„Prangertag“ in Harrling: Das ganze Dorf war auf den Beinen

Von Georg Fleischmann · 7. Juni 2023 um 16:14

Das Fronleichnamsfest, auch „Prangertag“ genannt, ist eines der Kirchenfeste, das sich beim Bayerwäldler besonderer Beliebtheit erfreut. In der Pfarrgemeinde Harrling pflegte man seit jeher diesen Tag besonders.

Im Jahr 1264 wurde das Fest durch Papst Urban IV. als „Fest des Leibes Christi“, im Deutschen „Vronlichnam – des Herren Leib“ unter die Feste der Kirche eingereiht. Die ersten Prozessionen hielten nicht bei Altären, sondern die Gläubigen zogen betend durch die Straßen.

„Erst seit dem 15. Jahrhundert kennt man die vier Altäre, die auch in unserer Zeit noch für diese Feierlichkeiten aufgestellt werden. Recht vielseitig war früher auch die Gestaltung desselben. In den Anfangszeiten trugen dabei die Zünfte ihre Zunftzeichen, später waren es Statuen von Heiligen, die das Jahr über ihren festen Platz im Gotteshaus hatten und die mit Blumen geschmückt bei der Prozession mitgeführt wurden.“ (Aus: Alte Oberpfälzer Bräuche)

In der Pfarrgemeinde Harrling pflegte man seit jeher diesen Tag besonders, und alle Gläubigen vom Kind bis zum Greis beteiligten sich an der Prozession, die oftmals bei sengender Hitze durch den Ort zog. Schon tags zuvor waren die Dorfbewohner bis in den Abend hinein damit beschäftigt, aufzuräumen und die mit Brennnesseln bewachsenen Straßenränder abzumähen.

Grüner Teppich aus Brennnesseln

Die Brennnesseln wurden dann über die Straße verstreut, so dass ein grüner Teppich entstand über den am nächsten Tag die Prozession schritt. Vor dem Kirchenaufgang wurde ein mit Tannenreisig gebundener Triumphbogen aufgestellt, der tags zuvor von Frauen mühevoll gebunden wurde.

Ganze Gespanne mit jungen Birken wurden aus den Wäldern herbeigeholt und entlang des Prozessionsweges aufgestellt. Damit diese Birken nicht gleich welk wurden, steckte man diese in mit Wasser gefüllte Blechdosen oder Kübel. Auch die Häuser entlang des Prozessionsweges wurden mit Tannenreisig und bunten Schleifen aus Krepppapier versehen und mit Girlanden geschmückt.

Während die erwachsenen Dorfbewohner für das gute Aussehen im Ort sorgten, waren die Kinder und Jugendlichen damit beschäftigt, die Heiligen-Statuen für die Pranger-Prozession am nächsten Tag vorzubereiten. Es gab viele von diesen Heiligen, die das ganze Jahr über auf einem „Postamentl“ in der Kirche standen und nun am Prangertag herausgeholt wurden.

Da gab es in der Harrlinger Kirche vor allem den Kirchenpatron St. Bartholomäus, den Heiligen Isidor als Bauer mit einer hölzernen Gabel. Die Heilige Notburga als Nothelferin mit der Sichel, das Jesuskind und die Jungfrau Maria mit dem Kind und noch einige mehr.

Für jede dieser Statuen stand eine hölzerne Trage bereit, auf der sie befestigt wurden. Die Trage wurde mit einer weißen Decke abgedeckt, und der Aufbau mit vielen bunten Sommerblumen geschmückt. Die Kinder, die eine Statue tragen durften, wurden vorher schon eingeteilt, um Streitigkeiten zu vermeiden. Auch der Mesner hatte tags zuvor viel zu tun. Ihm oblag das Schmücken der Kirche, das Vorbereiten der kirchlichen Fahnen, der Laternen und des Himmels (Baldachin), unter dem der Pfarrer bei der Prozession mit dem Allerheiligsten schritt.

Sidol-Politur für die Uniform-Knöpfe

Vorbereiten mussten sich auch die Männer der Feuerwehr, die am Prangertag immer feierlich begleitend dabei waren. Mit großer Mühe wurden dabei mit „Sidol“ und einem Stofflappen die Messingknöpfe an der Uniform und der Helm blitzblank geputzt, so dass man damit eine wahre Freude haben konnte. Auch die Musikanten mussten ihre Blechinstrumente aufpolieren, um bei der Prozession nicht unangenehm aufzufallen. Recht aufgeregt waren an diesem Tag auch die Erstkommunikanten, immer in einer großen Zahl. Diese durften bei der Prozession immer ganz nah beim „Himmel“ mitprangern – und das mit der brennenden Kommunionkerze. Dies nahm jedoch oft kein gutes Ende, da sich bei der großen Hitze, die es an diesem Tag meistens gab, die Kommunionkerzen oft unförmig verbogen. Und noch jemand musste sich auf die besondere Arbeit am nächsten Tag vorbereiten. Es war der Böllerschütze, der an diesem Tag unentbehrlich war.

