Burglengenfelds Zementwerkleiter stellt CO2-neutralen Beton in Aussicht

Der World Wide Fund For Nature (WWF) hat es nun landesweit an die große Glocke gehängt und damit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt: Das Zementwerk Burglengenfeld ist wegen seines enormen CO2-Ausstoßes Bayerns größter Klimakiller. Werkleiter Bernhard Reindl äußert sich im Interview dazu – und er erklärt, welche Perspektiven es gibt.
Herr Reindl, der WWF hat die 30 klimaschädlichsten Industrieanlagen Deutschlands ermittelt. Darunter ist auch ein Betrieb aus Bayern, das Zementwerk Burglengenfeld. Hatten Sie schon damit gerechnet, dass Sie einmal auf diese Weise an den Pranger gestellt würden ?
Bernhard Reindl: Die Klimadebatte im Umfeld unseres Unternehmens ist ja nicht neu. Bei der Herstellung von Klinker, dem Zwischenprodukt, das zu Zement vermahlen wird, fällt vor allem prozessseitig CO2 an. Wir arbeiten jedoch bereits seit Jahren konzernweit intensiv an einer Reduzierung der CO2-Emissionen. Dafür gibt es eine globale Strategie, die heruntergebrochen wird auf Länder- und Standortebene.
Was ist Ihr konkretes Ziel?
Reindl: Das Ziel unserer Roadmap ist es, den spezifischen CO2-Ausstoß auf deutlich unter 500 Kilo je Tonne Zement in 2030 zu senken. Auf dem Weg dahin hat HeidelbergMaterials (bis vor kurzem HeidelbergCement) bereits große Fortschritte erzielt. Im Jahr 2020 betrug der Wert 576 Kilogramm CO2 pro Tonne Zement. Unsere unternehmensweiten CO2-Reduktionsziele sind die ambitioniertesten Klimaziele der Branche. Bis spätestens 2050 will Heidelberg Materials seine CO2-Emissionen auf Netto-Null reduzieren.
Der WWF behauptet, das Zementwerk würde jedes Jahr 900000 Tonnen Kohlendioxid in die Luft blasen. Wie stark war der Ausstoß vor der Modernisierung des Standorts, die vor rund fünf Jahren abgeschlossen wurde?
Reindl: 2016, als die zwei Altöfen noch betrieben wurden, haben wir 686 Kilo CO2 pro Tonne Zement emittiert. Diese spezifischen Emissionen haben wir vor allem durch die Modernisierung unseres Ofensystems gesenkt. Unsere Strategie ist es, wie vorher schon betont, diese Kennzahl bis 2030 unter 500 Kilo zu senken.
Das Thema Klimaschutz bewegt aktuell wie kaum ein zweites. Lesen Sie dazu: Burglengenfeld bringt Wärmeplanung auf den Weg
Die Modernisierung hat über 100 Millionen Euro verschlungen. Hauptziel war eine Verbesserung der Umweltbilanz. Muss man aus heutiger Sicht nicht sagen, dass das Ziel nicht hoch genug gesteckt war?
Reindl: Nein. Wir haben unsere damals gesteckten Umweltziele erreicht. Neben der Senkung der CO2-Emissionen hatten wir vor allem die Reduktion der Stickoxide und Ammoniak-Emissionen im Fokus. Diese seinerzeit neu gesetzten, tieferen Grenzwerte der 17. Bundesimmissionsschutzverordnung können wir sicher einhalten.
Der WWF räumt immerhin ein, dass der Betrieb in Burglengenfeld seinen CO2-Ausstoß innerhalb eines Jahres (von 2021 auf 2022) um 16 Prozent gesenkt habe. Wie ist das gelungen?
Reindl: Wir haben unsere Prozesse optimiert und setzen zudem nach und nach auf Zemente, die einen niedrigeren CO2-Footprint haben.
Bitte erklären Sie uns das genauer.
