Öffentliche Sprechstelle: Das einzige Telefon für das ganze Dorf stand meistens im Wirtshaus

Er hing an der Wand, hatte die Größe eines kleinen Kästchens, hatte eine Kurbel und eine Hörmuschel zum Abheben. Was war das? Das war ein Telefonapparat in früheren Zeiten – und das ist noch gar nicht so lange her.
Heute, im Zeitalter der Handys, kaum vorstellbar. „Öffentliche Sprechstelle“ nannte man diese Plätze, von wo aus Telefon-Gespräche mit der „Welt draußen“ geführt werden konnten. Überwiegend waren es Poststellen, die mit einem solchen Apparat ausgestattet waren.
In den kleinen Dörfern dagegen war diese „Öffentliche“ meistens in den Gasthäusern untergebracht, in einem kleinen Nebenraum, damit Außenstehende nicht alles mithören konnten, und das Fernsprechgeheimnis gewahrt war. Ein Wirtshaus eignete sich damals vorzüglich für so eine moderne Einrichtung, denn hier war der Mittelpunkt eines Dorfes.Und es war immer jemand zur Stelle, wenn Not am Mann war.
Über viele Leitungsmasten wurden die Drähte der Freileitung zu den Anschlussstellen in die abgelegenen Dörfer gespannt. Sie führten querfeldein über Wiesen und Felder, und die weißen Isolatoren ganz oben auf der Stange waren allzu gern das Ziel der Buben, mit einer Zwistel die Treffsicherheit zu prüfen.
Zu meinem Heimatdorf führten lange Zeit nur zwei Drähte – und die reichten. So eine Telefonleitung war für uns Kinder äußerst interessant. Nicht nur, weil sie manchmal so komisch „brummte“, wenn es sehr kalt war, sondern weil im Sommer oft viele Vögel, vor allem Schwalben, darauf Platz genommen hatten. In langen Reihen saßen sie dort oben und zwitscherten um die Wette.
Im Herbst waren die Drähte mit dickem Raureif belegt und im Winter hingen sie unter der Last des Schnees beängstigend nach unten. Als Dorfbub wusste man auch, wie viele Blitzableiter sich entlang der heimatlichen Strecke befanden, und sogar die laufenden Nummern der einzelnen Leitungsmasten hatte man im Gedächtnis. Besonders aufregend war immer, wenn von Zeit zu Zeit die „Telefonerer“, also der Bautrupp aus der Stadt, kamen und die Leitung kontrollierten oder erweiterten. Diese Männer waren immer gar seltsam gekleidet. Sie hatten um den Bauch einen breiten Gürtel und an den Schuhen eigenartige Dinge, die man Steigeisen nannte.
Mit weitgespreizten Beinen marschierten sie von Stange zu Stange und kletterten mit den scharfen Spitzen der Steigeisen ohne Mühe bis ganz oben. Kam dann mitunter ein besonderer Lastwagen mit einer großen Rolle Draht oder neuen Holzmasten angefahren. Da war das Kindererlebnis dann vollkommen, denn sowas sah man ja nicht alle Tage.
So einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich dann diese Zeit. Da bekamen dann schon der Herr Pfarrer, so manche Geschäftsleute und größere Bauern einen Telefonanschluss. Die Leitungsdrähte auf den Holzmasten wurden immer mehr, bis sie kaum mehr Platz hatten.
Jahre später begann die Verkabelung. Die Romantik, die die über Jahrzehnte alten Telefonleitungen bisher umgab, war bald dahin.
Kurbel drehen und warten
Vor dem Telefonieren hatte man zu damaliger Zeit noch heiligen Respekt. Man war immer etwas aufgeregt und unsicher, wenn man mal mit jemanden „fernmündlich“ sprechen wollte. Gar oft mussten dann, besonders bei ganz und gar Unkundigen, der Postexpeditor oder der Wirt oder die Wirtin das Gespräch führen, denn so einfach war das „Ingangbringen“ eines Gespräches auch wieder nicht.
