So fühlt sich eine Depression an: Ungewöhnliche Aktion für junge Regensburger

Mit der Virtual-Reality-Brille tauchen Studierende der OTH ins Gehirn einer Erkrankten ein. Der frühere Nationaltorwart Robert Enke litt an einer starken Depression. Die nach ihm benannte Stiftung will für die Volkskrankheit sensibilisieren.
Das Apartment wirkt gemütlich. Doch auf den zweiten Blick sieht man, dass seit Tagen nicht mehr aufgeräumt worden ist. Auf dem Tisch verteilt sich gebrauchtes Geschirr, Kleidung und eine Tasche liegen herum, der Laptop läuft. Plötzlich hört man die trostlosen Gedanken einer jungen Frau. Sie ist erschöpft und tieftraurig, fühlt sich wertlos, und verschiebt das Aufstehen immer weiter. Ihre Gedanken sind wie ein dunkler Tunnel, aus dem sie nicht entrinnen kann.
Mit einer Virtual-Reality-Brille können Studierende und Beschäftigte der OTH Regensburg in die Psyche von Menschen eintauchen, die an einer Depression leiden. Elena Paumer hat es am Dienstag ausprobiert. „Was mich sehr bedrückt hat, war der lange, dunkle Gang“, sagt die 26-Jährige. „Ich hätte mir gewünscht, dass jemand kommt und mir in dieser Situation hilft.“
Getrübte Grundstimmung
KISS, die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe, hat das renommierte Aufklärungsprojekt „Impression Depression“ der Robert-Enke-Stiftung für zwei Tage nach Regensburg geholt. Der frühere Nationaltorwart war depressiv und hat sich im November 2009 mit 32 Jahren das Leben genommen. Seine schwer herzkranke Tochter Lara (2) war 2006 gestorben. Witwe Teresa Enke gründete die Stiftung, die über Depression und Kinder-Herzkrankheiten aufklärt.
Im Studierendenhaus der OTH führte Psychologiestudent Ricardo Bothor von der Stiftung in die VR-Erfahrung ein. Jeder fünfte Deutsche leidet demnach mindestens einmal im Leben an einer Depression. Bis zu 5,3 Millionen sind jährlich betroffen. Im Schnitt fallen sie im Beruf 64 Tage aus.
Bothor beschrieb die Hauptsymptome: Innere Leere, getrübte Stimmung, Fehlen von Gefühlen und Antrieb, Verlust von Interessen. Nebensymptome sind verminderte Konzentration, weniger Selbstvertrauen, ein Gefühl von Wertlosigkeit, Pessimismus, Suizidgedanken und Schlafstörungen.
Ziel des Projekts „Impression Depression“ ist, die Teilnehmer für die Krankheit zu sensibilisieren und Verständnis zu wecken. Mitveranstalter waren die Servicestelle Gleichstellung und die Studierendenvertretung der OTH.
Elena Paumer, die International Relations and Management studiert, nimmt aus der VR-Erfahrung mit, dass sie künftig mehr für andere da sein wird. „Ich will zuhören, offen sein, um helfen zu können.“ Mentale Gesundheit sei leider immer noch ein Tabuthema.
Annette Meussling-Sentpali, Professorin für Pflegewissenschaft, tauchte ebenfalls mit der VR-Brille in die Psyche einer Erkrankten ein. Sie begrüßte die zweitägige Aktion. „Wir beobachten, dass die Belastung der Studierenden durch Corona und andere Faktoren in den letzten Jahren enorm zugenommen hat.“
Veronika Zeichinger war froh, als sie die Brille wieder absetzen durfte. „Die Situation in der Wohnung war noch nicht so bedrückend, aber der endlose, dunkle Gang“, sagt die 37-Jährige. Bei rund fünf Millionen Betroffenen im Jahr kenne wohl jeder in der Familie oder im Freundeskreis jemanden mit Depression.
Sport, gute Ernährung, Schlaf
Die Enttabuisierung des Themas sei wichtig. Während und nach der Pandemie erhielt KISS viele Anfragen von Depressiven. Wir haben sie durch den Dschungel der Hilfen gelotst“, sagt Zeichinger.
Erster Ansprechpartner ist der Hausarzt. Behandelt wird eine Depression meist mit einer Psychotherapie und Medikamenten, in der Klinik oder ambulant.
Anmelden können sich Erkrankte auch in der Sprechstunde der Psychiatrischen Institutsambulanz des medbo-Bezirksklinikums. Für eine Psychotherapie benötigt man die Diagnose.
Zur Vorbeugung können laut Robert-Enke-Stiftung regelmäßiger Sport, gesunde Ernährung, ein unterstützendes Umfeld, ausreichender Schlaf und ein strukturierter Tagesablauf beitragen.
medbo behandelt jährlich 4500 Patienten mit Depression
Patienten:Durchschnittlich 4500 Patienten im Jahr sind bei der medbo wegen Depression in stationärer, teilambulanter und ambulanter Behandlung. An die medbo wendet sich nur ein Teil der Patienten. medbo, das sind die medizinischen Einrichtungen des Bezirks Oberpfalz, darunter das Regensburger Bezirksklinikum. Weitere Anlaufstationen sind die niedergelassenen Psychiater und Psychotherapeuten.
Anzeichen:Müdigkeit, Antriebsmangel und Schlafstörungen können erste Anzeichen für eine beginnende Depression sein, sagt Pressesprecherin Lissy Höller von der medbo Regensburg.Ausblick:Eine Zunahme von Depressionen ist in den letzten Jahren laut medbo nicht zu verzeichnen. Es sei aber davon auszugehen, dass mit zunehmender Alterung der Bevölkerung Depressionen zunehmen.