Reindl: Um CO2 einzusparen, gibt es drei technische Hebel: Erstens eine weitere deutliche Erhöhung des Anteils alternativer Brennstoffe in der Klinkerherstellung, zweitens die Steigerung der Energieeffizienz in der gesamten Produktion und drittens die Senkung des Klinkeranteils am Zement. Während die ersten beiden Hebel auf die energiebedingten Emissionen zielen, mindert ein geringerer Klinkeranteil am Zement die spezifischen prozessbedingten Emissionen.
Die Energiepreise bereiten auch den Managern des Baustoffriesen Heidelberg Materials Sorgen. Lesen Sie dazu: Das Burglengenfelder Zementwerk trotzt der Krise
Dominik von Achten, Vorstandsvorsitzender von Heidelberg Materials, kündigt auf der Internetseite des Konzerns vollmundig an, bereits ab 2024 werde „in großem Maßstab“ CO2-freier Zement angeboten. Wie soll das gelingen?
Reindl: Wir arbeiten an verschiedenen Lösungswegen und wollen bereits in dieser Dekade die Weichen stellen, um in Zukunft klimaneutrales Bauen mit Beton zu ermöglichen. Deshalb erproben wir Produktionsverfahren, bei denen das prozessbedingt anfallende CO2 dauerhaft genutzt oder gespeichert wird – Methoden, die als Carbon Capture and Usage (CCU) und Carbon Capture and Storage (CCS) bezeichnet werden. Daneben ist die Entwicklung CO2-freier Bindemittel ebenso Teil der Forschungsagenda wie das Betonrecycling und eine Einbindung in die Wasserstoffwirtschaft der Zukunft.
Von welcher Methode versprechen Sie sich am meisten?
Reindl: Der größte Hebel liegt derzeit bei der Abscheidung von CO2. Aktuell nehmen wir beispielsweise eine Abscheideanlage für CO2 in unserem Werk in Brevik (Norwegen) in Betrieb. Sobald diese läuft, wird dort Zement hergestellt, der in seiner Herstellung keine CO2-Emissionen verursacht hat. Ähnliche Technik wird weltweit bereits an mehreren Standorten erprobt.
Und was ist mit Deutschland?
Reindl: Auch in deutschen Werken von Heidelberg Materials gibt es diverse Ansätze, das CO2 abzuscheiden und entweder zu verwerten oder zu speichern. Der Konzern hat sich ehrgeizige, globale und wissenschaftlich überprüfbare Klimaschutzziele gesetzt, die alle Emissionen entlang der Herstellkette vermindern – also auch die prozessbedingten. Langfristziel als Technologieführer im Baustoffsektor ist es, Beton zu einem komplett CO2-neutralen Baustoff zu machen.
Eine ketzerische Idee, den CO2-Ausstoß zu drosseln, wäre auch: die Einschränkung der Produktion. Welche Folgen hätte das?
Reindl: Das ist kein Lösung, da Zement ein Massenprodukt ist, das aus lokalen Ressourcen entsteht und lokal benötigt wird. Zement zum Beispiel aus Asien zu importieren, ist in zweierlei Hinsicht nicht zielführend. Zum einen ist die Thematik der CO2-Reduktion dort nicht im Fokus, so dass man nach wie vor fossile Brennstoffe und keine Ersatzbrennstoffe mit hohem Biomasseanteil einsetzt. Zum anderen verursacht der Transport zusätzlich eine Menge an CO2-Emissionen. Die Bilanz wäre also deutlich schlechter und würde die globale Problematik der CO2-Emissionen nicht lösen.
Ein gutes Stichwort, der Transport. Seit Jahren berichtet unsere Zeitung, dass das Zementwerk täglich (nur) einen Zug auf die Reise schickt. Die Gründe sind bekannt: Lkw sind billiger und Endkunden verfügen nicht über die nötigen Umladestationen. Lässt sich daran wirklich nichts ändern? Oder fehlt es nur am Willen?
Reindl: Der Wille einiger Kunden ist längst da, sonst würden wir aktuell nicht bereits Zement per Zug transportieren. Allerdings haben die wenigsten Kunden die technischen Voraussetzung für den Bahntransport. Hier gibt es bei der Bahn sicher noch Luft nach oben.