Mit VR-Brille und „Laserfokus“ gegen ADHS: Regensburger Start-up entwickelt innovative Therapie

VR-Brille auf, Konzentration rauf: Das Regensburger Start-up brainjo entwickelt zusammen mit dem Facebook-Konzern Meta eine ADHS-Therapie fürs Kinderzimmer. In einem Virtual-Reality-Abenteuer lernen die Patienten spielend, sich besser zu konzentrieren.
„Meine Eltern haben es nicht besser gewusst.“ Christian Gnerlichs Blick streift die weiße Virtual-Reality-Brille, die auf seinem Schreibtisch im ersten Stock der TechBase liegt. Er erinnert sich an Schlafstörungen und Appetitlosigkeit, berichtet von depressionsartigen Zuständen im Kindesalter. Ausgelöst hatte sie das ADHS-Medikament Methylphenidat. „Ich musste andere Wege finden, mit meiner Krankheit umzugehen“, erzählt der 28-Jährige.
Eine dieser Lösungen: Neurofeedback, eine Therapie, bei der Gehirnströme gemessen und von einem Computer in Echtzeit ausgewertet werden. Über Konditionierung lernen die meist jungen ADHS-Patienten in mehreren Sitzungen, willkürliche Gehirnaktivitäten zu kontrollieren. „Wenn man sich konzentriert, passiert etwas Cooles. Das hat mich so fasziniert, dass ich es später selber angeboten habe“, berichtet Gnerlich.
Regensburger Start-up brainjo entwickelt ADHS-Therapie – mit Samurais und „Laserfokus“
Über 100 Patienten hat der in Amberg aufgewachsene Wirtschaftsingenieur in den zurückliegenden Jahren betreut. Heute lebt er in Regensburg und will mit seinem Start-up brainjo die Neurofeedback-Therapie vom Galgenberg aus direkt in die Kinderzimmer bringen – als Videospiel, mit VR-Brille, Samurais und „Laserfokus“. „Die Kinder sollen gar nicht merken, dass sie gerade eine Therapie machen. Trotzdem wird Wissen vermittelt.“
So sollen die Patienten in das Spiel eintauchen: Die Menschheit hat angesichts von Klimawandel, Krieg und Co. erkannt, wie drängend die Probleme dieser Zeit sind. Es braucht „krasse Denker“, doch die sind rar. Alle starren nur noch auf ihr Smartphone. Der Spieler wird in die Vergangenheit gebeamt. Er trifft auf Philosophen und Samurai-Kämpfer. Sie lehren die hohe Kunst der Konzentration. Versetzt der Patient sein an Elektroden angestöpseltes Gehirn beim Spielen in den richtigen Zustand, lassen sich verschiedene Aufgaben lösen: Holzsammeln oder Brückenbauen zum Beispiel. Dabei – und das ist die Krux der Therapie – sollen die Kinder und Jugendlichen lernen, die Konzentration aus dem virtuellen Raum in den Alltag zu übertragen, beispielsweise bei Hausaufgaben. „Sonst wäre es nur ein Spiel.“ Auch eine begleitende App ist in Arbeit. Damit sollen Eltern oder Ärzte den Therapieverlauf einsehen können.
ADHS-Therapie mit der VR-Brille: „Auch mit Apple laufen Gespräche“
Seit einem knappen halben Jahr feilt das sechsköpfige Start-up an der Geschichte, der Therapie und der Technik, die dahintersteckt. Bei der Entwicklung bekommt das junge Unternehmen Unterstützung von einer ganzen Reihe an Professoren – aus Regensburg, Köln oder Santa Clara in Kalifornien. Zudem sind ein Medizintechnik-Unternehmen aus Österreich und der Facebook-Konzern Meta mit an Bord. Geht es nach Gnerlich, gesellt sich noch ein Investor dazu. „Auch mit Apple laufen Gespräche“, verrät er. Anfang Juni präsentierte der iPhone-Hersteller ein VR-Headset, das im kommenden Jahr auf den Markt kommen soll. „Virtual Reality dümpelte jahrelang vor sich hin. Jetzt ist er Punkt erreicht, auf den alle gewartet haben“, sagt Gnerlich.
Das Gesundheitssystem brauche angesichts des Fachkräftemangels digitale Lösungen, ist sich der 28-Jährige sicher. „Auf eine herkömmliche ADHS-Therapie wartet man ein halbes Jahr. Für unsere Lösung braucht es kein Personal.“ Und dass Ärzte während Neurofeedback-Sitzungen die Regler immer noch händisch nach oben und unten schieben müssen, mache in Zeiten von ChatGPT und Künstlicher Intelligenz keinen Sinn mehr, findet Gnerlich.
Virtuelle Neurofeedback-Sitzungen von brainjo: Krankenkasse soll ADHS-Therapie zahlen
Das Ziel des Start-ups ist die Zulassung der Therapie als sogenannte DIGA, als digitale Gesundheitsanwendung. „Man kann sich in Deutschland tatsächlich Apps verschreiben lassen“, sagt Gnerlich. Mit einem Rezept übernehmen Krankenkassen die Kosten der mehrmonatigen Behandlung, die rund 1500 Euro kosten soll.
Der nächste Schritt auf dem Weg zur Marktreife: eine Studie, die zusammen mit der Uni Regensburg oder der Technischen Universität München veröffentlicht werden soll. Dafür werden 30 Probanden, also ADHS-Kinder, in der Region gesucht. Einer testet das System schon ausgiebig: „Erst gestern habe ich mit der VR-Brille meditiert“, erzählt Gnerlich.

