Das rät die IHK der Wirtschaft: Strafzölle? – Mehr Selbstbewusstsein, Cham!

Von Johannes Schiedermeier · 15. März 2025 um 05:00

Die Industrie- und Handwerkskammer (IHK) hat auf die Frage nach der Widerstandskraft des Wirtschaft im Landkreis Cham überraschende Antworten.

Die Folgen des Ukrainekriegs, die Verhängung von Strafzöllen durch den US-Präsidenten, hohe Energiekosten, Fachkräftemangel, Kfz- und Bausektor schwächeln… Wir haben den Geschäftsstellenleiter der IHK und deren Gremiumsvorsitzenden gefragt, was das alles für die Wirtschaft im Landkreis Cham bedeutet. Die Botschaft von Richard Brunner und Alois Plößl klingt im ersten Moment überraschend: „Fürchtet Euch nicht!“

Es gibt Hoffnung, sagen Brunner und Plößl, formulieren aber auch die meistgeäußerte Kritik der Unternehmer im Landkreis: politische Unsicherheit und hohe Energiekosten. Was die Unsicherheit betrifft, so geht Plößl – als Optimist, wie er sagt – davon aus, dass spätestens die neue Bundesregierung die Zeichen der Zeit verstanden haben müsste: „Die Politik der letzten Jahre hat viel Vertrauen verspielt, weil sie zu unberechenbar war“, sagt Plößl. Deswegen habe so mancher seine Investitionen hinausgezögert.

Eigeninitiative gefragt

Bei den Energiekosten fordert Plößl auch Eigeninitiative. Es brauche Insellösungen, die Betriebe auch zum Teil selbstständig und unabhängig machen. Jeder müsse selbst dafür sorgen, dass er einen kurzen Stromausfall aus eigener Kraft überbrücken könne. „Das sind aber Investitionen, die sich irgendwann rechnen müssen“, sagt er und verweist auf die eigene Brauerei.

Dort hat er Photovoltaik installiert, die er in großen Teilen nur für den Eigengebrauch nutzt. Dann wird nichts ins Netz eingespeist: „Es wird erzeugt, was wir verbrauchen. Dabei nutzen wir unsere Fahrzeuge und unsere Wärme- und Kältequellen als Pufferspeicher.“ Plößl kritisiert jedoch, dass ihn das nicht davor bewahrt hat, dass selbst die Teile der Energiegewinnung, die nur der Selbstversorgung dienen, in Zeiten hohen Stromaufkommens abgeschaltet werden. „Dann beziehen wir teuren Strom zwangsweise, den wir gar nicht bräuchten. Damit rechnet sich so eine Anlage viel später. Das muss sich ändern.“

Daran kann ein Unternehmer also selbst drehen. Aber was ist mit den US-Strafzöllen? Brunner winkt ab. Derzeit könne niemand genau sagen, wie sich das auswirken werde. Was man allerdings schon sehen könne: Der Dow-Jones geht in den Keller, während der Dax noch gut dasteht. Brunner glaubt daran, dass Trumps Milliardäre ihren Chef einregeln werden, wenn sie weiterhin so viel Geld verlieren, wie es sich gerade abzeichnet: „Die Stimmung steigt schon“, sagt Brunner.

„Prinzip von Versuch und Irrtum“

Plößl fragt sich, ob man Trump überhaupt einschätzen kann: „Momentan sieht das alles eher aus wie das Prinzip von Versuch und Irrtum.“ Er gehe davon aus, dass auch die Justiz Trump und Musk einregeln werde. Ganz abgesehen davon habe die deutsche Regierung – so oder so – den gleichen Auftrag: das Land wettbewerbsfähig zu halten.

Brunner rät zu Gelassenheit: „Die Amerikaner haben zu wenige Fachkräfte, ein schlechtes Ausbildungssystem und ein schlechtes Bildungssystem. Sie brauchen viele Produkte aus dem Ausland, weil sie vieles nicht herstellen können.“ Brunner fordert mehr Selbstbewusstsein im Landkreis. Während die Vereinigten Staaten lediglich auf Digital-Wirtschaft spezialisiert seien, habe der Landkreis Cham in den vergangenen Jahren massiv in die Stärken Deutschlands investiert. Brunner deutet über die Schulter, wo der Technologie-Campus und die neue Berufsschule zu sehen sind: „Wer bei uns eine Ausbildung macht, der kann auch was.“

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Der Landkreis Cham habe insbesondere von der Grenzöffnung extrem profitiert, und der Nachbar Tschechien ebenfalls. Die Wirtschaft sei stressresistenter geworden. Sie komme später in eine Krise und sei früher wieder heraußen. Brunner zählt die Stärken auf: „Kleinteilig, mittelständisch, familiengeführt, vielfältig, flexibel…“

Im Gegensatz dazu vergraule Trump gerade seine Geschäftspartner. Viele Fachkräfte überlegen sich, ob sie in dem aktuellen Amerika noch arbeiten wollen. Plößl sieht sogar einen positiven Effekt: „Trump wird – so hart die Situation für alle anderen gerade ist – dafür sorgen, dass Europa schneller und unabhängiger wird.“

Exportquote von 45 Prozent

Brunner bleibt auf Kurs in Sachen Selbstbewusstsein: „Wir sind ein Landkreis mit einer Exportquote von 45 Prozent, und wir sind da unvermindert stark.“ Man könne sich aber wegen Trump nicht völlig von den USA abwenden. Die seien weiterhin ein wertvoller Partner. Man könne sich aber gleichzeitig anderen Partnern mehr zuwenden. Für das Erkennen neuer Lieferketten sei es aber noch zu früh. „Ruhig bleiben“, fordert Brunner. Das sieht auch Plößl so: „Wenn sich rausstellt, dass Trump bloß in der Schule nicht aufgepasst hat und doch keinen Plan hat, dann ist die Erkenntnis, dass man selbstständiger werden muss in Europa.“

Plößl wünscht sich ein Europa aus der derzeit sich bildenden „Achse der Willigen“, die von Kanada über Großbritannien und Deutschland bis ins Baltikum reicht. „Man muss in diesem Staatenbund weg kommen vom Prinzip der Einstimmigkeit. Und wer die Werte mit Füßen tritt, darf auch kein Geld bekommen. Europa ist derzeit zum Zahlmeister verkommen und jeder bedient sich so gut er kann. Das muss aufhören!“

Brunner setzt noch einen drauf: In der Wirtschaftsregion zwischen Pilsen und Regensburg, in der der Landkreis Cham inzwischen eine tragende Rolle spielt, werde in den Betrieben mit mehr als 20 Mitarbeitern ein Bruttoinlandsprodukt von 67,3 Millionen Euro erwirtschaftet: „Damit liegt diese kleine Region von der Wirtschaftskraft her vor sieben europäischen Mitgliedsstaaten“, sagt der IHK-Geschäftsstellenleiter.

„...aber es beruhigt uns“

Er legt eine Statistik auf dem Tisch. Hinter der genannten Region liegen zum Beispiel Slowenien, Lettland und Estland. „Das macht uns nicht überheblich, es beruhigt uns aber. Wir haben das drauf, weil unsere Leute gut sind“, sagt Brunner.