Eltern eines ADHS-Kindes (8) klagen: Schulbegleitung fällt Sparzwang zum Opfer

Von Christian Eckl · 22. Juli 2024 um 17:00

Das Jugendamt im Landkreis Regensburg reduziert laut Träger drastisch die Stundenzahlen für Schul- und Familienbegleiter. Ein Vater beklagt, dass sein betroffenes Kind unter der Situation leiden müsste. Doch die Kosten laufen aus dem Ruder. Über ein Dilemma, das sich schwer auflösen lässt.

Der kleine Lukas (Name geändert) besucht eine Förderschule im Landkreis Regensburg. Bisher mit Schulbegleiter. Doch der wurde nun bis auf wenige Stunden in der Woche vom Jugendamt weggekürzt. Sein Vater sagt: „Wir verstehen, dass die finanziellen Mittel begrenzt sind und Lehrer sich heute mit anderen Aufgaben auseinandersetzen müssen als noch in meiner Kindheit.“ Doch was er nicht versteht: Die Ausgaben für die Schulbegleitungen werden im Landkreis derzeit massiv gekürzt. Das bringt die Anbieter von Schulbegleitung auf die Barrikaden – aber auch Eltern.

Das Landratsamt sagt: „Das Kreisjugendamt hat sich zum Ziel gesetzt, vermehrt die Elternverantwortung zu stärken“, so ein Sprecher. Und weiter: „Um langfristigere Veränderungen im Familiensystem zu erzielen, sollten die Hilfen zur Erziehung und die Eingliederungshilfen nicht inflationär eingesetzt werden, sondern passgenau und damit an der Ursache des Problems angesetzt werden.“

Verband ist alarmiert

In der Regel werden die Schul- und Familienbegleiter von privaten oder kirchlichen Trägern bereitgestellt. Für körperlich behinderte Kinder ist der Bezirk zuständig. Für seelische Behinderungen aber wie etwa das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADHS) ist der Landkreis zuständig. Das Problem: Der Begriff seelische Behinderung ist schwer greifbar. Einer der Träger sagt, er habe im Mai vergangenen Jahres noch Schulbegleitungen über mehr als 4200 Stunden geleistet, die vom Landratsamt angefordert wurden. Im Mai 2024 waren es nur noch knapp 3000. Das Landratsamt nennt auf Anfrage keine Zahlen, doch auch die anderen Träger bestätigen: „Die Anfragen bleiben aus.“ Neueinstellungen würden abgesagt, zwei Mitarbeiter eines Trägers warteten seit drei Monaten auf Aufträge.

Zwischenzeitlich hat sich der Dachverband der Kinder- und Jugendhilfe Bayern eingeschaltet: „Die aktuelle Lage der Kinder- und Jugendhilfe im Landkreis Regensburg bereitet uns große Sorgen“, heißt es in einem Schreiben. Bisher gingen bei den Trägern in der Woche zwei bis fünf Anfragen für Schulbegleiter ein. Derzeit gebe es aber fast gar keine Nachfrage vom Jugendamt. Dabei würden Therapeuten und Schulen rückmelden, dass „der Hilfebedarf in der Bevölkerung aktuell größer sei als je zuvor“. Doch nicht Schulen oder Therapeuten können Schulbegleiter genehmigen. Genehmigungsbehörde ist der Landkreis beziehungsweise das Jugendamt. Und das muss jeden Fall individuell prüfen.

Landratsamt: „Ressourcen begrenzt“

Die Kinder- und Jugendhilfe im Landratsamt gibt an, man habe als Ziel, so viel Hilfe zu leisten, dass die „eigentlich verantwortlichen Stellen und Personen“ – also Schule und Eltern – wieder fähig sind, „selbstwirksam agieren zu können“. Die Ressourcen seien begrenzt, „gerade auch in personeller Hinsicht, was Fachkräfte im Jugendamt, aber auch bei den Trägern betrifft“, heißt es aus dem Landratsamt. Zudem habe der stetig gestiegene Bedarf an Schulbegleitern dazu geführt, „dass immer häufiger einzelne Klassen mit mehreren Schulbegleitungen ausgestattet wurden“.

Diese Entwicklung erscheint dem Kreisjugendamt Regensburg „nicht sinnhaft, weswegen bei tatsächlich ursächlich vorhandenem Bedarf einer Schulbegleitung vermehrt auf Pool-Lösungen, unter anderem mit anderen Kostenträgern zurückgegriffen werden soll“.

Vater ist frustriert

„Unser Sohn hatte im ersten Schuljahr eine Schulbegleitung, die er sich mit einem anderen Kind teilen musste. Die Schulbegleitung war offensichtlich überfordert“, so Lukas Vater. Dann bekam er eine eigene Schulbegleitung. Die Ergebnisse seien hervorragend. Doch jetzt kam die Mitteilung, dass nur noch wenige Stunden für Lukas gewährt werden. „Wir wären auch für eine Zuzahlung bereit“, sagt der Vater, „diese Möglichkeit gibt es leider nicht“.

KOMMENTARHilfe – aber bitte für alle!

An Kindern sparen ist der falsche Weg. Wahr ist aber: Die Schule kann die immer größer werdenden gesellschaftlichen Probleme und die im Elternhaus nicht abfangen. Schulbegleitungen sind wichtig. Doch das System hat sich falsch entwickelt. Es kann nicht sein, dass der Individualanspruch große personelle und finanzielle Ressourcen bindet, das aber anderen Schülern nicht zugute kommt. Andere Landkreise wie Dachau haben ein Poolsystem für Schulbegleiter eingeführt. Das Problem dabei ist: Alle betroffenen Eltern, deren Kinder einen Anspruch auf Schulbegleitung haben, müssten zustimmen. Genau das wäre auch für den Landkreis Regensburg, der die Stundenzahl zu reduzieren versucht, genau der richtige Weg: Mehr Hilfe – aber für alle!