Kammerwagen und Hochzeitslader: So wurde früher im Bayerwald geheiratet

Von Georg Fleischmann · 21. März 2025 um 05:00

Eine richtige Bauernhochzeit im Bayerwald bedurfte einer langen Vorbereitungszeit – nicht nur für das Brautpaar. Das Ereignis wurde vom ganzen Dorf gefeiert. Für das Gelingen des Festes unverzichtbar war in früheren Zeiten der Hochzeitslader, der vom „Andingen“ an eine besondere Rolle spielte.

Heiraten und Hochzeit machen, wo könnte dies jemals schöner gewesen sein als in den bayerischen Landen mit der großen Fülle an altem Brauchtum und bodenständigem Humor. Gar urig ging es früher her bei den großen Bauernhochzeiten, an denen immer die ganze Dorfbevölkerung und darüber hinaus teilnahm. 100 bis 200 Personen waren allemal dazu eingeladen – und alle kamen.

Die Hochzeitsfeier war ja immer der Höhepunkt einer sehr langen Vorbereitungszeit, die dazu notwendig war. Früher noch viel mehr als heutzutage, freute man sich auf ein solches Fest schon Wochen, ja Monate im Voraus. Nicht nur, weil es immer lustig zuging und es gutes Essen gab, sondern, weil alle Verwandten und Bekannten sich wieder einmal trafen und guter Dinge waren. Die Brautleute standen oft gar nicht so im Mittelpunkt, sondern man freute sich einfach auf den Hochzeitsschmaus und auf das Bier, das in vollen Zügen dabei genossen wurde.

Wenn zwei junge Leute sich liebten und dies „lautmarig“ (bekannt) wurde, so wurden bald strenge Blick auf sie gerichtet, vor allem in sittlicher Hinsicht. Wurde dann bekannt, dass sie heiraten wollen, dann ging dies wie ein Lauffeuer durch das ganze Dorf. Mit dem Bestellen des Aufgebotes begann für das Brautpaar ein schwerer Weg. Mit einer Hochzeit wollten schon immer manche Leute Geld verdienen. Zu denen gehörten der Wirt, die Musikanten und der Hochzeitslader. Und da es derer viele gab, wurde das Brautpaar reichlich umworben, um ins Geschäft zu kommen, wie man dazu sagte.

Feier wurde „angedingt“

Hatte man sich entschieden, wer die Hochzeit ausrichten darf und wann sie ist, wurde diese „angedingt“. Das heißt, es wurden alle Einzelheiten besprochen. Dazu versammelten sich immer das Brautpaar und alle wichtigen Personen mit Musiker und Hochzeitslader beim Wirt, wo die Hochzeit stattfinden sollte. Dabei gab es immer ein vorhochzeitliches Essen mit Freibier, das der Wirt spendierte.

Gäste mussten das Mahl selber zahlen

Der Ablauf der Hochzeit wurde nun in allen Einzelheiten besprochen. Immer im Mittelpunkt stand dabei das Hochzeitsmahl, denn kein Brautpaar wollte sich „lumpen lassen“. Auch das Mahlgeld wurde ausgehandelt, denn früher mussten die Gäste ihr Essen selber bezahlen. Hart ging es oft mit dem Wirt zu, wenn der Bräutigam noch eine Handvoll „Blecherl“ (Biermarken) für Freibier wollte.

Auch mit dem Musiker wurde verhandelt und ein pauschaler Preis ausgemacht. Dasselbe galt für den Hochzeitslader. Dieser bekam dann noch einen langen Zettel mit den Namen der Gäste überreicht, die zur Hochzeit geladen werden sollen und die manchmal über mehrere Landkreise verstreut waren. Vom „Andingen“ bis zur Hochzeit vergingen noch zwei bis drei Wochen. Die meiste Arbeit hatte natürlich in dieser Zeit der Hochzeitslader. Dieser war tagelang unterwegs, früher immer zu Fuß, um die Gäste einzuladen. Von weitem hatte man ihn schon erkannt mit seinem Stecken an dem viele bunte Schleifen flatterten.

