Die kleinen Freuden in den großen Ferien: Nach der langen Erntearbeit ging es in den Dorfweiher

Noch gibt es sie, die Ferien – genau so wie früher. Die großen Ferien, sie beginnen mitten im Sommer und dauern fast bis zum Herbst, sind die schönsten.. Von Ferien – wie sie die Kinder heute erleben – konnten also die Kinder früherer Zeiten nicht einmal träumen.
Heutzutage hat jedes Kind längst seinen Ferienplan, und man will hinaus in die weite Welt, mit den Eltern und Freunden und sich ein bisschen andere Länder anschauen. Die Ferienziele sind oft fern der Heimat, und oft sind es auch nur Träume, die nicht verwirklicht werden können. Da hatten es die Eltern der heutigen Kinder etwas leichter bei der Ferienwahl. Meistens gab es gar keine große Ferienfreude, nur kleine, die auch in den großen Ferien schöner waren als in den kleinen.
Von Ferien – wie sie die Kinder heute erleben – konnten also die Kinder früherer Zeiten nicht einmal träumen. Nicht einmal zu Hause spürte man die Ferien so richtig, da man schon als kleiner Spross bei der täglichen Arbeit so richtig zulangen musste.
Wenn man noch dazu ein Ministrant war, wie der Schreiber dieser Zeilen, musste man genau so früh aufstehen wie an Schultagen, es sei denn, der Herr Pfarrer war auch im Urlaub. Meistens kam aber dafür ein anderer „Herr“, der den Pfarrer vertreten hat und so blieb alles beim Alten.
Nach der täglichen Frühmesse ging es während der Erntezeit gleich hinaus auf das Feld zum Getreidemähen oder auch Schneiden, was mit der Sichel
geschah. Das Abernten der Äcker dauerte damals lange. Zur Zeit des Krieges waren hauptsächlich nur Frauen und Kinder mit dieser Arbeit beschäftigt und oftmals halfen auch noch Großvater und Großmutter mit.
Kinder stellten Mandln auf
Dabei musste man als kleiner Bub schon allerhand Arbeit verrichten. Es mussten die Garben in eine Reihe gelegt und wenn mehrere Kinder auf dem Feld waren mussten auch gleich die Mandln aufgestellt werden. War dies geschehen, wurden sie gezählt, denn man wollte ja wissen wie viel man gearbeitet hat.
Hörte man vom nahen Kirchturm dann das „Elf-Uhr-Läuten“ dann war e s höchste Zeit, die Arbeit zu beenden. Und dann gab es immer noch einen spannenden Augenblick, besonders für die Mutter. War die Post schon da, oder steckte bereits ein Feldpostbrief vom Vater schon zwischen Türstock und Haustür.
Nach einer kurzen Mittagszeit ging es wieder hinaus auf das Feld. Bei sengender Sommerhitze begann nun wieder die schwere Arbeit. Die Frauen trugen dabei „weiße Sonnentücher“ um den Kopf, um die Hitze etwas abzuhalten. Wir Kinder mussten wieder Garben sammeln und Mandln aufstellen, doch hatten wir zwischendurch auch Zeit, Jagd auf die großen Heuschrecken zu machen, die überall auf den Halmen umherhüpften.
Dazu hatte man bereits eine Schachtel mit Löchern bereit, wo sie eingesperrt wurden. Dann kam die Zeit zum Brotzeit machen. Zum selbst gemachten Hausgetränk gab es meistens trockenes Brot, manchmal auch mit Butter. Mit der Brotzeit nahm man es während der Erntetage sehr genau. Punkt drei Uhr wurde die Arbeit unterbrochen, und auf jedem Feld saßen nun die Erntearbeiter in kleinen Grüppchen an einer schattigen Stelle zusammen.
Manchmal gab es auch Bier, eine Halbe für zwei oder drei Personen, mehr nicht. Das Bier mussten die Kinder mit einer Krugel (Krug) vom Dorfwirt holen, der an diesen Tagen pünktlich um drei Uhr ein Fass im kühlen Bierkeller anzapfte, extra für die „Arnleute“. Das harte Tagewerk dauerte dann noch bis gegen Abend, und dann wurden wieder die Kornmandln gezählt die in einer langen Reihe auf dem Feld standen. In diesem Rhythmus verging nun ein Ferientag nach dem andern.
Etwa vier Wochen dauerte damals die Ernte, angefangen vom Roggen bis hin zum Hafer, und dazwischen kam auch noch die zweite Heuernte (Grummet), bei der die Kinder ebenfalls von früh bis zum späten Abend mithelfen mussten.
Ferienspaß gab es in dieser Zeit wenig, außer man ging abends noch schnell baden, wozu ein kleiner Badeweiher inmitten einer großen Wiese zur Verfügung stand. Etwas Abwechslung brachte immer das Kirchweihfest an St. Bartholomäus. Es war nicht viel was zu dieser Zeit geboten wurde. Doch wir Kinder waren schon froh über das kleine Karussell und die Schiffschaukel – und besonders über die immer wiederkehrenden Melodien aus der alten und ausgeleierten Drehorgel.
Die Mädchen aus der Stadt
Aber da gab es noch etwas in unserem kleinen Dorf, wofür sich vor allen die Buben, wenn auch noch jung an Jahren, sehr interessierten. Es kamen zu dieser Zeit Mädchen aus den Städten zu den Bauern als sogenannte Erntehelferinnen. Sie machten vieles falsch bei ihrer Arbeit, doch sie sorgten im Dorf für besondere Aufmerksamkeit.
Und noch etwas gab es in diesen Sommerwochen in unserem Dorf. Es waren Marinesoldaten die nach ihrer harten U-Boot-Ausbildung Sonderurlaub auf dem Land bekamen. Diese Soldaten waren bei
den Bauern untergebracht und verbrachten natürlich ihre Zeit auch mit den Mädchen aus der Stadt, die im Dorf weilten. Und das war für die schon etwas älteren Dorfbuben besonders interessant. Wir bewunderten nicht nur die jungen Soldaten, vor denen wir Respekt hatten, sondern auch die Mädchen in
knappen Badeanzügen. So etwas hatten wir zu damaliger Zeit noch nicht gesehen. Die älteren Dorfbewohner sprachen dabei von einem „sündhaften Umtrieb“, womit wir Kinder nicht viel anzufangen wussten.
Auch Kriegsgefangene aus Polen und junge Frauen aus der Ukraine arbeiteten bei den Bauern. Sonntags trafen sie sich immer auf dem Dorfplatz und sprachen dabei wahrscheinlich über ihr hartes Schicksal. Obwohl wir Kinder kein Wort verstanden, waren wir neugierig und waren stets in ihrer Nähe.
Mit diesen und ähnlichen Erlebnissen vergingen in diesen Jahren die großen Ferien. Die spärliche Ferienfreude wurde immer wieder getrübt durch traurige Ereignisse des Krieges, durch Gefallene aus dem Dorf. Es war eine traurige Zeit damals, auch in den großen Ferien.

