in Ottosau gewesen, als sie die Nachricht erreichte, dass Neumarkt völlig zerstört wurde.
Noch nicht einmal mehr die Tatsache, dass US-Soldaten den Weiler einnahmen und die Häuser nach versteckten Soldaten habe sie erschüttern können, berichtet Zeitzeuge Sossau. Wenn er heute die Bilder aus dem Gaza-Streifen und der Ukraine sehe, kämen die Ängste dieser Zeit wieder hoch, sagt der 86-Jährige.