Hochzeitsstrauß kam an die Tür

Diese Hochzeitsschleifen musste die Braut besorgen. Es waren die Farben rot, blau, weiß und grün. Gelb durfte beileibe nicht dabei sein, da diese Farbe Eifersucht bedeutete. Der Hochzeitslader wurde überall gerne willkommen geheißen. Beim Eintritt in die Stube blieb er immer an der Tür stehen und überbrachte in Versform seine Einladung. Anschließend malte er mit weißer Kreide den Hochzeitsstrauß an die Tür, dazu kamen noch das Datum der Hochzeit und die Höhe des Mahlgeldes. Wurde der Gast als Ehrengast geladen, wurde dies dazu geschrieben, ebenso, wenn Braut oder Bräutigam aus dem Elternhaus auszogen.

Besonders „gefährlich“ für einen Hochzeitslader wurde es, wenn er einen Wirt einladen musste. Da zu früheren Zeiten immer ein paar „Saufbrüder“ im Wirtshaus saßen, ließen diese nichts unversucht, den Hochzeitslader zu Freibier oder Schnäpsen zu überreden. Gelang ihnen dies, so vergaß der Hochzeitslader an diesem Tag meistens seine Arbeit.

Der Hochzeitstag kam nun immer näher. Nachdem der Kammerwagen gefahren war und die Heiratskuh im neuen Stall stand, waren es nur mehr wenige Tage. Hochzeit gefeiert wurde früher immer montags, dienstags oder mittwochs. Selten am Donnerstag und nie am Freitag oder Samstag. Gegen den Samstag waren vor allem die Pfarrer, die befürchteten, dass so mancher Hochzeitsgast am Sonntag lieber seinen Rausch ausschlafen könnte als in die Kirche zu gehen.

In Einzelfällen ist es auch passiert, dass die Hochzeit einige Tag vor dem Termin abgesagt wurde. Die Liebe reichte hier nicht für ein bindendes Wort. Sowas war immer sehr peinlich, da diese Absage nicht mehr allen geladenen Gästen mitgeteilt werden konnte und diese dann pünktlich zur Hochzeit erschienen.

Eine richtige Bauernhochzeit begann immer schon am frühen Morgen – und da gab es manchmal für den Bräutigam oder die Braut eine gar böse Überraschung. Waren frühere anderweitige Liebesbeziehungen mit oder ohne Folgen bekannt geworden, so wurden in der Nacht vor der Hochzeit Sägespäne gestreut und „Dodermandln“ (undefinierbare Puppen) aufgestellt.

Hochzeiter auf der Lauer

Hochzeiter mit schlechtem Gewissen sollen in dieser Nacht immer auf der Lauer nach möglichen Übeltätern gelegen haben. Am Hochzeitsmorgen wurden dann die Hochzeitsgäste im Dorf und aus der näheren Umgebung mit Musik zusammen geholt. Die ankommenden Gäste bekamen einen nach Myrte oder Rosmarin wohlriechenden kleinen Zweig an die Kleidung geheftet, was meistens eine Aufgabe der Näherin war, die das Brautkleid gefertigt hatte.

Unter der Regie des Hochzeitladers begab man sich dann zum Haus der Eltern des Brautpaares, wenn diese am gleichen Ort wohnten. Ein trauriger und bewegter Augenblick war immer, wenn Braut oder Bräutigam vom Elternhaus Abschied nahmen. Der Hochzeitslader hatte hier immer einen gefühlvollen Spruch parat, den er vortrug. Braut oder Bräutigam knieten sich nieder und baten um den elterlichen Segen, der mit Weihwasser bekräftigt wurde.

Bei diesem Vorgang blieb selten ein Auge trocken. Doch bald herrschte wieder Hochzeitsstimmung, und mit flotter Marschmusik ging es weiter zum Gasthaus wo die Gaglhenn (Frühstück) eingenommen wurde. Die Gaglhenn war eine Fleischsuppe mit gekochten Schweinswürsten, die schon in kurze Stücke geschnitten waren. Dazu gab es frisches Weckenbrot und natürlich Bier. Nach der Gaglhenn wurde es wieder ernst bei den Hochzeitsleuten. Es folgte der Kirchenzug, an dem sich alle Hochzeitsgäste beteiligten.

Es gab früher kaum einen Garten im Dorf, in dem keine Rosmarin- oder Myrtensträucher gepflanzt und gepflegt wurden. Besonders zu Hochzeiten wurden die würzig riechenden Zweige abgeschnitten und den Gästen an die Kleidung geheftet, was meistens eine Aufgabe der Schneiderin war, die das Brautkleid der Braut nähen durfte. Foto: Fleischmann