Junger Regensburger klärt auf: Der lange Weg vom Zappelphilipp zu ADHS

Der Regensburger Teenager Marcus spricht über den „Sturm im Kopf“, mit dem er seit der Grundschulzeit zu kämpfen hat. Dass AD(H)S nicht nach der Pubertät aufhört, weiß Herbert H. Doch er weiß auch, wie er seine turbulenten Gedankensprünge heute beruflich nutzen kann. Eine Fachtagung in Abensberg (Landkreis Kelheim) widmet sich der schwierigen Diagnostik.
Wird der 16-jährige Marcus gefragt, wie sich AD(H)S – das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom – anfühlt, dann beschreibt es der gebürtige Regensburger als „Sturm im Kopf“. Ein Durcheinander in den Gedanken, das durch eine Störung im Selbstmanagement des Gehirns ausgelöst wird. Der 33-jährige Herbert H. wurde in seiner Kindheit als „Zappel-Philipp“ abgetan. Er hat als Erwachsener eigene Strategien entwickelt, um seine Anpassungsschwierigkeiten zu kanalisieren. Denn AD(H)S verschwindet nicht einfach nach der Pubertät.
Weltweit etwa fünf Prozent Betroffene
Eine Fachtagung im Berufsbildungswerk (BBW) St. Franziskus in Abensberg widmet sich am 1. April unter dem Titel „AD(H)S – vergessen, verborgen, verwechselt?“ den Herausforderungen bei der Diagnostik und stellt Strategien und Therapieoptionen vor. Denn „ein deutlicher Anteil“ der in der niederbayerischen Bildungseinrichtung betreuten jungen Menschen ist davon betroffen, wie Gesamtleiter Frank Baumgartner sagt.
Weltweit wird der Anteil der Menschen mit AD(H)S auf etwa fünf Prozent geschätzt, beim männlichen Geschlecht tritt die Verhaltensauffälligkeit häufiger auf. Und bis heute ist der Weg hin zu einer gesicherten Diagnose oft langwierig. Was dazu führt, dass die Kinder aufgrund ihres Wesens ausgegrenzt und abgestempelt werden.
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Bei Marcus wurde die Diagnose bereits am Ende des ersten Schuljahres gestellt. Vor allem auch deshalb, weil seine Mutter wegen des auffälligen Verhaltens des Jungen rasch handelte. Der Erstklässler hatte Konzentrationsprobleme, unterbrach ständig seine Mitschüler, wurde aufgrund seiner Art auch schnell zum Mobbingopfer.
„Aufgrund meines Verhaltens empfahl meine damalige Schule, dass ich für eine Förderschule geeigneter bin – dass ich in eine Förderschule für behinderte Menschen muss“, erinnert sich der 16-Jährige. Dennoch sei die Diagnose AD(H)S auch eine Erleichterung gewesen. „Weil meine Mama nun verstand, warum ich so bin, wie ich bin.“ Und sie habe immer zu ihm gehalten, betont der Jugendliche.
Marcus wechselte an das Pater-Rupert-Mayer-Zentrum in Regensburg. Dort habe sich sein Verhalten im schulischen Alltag deutlich verbessert, sagt er. Die Auswirkungen der Verhaltensstörung spürt er aber bis heute. Merkfähigkeit und Konzentration sind weiterhin Bereiche, in denen er kämpfen muss.
Doch inzwischen weiß er auch die Stärken der Krankheit zu nutzen. Denn der 16-Jährige hat viel Energie und Tatendrang, die er nun in seine Ausbildung als Koch im Berufsbildungswerk Abensberg einbringt. Dabei helfen ihm sein Handy, um Anweisungen zu notieren, und ein Medikament, das ihm hilft klarer zu denken und sich besser zu konzentrieren. Und er hat inzwischen auch ein festes Ziel vor Augen: „Eines Tages will ich Chefkoch in einem renommierten Restaurant sein.“ Die Unterstützung seiner Familie und sein Glaube an sich selbst helfen ihm auf seinem Weg , sagt er.
„Ich denke anders und oft unkonventioneller“
Auch der 33-jährige Herbert H. kann seiner Diagnose heute Positives abgewinnen: „Ich denke anders und oft unkonventioneller. Dadurch entstehen großartige Ideen!“, sagt der Kaufmann für Digitalisierung. Auch H. hat einen langen Weg hinter sich. „Ich war ein Zappelphilipp, habe während des Schulunterrichts aus dem Fenster gestarrt und war oft gelangweilt“, erzählt er. Fußball interessierte ihn zwar, doch die Regeln verstand er nicht, was zu Konflikten mit anderen Kindern führte.
1999 kam die Diagnose, doch die Ärzte seien damals auf diesem Gebiet noch wenig geschult gewesen und hätten kaum Therapieangebote machen können. Mit Logopädie, Ergotherapie und Psychotherapie bekam er seine Probleme schließlich besser in den Griff. Eine medikamentöse Therapie habe dagegen alles verschlimmert. Heute nimmt H. Medikamente nur in Ausnahmefällen ein.
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Mit Atem- und Entspannungstechniken sowie Sport hat er Strategien zum Runterkommen entwickelt. Dennoch kämpft H. mit Problemen, etwa in Sachen Zeitmanagement. „Wenn mich ein Thema begeistert, verausgabe ich mich total. Ich verliere das Zeitgefühl, bin hyperfokussiert und überschreite mein Energielevel.“ Zudem fordert ihn seine Impulsivität heraus.
H. würde sich wünschen, dass AD(H)S auch im Erwachsenenalter als Krankheit akzeptiert wird. „Es ist keine Behinderung, die man ausnutzt, sondern eine lebenslange Herausforderung. Aber mit den richtigen Techniken kann man lernen, damit umzugehen.“