Und so bewegte sich dann am Prangertag unter dem festlichen Geläute aller Kirchenglocken die Prozession durch den Ort und von Altar zu Altar. Ganz voran die Kirchenfahnen, dann kamen die Kinder und die Jugendlichen. Denen folgten die Tragbahren mit den Heiligen-Statuen.

Pfarrer mit der Monstranz

Danach kamen die weltlichen Vereine mit ihren Fahnen, der Himmel, der von vier kräftigen Männern getragen wurde. Und darunter schritt der Geistliche mit der Monstranz. Dieser war umgeben von seinen Ministranten und dem Mesner, gefolgt von den Männern der Kirchenverwaltung und den ehrenvollen Herren der Gemeindeverwaltung mit dem Bürgermeister und schließlich das restliche Volk, Männer und Frauen noch streng voneinander getrennt. Gar mächtig sang dann an den Altären der Kirchenchor, begleitet von der Musikkapelle.

Und dann kam immer der große Augenblick, auf den alle Gläubigen gewartet haben. Wenn der Pfarrer sich anschickte mit der Monstranz den Gläubigen den Segen zu geben, dann erschütterten immer drei gewaltige Böllerschüsse diese heilige Minute und die ganze Umgebung.

Dass diese Böllerschüsse auch immer im richtigen Augenblick abgefeuert wurden, dafür sorgte ein sogenannte Melder, der in Richtung Kirchturm immer das bestimmte Zeichen „Feuer“ gab.

„Hochgelobt und gebenedeit“, so waren dann wieder die rauen Männerstimmen der Vorbeter zu hören, als die Prozession weiterzog. Unter der oft brütenden Hitze waren die Gläubigen immer froh, wenn der vierte und letzte Altar erreicht und mit „Großer Gott, wir loben dich“ die Prozession beendet wurde.

Doch bevor man das andächtige Geschehen verließ, brach man sich noch einen Birkenzweig ab und flocht daraus ein kleines Kränzchen. Dieses hängte man daheim in der Stube auf. Es sollte vor Blitzschlag schützen. Sobald das Kränzlein dürr war, konnte auch mit der Ernte begonnen werden.

Böller schreckte Bruthennen

Das Böllerschießen gehörte einst ebenso zum Prangertag wie das Amen in der Kirche. So war es immer im kleinen Pfarrdorf Harrling. Der „Wies-Luk“, ein älterer Mann aus der Pfarrgemeinde, hat dies viele Jahre gewissenhaft und brav getan.

Seine lauten Böller kamen immer zur rechten Zeit, da konnte man sich darauf verlassen. Sein Arbeitsplatz an diesem Tag war immer am Ortsrand auf der Wiese hinter der Scheune des Bauern Xaver Vogl. Dort konnte er niemanden gefährden, wenn er loslegte. Der Boden erzitterte und auch die Fensterscheiben der näheren Umgebung klirrten, wenn er die Lunte in den mit Pulver gefüllten Böller steckte.

Zu nah am Hof des Vogl-Bauern

Jahrzehntelang hatte der „Luk“ mit seinen Böllern keine ernsthaften Probleme, jedoch einmal passierte ihm folgendes: Beim Aufstellen der schweren Böller hat er wohl den notwendigen Abstand zur Scheune des Vogl-Bauern etwas knapp genommen. Und das just zu einer Zeit, in der die Bäuerin ihre Bruthennen dort angesetzt hatte, und die Eier bereits kurz angebrütet waren. Und dann geschah es.

Schon der erste Böllerschlag war so gewaltig, dass die Bruthennen fluchtartig ihr empfindliches Gelege verließen und erst nach einiger Zeit wieder zurückkamen und weiter brüteten. Doch ohne Erfolg, wie sich bald herausstellte. In den Eiern rührte sich nämlich kein Leben mehr, der Inhalt „schlapperte“, wie man dazu sagte. Die Bäuerin ahnte nichts Gutes und stellte fest, dass sämtliche Bruteier durch die Erschütterung der Böllerschüsse kaputt gegangen sein müssen.

Nun, eine große Tragödie ist aus diesem peinlichen Vorfall nicht geworden. Der „Wies-Luk“ zog jedoch daraus seine Lehre und böllerte wieder draußen auf der Wiese, wo es weit und breit keine Bruthennen gab. Die Erinnerung an diesen Vorgang an Fronleichnam ist jedoch geblieben.

Weißgekleidete Mädchen mit der prächtig geschmückten heiligen Notburga
Die kleinen Kinder durften das geschmückte Jesuskind mittragen.