Gefechte verwandeln Neumarkts Innenstadt in eine Ruinenlandschaft

Von Heidi Bauer · 15. April 2025 um 15:00

Apokalyptische Zustände herrschten Mitte April vor 80 Jahren in Neumarkt. Alle Bürger, die die Möglichkeit hatten, flohen vor der drohenden Front . Was die wenigen Zurückgebliebenen erlebten, als sich in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs eine versprengte SS-Einheit in der Stadt verschanzte, war ein Alptraum. Zeitzeugen schildern ihre Erlebnisse.

Die verstorbene Wirtin des Gasthauses „Zum Hechten“, Katharina Fuchs, hat in einem Tagebuch, das im Stadtmuseum erhalten ist, die Ereignisse der letzten Kriegstage detailliert dokumentiert. Wiederholt hatte sie versucht, die Stadt zu verlassen, war jedoch gescheitert.

• Mittwoch, 18. April 1945:

Gegen 9 Uhr überschlagen sich die Ereignisse, schreibt Fuchs: „Panzer fuhren auf, zwei blieben in den Torbogen und SS-Soldaten kamen ins Lokal.“ Auch einige weitere Neumarkter suchen hier Zuflucht. „Unsere Männer gingen zur Polizei und erfuhren, dass die Stadt bis zum letzten verteidigt wird“, so die Zeitzeugin. „Die Angst saß uns im Leibe.“

• Donnerstag, 19. April 1945:

„Die Artillerie feuerte an diesem Tag tüchtig herein“, schildert Fuchs, die mit den anderen im Gasthauskeller ausharrt.

• Freitag, 20. April 1945: „So um 9 Uhr setzten dann die Tiefflieger ein. Wir saßen zitternd im Keller, und ich werde diese Stunden des Schreckens nie vergessen“, erinnert sich die Zeitzeugin. Als es gegen 11 Uhr ruhiger wird, wagen sie sich ans Tageslicht und sehen: „Brand an allen Ecken.“ Während es ihnen gelingt, die Flammen in unmittelbarer Nähe zu löschen, „konnten wir auf der anderen Seite beobachten, wie das Feuer ein Haus nach dem anderen packte...“ Immer mehr Menschen kommen in ihren Luftschutzkeller, „trostlos, verstört“. Auch der nächste Versuch, die SS-Leute zur Aufgabe zu bewegen, scheitert. „Die Angst machte uns ganz kopflos.“

• Samstag, 21. April 1945:„Früh um 5 Uhr ging die Schießerei wieder los, aber keine keine Artillerie“, schreibt die Zeitzeugin. Sie entscheidet sich zur Flucht, kommt aber nicht weit: Vor der Hofkirche „rannte die SS wie wild umher, geschossen wurde pausenlos.“ Als vom Klostertor her amerikanische Soldaten einstürmen, flüchtet sie sich mit ihrer Tochter und einem belgischen Fremdarbeiter in das Haus des Bäckers Zimmermann.

Da hatten sich jedoch SS-Soldaten verschanzt. „Auf einmal gab es einen Schlag, die Amis zertrümmerten das Schaufenster und kamen durch das Zimmer zu uns“, schildert die Hechten-Wirtin. „Der Belgier sprach auf Englisch – er sei ausländischer Arbeiter und habe zwei Frauen bei sich und möchte hinter die amerikanische Linie. Daraufhin führen sie uns bis übers Tor und sagten, wir sollen in die Bleistiftfabrik gehen. Sie ist von der SS gesäubert.“ Nach einer „Kontrolle, fiel uns ein großer Stein vom Herzen, wir waren frei.“

• Sonntag, 22. April 1945:

Katharina Fuchs will zurück in den „Hechten“, doch der ist von amerikanischen Soldaten und Plünderern eingenommen. Der Belgier informiert sie, dass der „Wurm“ lichterloh brennt: „Ich glaube, das war mein größter Schlag, denn ich wusste, wenn der ‘Wurm‘ brennt, gehen wir mit, wir hingen doch gebäudlich beisammen.“ Es folgen bange Stunden, denn die Amerikaner haben die Neumarkt abgeriegelt und lassen niemanden hinein.

• Montag, 23. April 1945:

Durch die Vermittlung des Belgiers gelingt es Fuchs doch, einen Weg zum ‘Hechten‘ finden: „Wir gingen in die Stadt mit Angst und Schrecken.“ Doch statt des erwarteten Trümmerhaufens erleben sie ein Wunder: „Der ‘Hechten‘ stand“ – wenn auch verwüstet und demoliert. Ein Gewitter hatte ihn gerettet: „So blieben der ‘Hechten‘ und Düring alleine übrig von der Marktstraße“, resümiert die frühere Wirtin.