„Klatschen für die Pflege reicht nicht“ – Proteste am Regensburger Bezirksklinikum

Am Regensburger Bezirksklinikum fehlt es massiv an Personal. Selbst die Klinikleitung fordert mehr Lohn für die Pflegekräfte, denn vom Applaus der Pandemie sei nicht viel übriggeblieben.
Viel übriggeblieben von dem Applaus aus der Corona-Zeit ist nicht, sagt Kerstin Schönsteiner. Die Stationsleiterin der zentralen Notaufnahme im Bezirksklinikum schildert im Gespräch einen Pflegenotstand, der sie und ihre Mitarbeiter regelmäßig an die Grenzen der Leistungsfähigkeit bringt. „Ich fühle mich von meinem Arbeitgeber gut behandelt, aber von der Politik im Stich gelassen“, sagt die Fachpflegekraft. Nicht die medbo sei das Problem, also die Medizinischen Einrichtungen des Bezirks Oberpfalz, wie der Arbeitgeber von 3650 Pflegekräften und Ärzten in der gesamten Oberpfalz heißt. „Corona hat ans Licht gebracht, wie schlimm die Zustände in der Pflege sind“, sagt Schönsteiner. „Wir waren vorher schon am Limit. Doch durch die Pandemie sind noch mehr Pflegekräfte gegangen.“
1259 Unterschriften übergeben
Schönsteiner spricht stellvertretend für mindestens 1259 Pflegekräfte, die eine Resolution an die Leitung des Bezirksklinikums unterschrieben haben. Sie fordern darin neben 10,5 Prozent mehr Lohn, mindestens aber 500 Euro pro Pflegekraft, auch eine Dienstplangarantie. Denn Schönsteiner muss, genauso wie viele ihrer Stationsleiter-Kollegen, immer mehr Lücken schließen, etwa wenn Pflegekräfte erkranken. „Ich würde mir wünschen, dass es einen Pool gibt, aus dem wir Kräfte hinzuziehen können, wenn eine Lücke entsteht.“
Am Mittwoch nutzen zahlreiche Pflegekräfte die Mittagspause, um die 1259 Unterschriften an die Klinikleitung zu übergeben. Und schwups – waren es gleich 1261 Unterschriften. Denn auch der stellvertretende medizinischer Direktor des BKH, Peter Kreuzer, unterschrieb spontan sowie Konrad Wagner, der Leiter des Patienten- und Pflegemanagements bei der medbo. „Ich unterstütze diese Forderungen persönlich und auch in der Funktion als Stellvertreter der Klinikleitung“, sagte Kreuzer vor den versammelten Pflegekräften. „Ich bin der Meinung, dass Klatschen nicht ausreicht.“ Und auch der Pflegedienstleiter Wagner hat die Resolution unterschrieben: „Was hier in der Pflege geleistet wird, ist beeindruckend.“
Druck auf die Psyche
Eveline Kabas ist derzeit Gesamtpersonalrätin der medbo, also nicht nur für die Klinik in Regensburg zuständig. Aber sie arbeitete auch jahrelang als Pflegekraft in der Regensburger Jugendforensik. „Das kann man eigentlich nicht länger als drei Jahre machen auf dieser Station“, sagt Kabas. „Denn das geht an die psychische Grenze, was man aushalten kann.“
Auch Kabas sagt, mehr Geld für das Personal könne das Kernproblem nicht lösen. „Aber wir müssen doch dafür sorgen, dass nicht noch mehr Menschen aus der Pflege abwandern.“
In Regensburg seien die Kosten eben höher, zudem könnten Pflegekräfte im Schichtdienst kaum auf die öffentlichen Verkehrsmittel zurückgreifen, sondern müssten sich ein Auto leisten. Damit stehen die Pflegekräfte aber nicht alleine da – auch die Verkäuferin in den Arcaden muss hohe Lebensunterhaltskosten finanzieren.
Wenn die Pflegekräfte im Bezirkskrankenhaus mehr verdienen, dann müssen die Kommunen mehr dafür aufwenden. Sie können also im Zweifel weniger Geld für den Kindergarten ausgeben. Ernst Zierer ist seit 26 Jahren Personalrat bei der medbo. Er sagt: „Wir müssen uns schon überlegen, was uns eine gute pflegerische Versorgung gesellschaftlich wert ist.“
Die Belastungen des Berufs seien so groß, dass das Personal auf Dauer an der Grenze arbeitet. „Welche Pflegekraft ist denn in der Lage, diesen Beruf bis zum Renteneintrittsalter von 67 Jahren auszuüben“, fragt Kabas in die Runde. „So, wie es jetzt läuft, ist das ein Ding der Unmöglichkeit.“ Es müsse mehr Personal ausgebildet werden, aber an Auszubildenden fehlt es.
Eine große Belastung sei die Bürokratie, die immer überbordender werde, schildert Stationsleiterin Schönsteiner. „Wir müssen viel mehr Daten sammeln und immer intensiver abgleichen“, sagt sie. „Das wird auf die Pflege abgewälzt, aber es wäre viel sinnvoller, das von der Pflege zu trennen.“ Zudem führt die Überalterung der Gesellschaft auch dazu, dass die Patienten zusehends auch pflegebedürftig sind. „Der 30-Jährige, der wegen eines Blinddarmdurchbruchs operiert wird, der ist nicht das Problem“, sagt die Pflegefachkraft. „Es werden mehr Patienten, die eine sehr intensive Betreuung brauchen.“
Ein Problem im anspruchsvollen Bereich der Bezirkskliniken ist laut Schilderung von Ernst Zierer auch, dass diese in Konkurrenz zu Beratungsstellen wie Notfalltelefone stehen, „die gut mit Personal ausgestattet sind“. Mitarbeiter wanderten in der Pflege ab, um sich eher diesen Bereichen zuzuwenden, „die man dann auch mal im Homeoffice erledigen kann“.
Zuwanderung keine Lösung
Die Zuwanderung, die eine Lösung für den Fachkräftemangel sein soll, spielt im Pflegebereich an der medbo zumindest in der Ausbildung noch eine untergeordnete Rolle. Nach drei Jahren Ausbildung steigt eine Pflegekraft mit 2939 Euro brutto ein. Nachtschicht- und Wochenendzulagen kommen oben drauf. Andererseits steht die Frage: Was ist es uns wert, gut gepflegt zu werden?
Infokasten
Nur mehr Geld?
Forderungen:Rund 2,5 Millionen Menschen in Deutschland arbeiten im öffentlichen Dienst bei den Kommunen. Dazu gehören auch die Mitarbeiter bei der medbo, die das Bezirksklinikum betreibt. Die Gewerkschaften fordern 10,5 Prozent mehr Gehalt, mindestens aber 500 Euro mehr für die Mitarbeiter.
Kosten:Die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeber lehnt die Forderung als viel zu hoch ab. Die Verhandlungsführerin erklärte, ein solcher Abschluss würde zu Lasten aller Bürger gehen, die das am Ende bezahlen müssten – über Steuern und Gebühren.
