CO2-Pipeline: Mega-Chance oder riesige Gefahr für die Stadt Burglengenfeld?

Von Thomas Rieke · 14. April 2025 um 19:00

Im Schatten des geplanten Windparks im nördlichen Umland und der beantragten Steinbruch-Erweiterung für die Zementproduktion nimmt ein weiteres Mammutprojekt, das Burglengenfeld im Landkreis Schwandorf betreffen könnte, immer konkretere Formen an: der Bau einer CO2-Pipeline. Die Meinungen dazu gehen weit auseinander.

Greenpeace warnt nicht nur vor Risiken für die Umwelt, sondern auch vor den Folgekosten, die für die Kommunen entstehen könnten.

Zum Hintergrund: Mit dem Zementwerk von Heidelberg Materials (HM) steht in der Burglengenfelder Vorstadt ein Industriebetrieb, der besonders viel Kohlendioxid (CO2) ausstößt. Nach Angaben des World Wide Fund For Nature (WWF) zählt die Fabrik zu den 30 größten Kohlendioxid-Emittenten des Landes. Das liegt nicht nur am enormen Energieverbrauch, sondern am Herstellungsprozess von Zement und dessen Vorprodukt Klinker. Hier gelten CO2-Emissionen in gewissem Maße als „unvermeidbar“.

Daher ist die Abscheidung von CO2 für HM auch in Burglengenfeld ein großes Thema. Und weil es vor Ort keine Möglichkeit gibt, das klimaschädliche Gas im Untergrund zu verpressen, setzt Werkleiter Bernhard Reindl auf den Bau einer Pipeline. Damit könnte das Kohlendioxid zu Betrieben transportiert werden, die es für ihre Produkte benötigen, und in Richtung Nordsee, wo es verschifft würde, um es an geeigneter Stelle unter dem Meeresboden zu speichern. Reindl sieht in der Pipeline „die einzige vernünftige Lösung für alle großen CO2-Emittenten in Süddeutschland – und somit auch für uns in Burglengenfeld“.

Trassenverlauf parallel zum Erdgassystem

Für den Aufbau der notwendigen Transport-Infrastruktur gibt es laut Reindl diverse Vorschläge. Der Prozess befinde sich allerdings noch am Anfang. HM setze sich dabei für einen „faktenbasierten und transparenten Dialog unter Einbezug unterschiedlicher Akteure und Perspektiven ein“.

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Nach Informationen der Redaktion existieren indes bereits relativ genaue Pläne für ein landesweites Pipelinenetz. Die vorgeschlagenen Trassenverläufe orientieren sich demnach weitgehend an bestehenden Erdgas-Fernleitungen. Von Regensburg würde es auch eine Verbindung nach Schwandorf und darüber hinaus geben. Kurz vor der Großen Kreisstadt gäbe es eine Abzweigung nach Burglengenfeld. Insgesamt soll das Netz eine Länge von rund 4500 bis 4800 Kilometern haben. Die Investitionskosten werden auf rund 14 Milliarden Euro geschätzt. Bereits 2035, also in zehn Jahren, soll es betriebsbereit sein. Nur so ließen sich die Klimaziele bis 2045 erreichen. Utopie?

Greenpeace warnt vor einem Irrweg

Umweltverbände versuchen, die Pläne zu durchkreuzen. Sie sehen darin in mehrfacher Hinsicht einen Irrweg. Greenpeace unterstellt der fossilen Industrie, sie favorisiere die Pipeline-Lösung, um ihr „schmutziges Geschäft weiterführen zu können“. Der Prozess der Dekarbonisierung werde in die Länge gezogen – unnötigerweise.

Damit nicht genug: Frank Gesche, Bruder des Burglengenfelder Bürgermeisters und stellvertretender Gruppenkoordinator von Greenpeace in Regensburg, warnt vor dem Risiko, den eine CO2-Pipeline mit sich bringe. Leckagen seien nie auszuschließen, durch Unfälle, aber auch Anschläge. Und weil Kohlendioxid schwerer sei als Luft, sei im Ernstfall besonders in Senken und Kessellagen zu befürchten, „dass niemand mehr aufsteht“.

Um die Sicherheit soll es schlecht bestellt sein

Sicherheitskonzepte existierten nach Informationen des 43-Jährigen jedoch bisher keine. Gesche wörtlich: „Im aktuellen Gesetzesentwurf fehlen klare Regelungen für Notfallpläne, und es ist auch unklar, wer letztlich die Verantwortung für deren Erstellung tragen soll.“

Laut Frank Gesche gibt es darüber hinaus ein finanzielles Risiko für die Kommunen. Wie „bei allen Pipelines üblich“, seien Städte und Gemeinden beim Unterhalt und im Falle einer Havarie in der Pflicht. So sehe es der aktuelle Gesetzesentwurf vor.

Stadtoberhaupt Thomas Gesche hat diesbezüglich aktuell „keine belastbaren Informationen“. Er hält die Behauptung seines Bruders auch für unlogisch. Ausgaben für Projekte wie eine Pipeline müssten „selbstverständlich von übergeordneter Stelle“ getragen werden. Autobahnen, Bahnstrecken oder Stromtrassen würden ja auch nicht in die Verantwortung von Gemeinden gelegt, argumentiert der CSU-Rathauschef.

Auch in Regensburg läuft Greenpeace gegen die Pläne für ein CO2-Pipeline-Netz Sturm. Näheres dazu lesen Sie hier.

Mitarbeiter der Pressestelle im bayerischen Wirtschaftsministerium erklärten auf Anfrage, „Bau und Betrieb der Pipelines müssten privatwirtschaftlich organisiert werden“. Eine Einbeziehung der Kommunen sei nach bisherigem Kenntnisstand „nicht vorgesehen“. Von einer Gesetzesvorlage mit den von Greenpeace genannten Inhalten wisse man nichts.

Bayerisches Ministerium sieht Bund in der Pflicht

Im Übrigen befänden sich die Planungen, anders als von der Umweltschutzorganisation dargestellt, noch „in einer sehr frühen Phase mit sehr grobem Detailgrad“. Vorrangig gehe es um eine technische Machbarkeit sowie eine Kostenabschätzung. In diesem Zuge müssten auch unterschiedliche Verbindungen evaluiert werden. Das bedeute: Sowohl der Verlauf möglicher Leitungen, wie auch deren Kosten, seien „noch nicht klar“.

Bayern, so heißt es seitens des Ministeriums weiter, sehe bei der Koordination des Projekts den Bund in der Pflicht. Nur so könne sichergestellt werden, dass deutschlandweit einheitliche Standards gearbeitet werden und eine Anschlusssicherheit an die Planungen der Nachbarländer bestehe.

Aufgrund der offenen Fragen sei auch kein Baubeginn bekannt. Aus ähnlichen Vorhaben sei aber davon auszugehen, dass die Genehmigungsprozesse zwischen fünf und acht Jahre in Anspruch nähmen. Dass die Kommunen und ihre Bürger aufgrund der hohen Dringlichkeit des Projekts, wie von Greenpeace befürchtet, „überrollt“ werden könnten, schließt das Ministerium aus. Das sei angesichts der „mehrstufigen Gesetzgebung in Deutschland“ unmöglich.

CO2-Speicherung ist nichts völlig Neues: Bereits zwischen 2008 und 2013 wurden in Ketzin bei Berlin rund 67 000 Tonnen des Treibhausgases in einer Tiefe von 603 bis 650 Meter „sicher und zuverlässig“ verpresst. Foto: Bernd Settnik dpa, Archiv