Neumarkt in Flammen: Familien verstecken sich aus Angst tagelang im Wald

Von Heidi Bauer · 15. April 2025 um 17:00

Wohl kaum jemand mag sich heute ausmalen, was sich vor genau 80 Jahren im Landkreis Neumarkt abspielte: Die Menschen lebten in Angst und Schrecken, viele verließen aus Furcht vor der herannahenden Kriegsfront ihr Zuhause. Die verstorbene Neumarkterin Hildegard Weber hat ihre Erlebnisse dokumentiert.

„Ich denke, es war der 15. April. Da forderte die Parteileitung zur Evakuierung auf“, schreibt die verstorbene Neumarkterin Hildegard Weber in ihren Lebenserinnerungen. „Unser kleiner Handwagen war voll bepackt, und so fuhren wir in Richtung Höhenberg und landeten beim Wirt Nißlbeck“, wo auch viele ihrer Nachbarn Zuflucht gesucht hatten.

Doch auch da konnte die Familie nicht bleiben: „Nach ein paar Tagen lag das Gehöft auch unter Beschuss, vom Wolfstein her. Wir mussten also von hier fort.“ Da auch alle Bauernhöfe mit geflohenen Neumarktern überfüllt waren, kampierte die Familie schließlich im Wald Richtung Voggenthal.

„Der Himmel war rot gefärbt“

„Die Front muss schon sehr nahe gewesen sein, denn man hörte immer wieder Schüsse knallen. Des Öfteren mussten wir unser Lager wechseln“, schreibt Hildegard Weber weiter. „Am 20. April wagten wir uns wieder auf die Höhenbergstraße und schauten von oben auf unsere Stadt. Neumarkt stand in Flammen! Der Himmel war rot gefärbt.“

Nach Tagen im Wald wagten sich die Familie wieder nach Höhenberg zum Wirt Nißlbeck, der sie in der Wirtsstube beherbergte. „Tags darauf erzählte man, Neumarkt sei schon eingenommen. Wir machten uns also wieder auf den Weg, denn wir alle wollten nur noch heim“, berichtet die Zeitzeugin.

Zuflucht im Kloster gesucht

Sie schreibt weiter: „Am Kloster angelangt, kam uns ein Ami entgegen und rief: ‘Ihr Hospital, Ihr Hospital!‘ So gingen wir also alle ins Kloster St. Josef rein. Eine Schwester kam uns entgegen und sagte: ‘Um Gottes Willen, wo kommt Ihr denn her? Es sind noch keine fünf Minuten vergangen, seit die Amis hier sind.‘ Wir wurden in einen Saal gebracht, der mit Frauen und Kindern total überfüllt war.“

Die Familie hat Glück: Sie kann sich am nächsten Tag zu ihrem Haus in der Mariahilf-straße durchschlagen, das abgesehen bis auf ein paar Einschusslöcher fast unversehrt ist. Anders jedoch sieht es im Zentrum von Neumarkt aus: „Ich sah überall nur Ruinen“, beschreibt Weber. „Die Innenstadt war ein einziges Trümmerfeld und der größte Teil von Neumarkt obdachlos.“

Sie berichtet von Leichen und Tierkadavern auf den Straßen. „Die ehemaligen Gefangenen und verschleppten Ausländer hatten drei Tage Plünderungsrecht.“ Doch weil vor dem Haus vier amerikanische Panzer standen, blieb die Familie davon verschont.

hb

Zeitzeugin Hildegard Weber Foto: privat