Man musste nämlich an einer Kurbel drehen, die sich an einem kleinen Kästchen an der Wand befand, und dann abwarten, bis sich die Vermittlungsstelle meldete. Dann musste man die gewünschte Nummer sagen, was aber oft nicht möglich war, da man diese nicht wusste. In einem solchen Fall nannte man dann nur den Namen des gewünschten Gesprächspartners, und die Vermittlungsstelle besorgte das weitere.
Das „Fräulein vom Amt“ hatte damit längst eine reiche Berufserfahrung und hatte viele Nummern bereits im Kopf. Nach einer Weile, die Ohrmuschel aufgeregt in der Hand, meldete sich dann der gewünschte Gesprächspartner. Nach Beendigung des Gespräches musste man noch die Gebührenmeldung von der Vermittlungsstelle abwarten und die aufregende „Prozedur“ war beendet.
Aber nicht nur Telefongespräche, sondern auch Telegramme wurden so übermittelt, was für die „Dorfleute“ noch viel schwieriger war. Viele traurige aber auch frohe Botschaften gingen hier hin und her. Wenn dann jemand an die Tür klopfte und sagte: „Ein Telegramm für euch“, dann war dies meistens nichts Gutes. Oft war es ein Todesfall, wenn dieser weiter entfernt war oder ein plötzliches Unglück. Aber auch frohe Botschaften gab es. So hat mein Vater, wenn er als Soldat während des Krieges aus Russland in Urlaub gefahren ist, immer aus „Bialystok“, einem Ort an der russisch-polnischen Grenze ein Telegramm geschickt und seine Ankunft in der Heimat mitgeteilt.
Da gäbe es noch so vieles zu erzählen aus der damaligen Zeit, wo die „Telegraferer“ noch in großen Trupps unterwegs waren, um die „fernmündliche Ordnung“ aufrecht zu erhalten. Besonders im Winter, wenn durch die Schneelast und die brechenden Bäume die Freileitungen durch die Wälder beschädigt wurden, dann mussten die „Entstörer“– so hießen die Männer, wenn sie im Dienst waren – „ausrücken“, die schadhafte Stelle suchen und wenn möglich, sogleich reparieren. Kilometerlange Leitungsstrecken mussten oft abgegangen werden, bis man fündig wurde. Albert Gruber aus Cham, ein altgedienter „Telegraferer“ hat uns dazu eine am eigenen Leib erlebte Geschichte erzählt, die wir wiedergeben wollen.
Er war noch Lehrling, als in einem schneereichen Winter die Freileitung von Sattelpeilnstein nach Birnbrunn irgendwo durch die Schneelast gerissen war. Der zuständige Entstörer nahm den damals noch jungen Albert Gruber mit in den Einsatz, also auf die Suche nach der schadhaften Stelle. Diese Freileitung führte durch eine ganz und gar unwirtliche Landschaft, und nur wenige der vielen Telefonstangen standen nahe am Wegesrand.
Brotzeit für die „Entstörer“
Und da halt die Jüngsten immer die unbeliebteste Arbeit verrichten müssen, so musste der junge Albert Gruber die tief verschneite, über Stock und Stein führende Strecke abgehen, während sein Chef nur die am Wegesrand stehende Leitung kontrollierte. Albert Gruber hatte dabei auch eine Rolle Leitungsdraht um die Schulter hängen, denn eine gerissene Leitung musste ja gleich repariert werden. So vergingen oftmals Stunden, bis diese Schäden behoben waren.
Erschöpft erreichten beide „Entstörer“ den Ort Birnbrunn. Hier gab es natürlich beim „Bräu“ eine wohlverdiente Einkehr mit einer stärkenden Brotzeit. Die Wirtsleute waren überglücklich, dass das Telefon wieder funktionierte und lobten die Arbeit des Chefs ganz besonders, während für den jungen Albert, der die schwerste Arbeit verrichtet hatte, nicht mehr viel übrigblieb. Sein Chef erhielt von der Bräuin sogar noch eine Brotzeit zum Mitnehmen überreicht, weil er sich so viel Mühe gemacht hat. Eine Brotzeit, die eigentlich dem Albert Gruber zugestanden wäre, und das „wurmte“ ihn sein ganzes Leben lang.
